29. September 2026

«Goethe oder Google: Wer erklärt uns die Welt?»

Nun hat es uns doch noch einen Buchtipp reingeschneit. Frau Dr. Marianne Wüthrich stellt unseren Leserinnen und Lesern das Buch von Professor Mario Andreotti “Eine Kultur schafft sich ab” vor.

Dr. Marianne Wüthrich: Lasst sie wieder unterrichten.
Mario Andreotti, Germanist, Kolumnist und Autor: Die Simplifizierung ist bedenklich.

«Eine Kultur schafft sich ab», so der wenig erbauliche Titel, den der Sprach- und Literaturwissenschaftler Mario Andreotti für seine Sammlung von Zeitungskolumnen im St. Galler Tagblatt gewählt hat. Leider, muss man hinzufügen, passt diese Überschrift. Und dennoch ist es für die Zeitungsleserin jedes Mal eine Freude, ja sogar ein Hoffnungsschimmer, wenn sie auf eine der prägnanten Kritiken an unserem Bildungssystem stösst. Denn Zehntausende von Lesern können auf diesem Weg erfahren, was in unseren Schulen schiefläuft, beziehungsweise welche fatale Entwicklung in der EDK und den PHs angebahnt wurde. Der Autor lässt es aber nicht dabei bewenden, sondern zeigt auch auf, wo Korrekturen nötig und möglich sind. Auf aufschreckende Fragen wie «Verkümmert unsere Sprache im Internet?» folgen auch Antworten: «Frühdeutsch ist notwendiger als Frühenglisch», zum fatalen Niedergang des Fachs Geschichte erscheint einige Zeit später der Artikel «Warum Geschichte heute wichtiger denn je ist».

Bild: Verlagshaus Schwellbrunn

Mario Andreotti nennt auch Ross und Reiter, zum Beispiel unter den Titeln «Die verkaufte Bildung: Schule im Sog des Marktes», «Talentförderung: Firmen drängen in die Schule» und er warnt: «Bildung ist mehr als Fitmachen für den Beruf». Die Abkehr von der Methoden- und Lehrfreiheit der Lehrer ist dem Autor – so wie vielen von uns kritischen Beobachtern der unguten Schulreformen – ein besonderer Dorn im Auge: «Verkommt die Schule zur digitalen Diktatur?», «Wie Schulen sanft gesteuert werden». Nicht immer sanft, ist dazu zu bemerken, denn im letzten Text des Buches geht es um die Lehrer, die den Schulen davonlaufen. Besonders wertvoll sind die Kolumnen mit der Bewegung nach vorne: «Was Kinder wirklich brauchen», «Lasst sie wieder unterrichten!» oder die Rückforderung einer humanistischen Bildung anstelle des geschäftigen Tuns isolierter Kinder an ihrem Tablet: «Goethe oder Google: Wer erklärt uns die Welt?»

Die Redaktion des Zürcher Newsletters wünscht Mario Andreotti, den wir auch an einem Vortragsabend der «Starken Volksschule Zürich» als hervorragenden Pädagogen kennen- und schätzen gelernt haben, viele interessierte und engagierte Leserinnen und Leser für seine ansprechende und vielseitige Zusammenschau aus der heutigen Bildungslandschaft.

Marianne Wüthrich

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

120 Secondes, ein Leckerbissen aus der Romandie

120 Sekunden (abgekürzt “120”) ist eine ausserordentlich witzige Satiresednung des Westschweizer Fernsehens. Moderiert wird sie von Vincent Kucholl und Vincent Veillon.
Zwischen 2011 und 2014 wurde die Sendung täglich um 7.50 Uhr auf Couleur 3 (Schweizer Radio und Fernsehen) ausgestrahlt. Es handelt sich um Interviews mit fiktiven Persönlichkeiten zu aktuellen Themen. Im Allgemeinen werden die Charaktere von Vincent Kucholl gespielt, während Vincent Veillon der Interviewer ist.
Seit dem 31. August 2018 ist die 120-Sekunden-Serie wieder im Radio zu hören und wird wöchentlich am Morgen von La Première2 gesendet. Viel Vergnügen!

Humboldt richtig lesen

In seinem Plädoyer für die Kompetenzorientierung berief sich Professor Markus Wilhelm (Zu oft wird der Bildungsbegriff im gymnasialen Schulalltag gleichgesetzt mit Wissensvermittlung, 5.10.2020) auf Wilhelm Alexander Humboldt, was in den Kreisen der Condorcet-Leser und -leserinnen für Erstaunen sorgte. Die Redaktion veröffentlicht hier im Voraus einen Textausschnitt von Professor Bernard Schneuwly, in welchem er die Grundidee des Humboldtschen Bildungsideals zusammenfasst. Der ganze Text wird unseren Leserinnen und Lesern demnächst präsentiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert