23. März 2023

Angst ist kein guter Lehrer

Viele Schüler sorgen sich wegen der Klimakrise um ihre Zukunft. Gerade deswegen gehört auch der Optimismus auf den Lehrplan. Dies meint der liberale Gymnasiallehrer Robert Benkens aus Oldenburg.

Robert Benkens, Lehrer für Deutsch und Politik am Liebfrauengymnasium in Oldenburg

Nicht erst seit der Pandemie und Putins Invasion in der Ukraine wächst eine ganze Generation in einem Klima der Angst auf. Laut einer aktuellen Studie der Vodafone- Stiftung machen sich 86 Prozent der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland Sorgen um ihre Zukunft. Nur 23 Prozent erwarten beispielsweise, dass das Land den Klimawandel bis 2050 in den Griff bekommt. Aus meiner Erfahrung als Lehrer kann ich sagen, dass viele Jugendliche tatsächlich glauben, sie gehörten zur »letzten Generation«. Das schockiert mich.

Liegt ausgerechnet die Generation, die in einer Zeit aufwächst, in der die größten Fortschritte bei Armuts- und Krankheitsbekämpfung, Lebenserwartung und Katastrophenschutz gemacht wurden, wirklich richtig, wenn sie derart pessimistisch in die Zukunft schaut?

Als ich in der Oberstufe unserer Schule Grafiken zu diesen Fortschritten zeigte, hatte ich erwartet, Zuversicht in den Augen der Schülerinnen und Schüler zu sehen. Stattdessen erlebte ich ungläubiges Staunen – nach dem Motto: »Da kann doch etwas nicht stimmen!« Doch, es stimmt. Die Daten stammen von Our World in Data, einem Statistikinstitut der Uni Oxford. Aber seit dem Aufkommen der Fridays-for-Future-Bewegung bedeutet »Follow the Science« für viele meiner Schülerinnen und Schüler so viel wie: Der Untergang ist nah. Dazu tragen Aussagen wie diese zur besten Sendezeit in der ZDF-Dokureihe Terra X bei: »Ich sage Ihnen, dass wir unsere Kinder in einen globalen Schulbus hineinschieben, der mit 98 Prozent Wahrscheinlichkeit tödlich verunglückt.« Wenn Hans Joachim Schellnhuber, Gründer des Potsdam- Instituts für Klimafolgenforschung, so etwas sagt, bleibt es haften.

Ich sage Ihnen, dass wir unsere Kinder in einen globalen Schulbus hineinschieben, der mit 98 Prozent Wahrscheinlichkeit tödlich verunglückt.

Weltklimarat: Ernste Lage aber kein “Worst Case-Szenario”

Ich möchte meinen Schülerinnen und Schülern gern zurufen, dass es nicht nur Grund zur Depression gibt. Dass es, auch in der Klimadebatte, nicht nur »die« Wissenschaft gibt. Dass man sich die Dinge genau ansehen muss, dass das zum kritischen Denken gehört – auch wenn es um das gigantische Zukunftsthema Klima geht. Anfang April wurde der dritte Teil des neuen IPCC-Klimaberichts vom Ausschuss für Klimaänderungen der Vereinten Nationen veröffentlicht. Teil eins dieses Berichts von 2021 differenziert den wissenschaftlichen Sachstand. Teil zwei vom Februar 2022 beschäftigte sich mit möglichen Klimafolgen. Der IPCC geht dabei davon aus, dass »die Verluste und Schäden« zunehmen werden und Mensch wie Natur an »Anpassungsgrenzen stoßen« werden – weshalb der aktuelle Teil drei in seinem Resümee sowohl auf Lebensstilveränderungen wie auch Energiewende setzt. Da gibt es noch genug zu tun, aber laut IPCC-Autor Zeke Hausfather eben auch Fortschritte, gerade im Energiesektor. Er warnte deshalb schon 2020 davor, »Worst-Case-Szenarien als die wahrscheinlichsten zu betrachten«, denn dies könne zu Defätismus führen. Und Brian O’Neill, Entwickler der IPCC-Szenarien, betont, dass diese mit einer Zunahme des Wohlergehens rechneten, das durch den Klimawandel beeinträchtigt werden könnte. Es gebe aber »kein Mad-Max-Szenario«. Kurzum: Der Klimawandel bringt große Risiken, aber nicht den Weltuntergang.

Zyklon Bhola 1970: Fast eine halbe Million Tote.

Natürlich wäre es verantwortungslos, tatenlos auf hinreichend viele Belege für eine Kettenreaktion im Klimageschehen zu warten – sogenannte Kipppunkte. Panik allerdings motiviert junge Menschen nicht zum Tüfteln an bahnbrechender Klimatechnologie oder einer rational durchdachten Energiepolitik, sondern zu Fatalismus und Anklage, Umsturzfantasien und rhetorischer Eskalation. Wir müssen nicht übertreiben, um deutlich zu machen, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel absolut dringlich sind. Pädagogisch zielführender wäre es, Schülern auch einmal eine rational-optimistische Perspektive zu bieten. Ja, mit dem liberalen Wohlstandsmodell steigen Energieverbrauch, Emissionen und Klimarisiken – aber eben auch die Widerstandskraft und das Vermögen, beidem entgegenzuwirken. So viel Differenzierung muss sein – auch und gerade in der Schule. Die Zahl der Opfer von Naturkatastrophen ist in den vergangenen 100 Jahren dank des ökonomischen und technischen Fortschritts um über 90 Prozent gesunken, obwohl sich die Weltbevölkerung vervierfacht hat. In Bangladesch kamen beim Zyklon Bhola 1970 bis zu einer halben Million Menschen ums Leben – 2020 waren es beim Super-Zyklon Amphan gerade 128. Solche Perspektiven kommen in der Schule kaum vor.

Greta Thurnberg: Ein Film in der Schule hat mich aufgerüttelt.

Greta Thunberg hat einmal gesagt, dass sie durch einen Film im Schulunterricht über die Klimakatastrophe aufgerüttelt worden sei. Wenn sie heute anderen Kindern »Our world is on fire!« zuruft, wäre es Aufgabe von Lehrkräften, dies zu prüfen. Die Nasa zeigt: Verbrannte Wald- flächen sind in den vergangenen zwanzig Jahren um ein Viertel geschrumpft, die Erde wird sogar grüner.

Aktivisten weisen zwar zu Recht darauf hin, dass die Klimaerwärmung vielerorts die Waldbrandsaison verlängert oder Starkregen wahrscheinlicher macht – blenden aber aus, dass Wald- und Flutmanagement darüber mitentscheiden, ob aus einer Trockenphase ein Flächenbrand oder aus Starkregen eine Flutkatastrophe wird. Dies berücksichtigend forderte die Klimaforscherin Friederike Otto: »Hört auf, das Klima für Katastrophen verantwortlich zu machen.« Zudem warnt sie zwar vor Klimarisiken wie Hitzewellen, differenziert aber dahingehend, dass der Einfluss des Klimawandels bei Fluten, Stürmen und Dürren »deutlich geringer« sei.

Warum  werden Extremprognosen überall zitiert – viel seltener aber William Nordhaus, Erfinder des Zwei-Grad-Ziels und Nobelpreisträger für Klimaökono- mie? Vielleicht weil er nicht nur vor den Kosten eines ungebremsten Klimawan- dels warnt, sondern auch vor denen einer radikalen Klimapolitik?

Karl Popper, Philosoph, 1902-1994: Stammesdenken unter Wissenschaftlern.

In Die offene Gesellschaft und ihre Feinde warnt Karl Popper, der große liberale Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, vor Stammesdenken – auch unter Wissenschaftlern. Eine Beschäftigung mit Poppers kritischem Rationalismus täte vielen Schülern gut. In   Zeiten von Fake-News ist es ein gutes Zeichen, dass sie die Wissenschaft hochhalten. Viele begehen dabei aber einen tückischen Denkfehler: Akti- visten wie Rezo oder Luisa Neubauer ant- worten auf den Irrationalismus von Klimaleugnern mit einem autoritätshörigen Pseudorationalismus. Popper verstand da- runter den Glauben an die Überlegenheit der eigenen Modelle und intellektuellen Gaben, der den Anspruch erhebe, eingeweiht zu sein und mit unfehlbarer Auto- rität die Zukunft vorhersagen zu können. 1986 titelte der Spiegel »Das Weltklima gerät aus den Fugen« und zeigte dazu den Kölner Dom, der halb unter Wasser steht: Ohne drastische Umkehr käme in zwei Jahrzehnten die Klimakatastrophe – da seien sich Experten einig. 1972 warnten die Experten des Club of Rome in Die Grenzen des Wachstums vor immer mehr Hunger und Elend. Trotz all der falsifi- zierten Untergangsprognosen prägt das Weltbild der Siebzigerjahre unsere Schüler bis heute – »Generation Doom«.

Autoritätshörigkeit zeigte sich auch in der Corona-Debatte: Jan Böhmermann hielt es für eine »False Balance«, wenn vom Konsens abweichenden Stimmen wie dem Virologen Hendrik Streeck eine Bühne geboten würde. Ja, Streeck irrte sich – und? Auch Karl Lauterbach irrte sich zigfach. Immerhin gab Herr Lauterbach voriges Jahr zu, dass Streeck mit seiner Einschätzung, Covid verlaufe stark saisonal, »voll recht« gehabt habe. Vorher hatte er bei Markus Lanz versichert, dass »kein einziger Wissenschaftler diese Hoffnung« habe. Gemäß der »False-Balance-Logik« hätte man Streecks Position ausgrenzen müssen, nur weil sie zunächst dem »wissenschaftlichen Konsens« widersprach. Apropos Konsens: Mit ihren drastischen Corona-Prognosen lagen Christian Drosten, Melanie Brinkmann, das Robert-Koch-Institut, die Nationale Akademie der Wissenschaft und der 19-köpfige Expertenrat Ende 2021 jedenfalls auch teils daneben. Hört auf die Wissenschaft? Ja, aber seid nicht »lagerhörig«.

Gerade im Irrtum sah Karl Popper keine Schwäche, sondern die Bedingung von Erkenntnis. Poppers Haltung »Ich kann mich irren, du magst recht haben, aber gemeinsam werden wir vielleicht der Wahrheit näherkommen« bringt es auf den Punkt. Statt Rechthaberei und Welt- bildbestätigung brauchen wir Offenheit, Fehlertoleranz und Dialogbereitschaft. Eine zentrale Institution, diese Freiheit des Denkens zu sichern, ist die Schule.

Ermöglicht Schülern Freiräume für rational und offen geführte Diskurse.

Wenn Popper auch uns Lehrerinnen und Lehrern heute einen Rat geben könnte, dann vielleicht diesen: Zeigt, wie Politisierung und Lagerdenken den Blick auf die Welt und Fakten einschränken. Vermittelt, dass Wissenschaft nicht primär vom Konsens, sondern vom Korrektiv lebt. Ermöglicht Schülern Freiräume für rational und offen geführte Diskurse. Sie merken ohnehin, welche Antworten bei Themen wie Klimawandel sozial erwünscht sind. Ein Teil wird zu Aktivisten, andere aber nicken nur ab, sind genervt – weshalb Aktivisten wiederum meinen, erst recht vor dem Ende der Welt warnen zu müssen. Dieser Alarmismusspirale entgegenwirken könnte ein Unterricht, in dem unterschiedliche Lösungswege aufgezeigt werden. An unserer Schule hatten wir ein solches Projekt, für das wir auch Experten mit konträren Sichtweisen zum Umgang mit dem Klimawandel einluden. Wie wir das nennen? Schools for Future.

Verwandte Artikel

Persönlichkeitstypen in der Bildungspolitik

Anlässlich der Landratssitzung vom 9. Februar 2023 wurde über die Motion von Anita Biedert, SVP, «Verzicht auf Französischunterricht an der Primarschule» debattiert. Die Motionärin erläuterte ihr Anliegen argumentativ fundiert, taktisch geschickt und zugleich sympathisch unterhaltsam. Anhand der zahlreichen Wortmeldungen der BefürworterInnen und GegnerInnen von Frühfranzösisch lassen sich mit ausschliesslichem Bezug auf die erwähnte Debatte fünf Politikertypen herausschälen.

Sind heutige Schüler überfordert?

Mit Tomas Kubelik begrüssen wir einen neuen Gastautor im Condorcet-Blog. Der Gymnasiallehrer und Buchautor aus Österreich vertritt eine dezidiert konservative Pädagogik und hält eine Schule, die von den Kindern zu wenig verlangt, für genauso inhuman wie eine reine Paukerschule. Wir nehmen an, dass es hier auch Widerspruch geben wird.

2 Kommentare

  1. Vorspann: “Dies meint der liberale Gymnasiallehrer Robert Benkens aus Oldenburg”
    Ich frage mich, ob es wirklich nötig ist, die Leserschaft im Vorspann mit der Etikettierung “der liberale Gymnasiallehrer” vor einer möglicherweise ideologisch gefärbten Sichtweise zu warnen. Liberal ohne Vorsilbe wird ja heute gerne abwertend mit “rechts-konservativ” oder “rechtsbürgerlich” gleichgesetzt. Der Autor vertritt hier schlicht eine aufklärerische Position.

  2. Wer die Warnungen einiger “Experten” von 1972 und die der Klimaforscher von 2022 unqualifiziert gleichstellt, der betreibt keine Aufklärung, sondern verdummt. Es ist auch Verdummung so zu tun, als würden Fehler während der ersten drei Jahren Corona bedeuten, dass in der Wissenschaft jetzt alles zur Diskussion steht. Was er zur Politik sagt, mag stimmen, aber was die Wissenschaft angeht, bewegt er sich auf sehr dünnem Eis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert