Auf der rechten Suche nach der verloren gegangenen Selbstverständlichkeit

Man kann es als Lesewarnung verstehen, die der Condorcet-Autor Georg Geiger hier ausspricht. Seine Buchbesprechung von Caroline Sommerfelds Erziehungsbuch «Wir erziehen – Zehn Grundsätze» setzt sich überaus kritisch mit dem Inhalt auseinander, den die Ikone der Neuen Rechten der Öffentlichkeit vermittelt. Dabei verkennt Georg Geiger nicht, dass hier durchaus relevante Fehlentwicklungen angesprochen werden. Den Rezepten von Frau Sommerfeld attestiert er aber viel Geschwätzigkeit und einen Hang zu rechtsnationalem Denken.

Georg Geiger, pens. Gymnasiallehrer, Basel-Stadt.: Für alles Negative sind letztlich die linksgrünen, urbanen Eliten mit ihren «Gleichheits- und Menschheitsbeglückungsutopien» verantwortlich.

Die rechtsintellektuelle Publizistin Caroline Sommerfeld, die sich selbst als «anthroposophische Katholikin» bezeichnet, macht sich auf die Suche nach dem «konservativ-revolutionären Geist» der Reformpädagogik von Maria Montessori, Peter Petersen und Rudolf Steiner, um Grundbegriffe wie «Führung», «Autorität», «Rasse», «Heimat» und «Grenze» neu zu entdecken und markant zu installieren. Ihr Anspruch ist es, wie sie in der Danksagung formuliert, «ein wegweisendes Erziehungsbuch» der Neuen Rechten im deutschsprachigen Raum vorzulegen, das helfen soll, «führungsunfähige» und «verweifelte» Eltern aus ihrem «postmodernen Schlummern» zu wecken und sie hinzuführen zur Wiederentdeckung einer verloren gegangenen Selbstverständlichkeit, die es dann wieder ermöglichen soll, «dass Deutschsein die lebendige Wesensform der Heranzubildenden» wird. Ihre Suche gestaltet sich zu Beginn akademisch belesen, oft geschwätzig und anekdotenhaft, zunehmend kalt und letztlich fanatisch, dass es einem bei der Lektüre graut.

Seit ihrem publikumswirksamen Auftreten an der Frankfurter Buchmesse 2017, als Sommerfeld ihr zusammen mit dem österreichischen Publizisten Martin Lichtmesz verfasstes Buch «Mit Linken leben» vorstellte und Björn Höcke hierzu die Einleitung gestaltete, wird Sommerfeld zu einer intellektuellen Ikone der Neuen Rechten heraufstilisiert. Besonders pikant an ihrer Biographie scheint zu sein, dass sie mit dem linksintellektuellen Germanisten Helmut Lethe liiert ist, mit dem sie drei Kinder hat. Sommerfeld kokettiert auch auf der ersten Seite ihres Erziehungsbuches in der Danksagung mit dieser Les-extrèmes-se-touchent-Beziehung: «Allen voran ist mein Mann zu nennen, der auch als 68er nie ein Antiautoritärer war und der sich stets nach Form sehnt wie ich.»

Besonders pikant an ihrer Biographie scheint zu sein, dass sie mit dem linksintellektuellen Germanisten Helmut Lethe liiert ist, mit dem sie drei Kinder hat.

Caroline Sommerfeld-Lethen (geb. Sommerfeld; * 1975 in Mölln)[1] ist eine deutsche Philosophin und Publizistin: Die Grenzen wiederentdecken.
Nun, nach welcher Erziehungsform sehnt sich Sommerfeld mit ihren zehn Grundsätzen in ihrem appellativen Erziehungsbuch «Wir erziehen»? Sie bezieht sich hauptsächlich auf die Reformpädagigik von Maria Montessori (1870-1952), Peter Petersen (1884-1952) und Rudolf Steiner (1861-1925): «Die seinerseits konservativ-revolutionäre, lebensphilosophische Kultur- und Modernekritik der im Grunde ‘rechten’ Reformpädagogik ist mit dicken Schichten linker Freiheits-, Gleichheits- und Grenzenlosigkeitsvorstellung überpinselt worden. Ich habe also an diesen Schichten zu kratzen begonnen. Hervor traten – kaum gebraucht, fast neu – Grundbegriffe wie Führung, Distanz zwischen Kind und Erwachsenen, Autorität, Gemeinschaft und Heimat sowie ein ausserordentlich inspirierender Zugriff hinauf in geistige Höherentwicklung, der die Selbsterziehung des Erwachsenen einbegreift. Am vorläufigen Ende meiner Grabungsarbeit trat mir das vor Augen, was uns seit der Jahrtausendwende fehlt: die Wiederentdeckung der Grenze und damit überhaupt erst die Möglichkeit der Erziehung.»

Sommerfeld: Wir erziehen: Das Übel sind die «68er Pädagogen».

Damit ist der grosse Bogen von der Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum politischen Erweckungserlebnis der Identitären Rechten 2015 mit den offenen Grenzen der deutschen Asylpolitik geschlagen. Sieglinde Jornitz kommentiert in ihrer differenzierten Buchkritik «Form und Inhalt. Über Erziehungsvorstellungen in Sommerfelds Buch ‘Wir erziehen’» (Pädagogische Korrespondenz 61/20) diese historische Ausgrabung mit folgenden Worten: «Erziehungswissenschaftlich ist es von Interesse, dass sie sich vor allem auf drei Autoren stützt, deren Verwicklung mit dem Nationalsozialismus und italienischen Faschismus bzw. im Falle von Steiner: dessen rassentheoretischen Schriften sie zu problematischen, wenn nicht gar belasteten Autoren werden lassen.» Nun, mit dem Nationalsozialismus setzt sich Sommerfeld kaum auseinander. Sie distanziert sich zwar in einem einzigen (!) Satz davon, wie der deutsche Faschismus «äusserliche Führerschaft» oktroyierte, doch für Sommerfeld liegt der politische und pädagogische Sündenfall des 20. Jahrhunderts ganz woanders, und dem ist ihr Buch obsessiv und wirklich grenzenlos gewidmet: Das Übel sind die «68er Pädagogen», die «akademische Neue Linke», die «Linken Pädagogen», die «Linksintellektuellen», «die sowjetischen Kinderheimerzieher und ihre 68er Adepten», die «Gesellschaftsplaner», die «Kuschelpädagogik», kurz: «die linke Elite»!

Der Trick der linken Elite ist es ihrer Ansicht nach, die Geschichte durch die Konstruktion falscher Gegensätze zu kontrollieren und planmässig zu steuern.

Und dieser Machelite unterstellt sie einen geheimen Plan der Zerstörung: «Ich bin versucht, anzunehmen, dass diese Grossangelegtheit, Planmässigkeit, Steigerung, Überdrehung, Unfassbarkeit der Bewegung zwischen Grenze und Entgrenzung System hat.» Der Trick der linken Elite ist es ihrer Ansicht nach, die Geschichte durch die Konstruktion falscher Gegensätze zu kontrollieren und planmässig zu steuern: «Die heutige gruselige Melange in der pädagogischen Avantgarde besteht aus vom Marxismus zur politischen Korrektheit  übergegangenen Linken, die uns eine globale, digitalisierte und demokratische Weltgesellschaft verheissen und gleichzeitig mit naturwissenschaftlichen Begründungen der traditionellen Erziehung politisch den Garaus machen will.» Und diese linke Elite will auch, dass die Öffentlichkeit und die Elternhäuser «uniform denken». Mit dem Aufoktroyieren von Begriffen wie ‘Freiheit’ und ‘Selbstbestimmung’ lastet dann ein sozialer Druck «als ideologischer Machtapparat auf den Eltern und Lehrern und hat natürlich auch die Kinder angesteckt.»

Den linken Gesellschaftsplanern schiebt Sommerfeld nun alles in die Schuhe, was zu  ihrem Unbehagen in der Kultur gehört: Die Hirnforschung, der Kompetenzbegriff, der übersteigerte Individualismus, die Ökonomisierung aller Lebenszusammengänge, die Säkularisierung, der Konstruktivismus, das neoliberale Konzept der Selbstoptimierung und natürlich die Globalisierung mit all ihren Folgen.

Immanuel Kant: Hin zu deutscher Tradition.

Den linken Gesellschaftsplanern schiebt Sommerfeld nun alles in die Schuhe, was zu  ihrem Unbehagen in der Kultur gehört: Die Hirnforschung, der Kompetenzbegriff, der übersteigerte Individualismus, die Ökonomisierung aller Lebenszusammengänge, die Säkularisierung, der Konstruktivismus, das neoliberale Konzept der Selbstoptimierung und natürlich die Globalisierung mit all ihren Folgen. Für alles Negative sind letztlich die linksgrünen, urbanen Eliten mit ihren «Gleichheits- und Menschheitsbeglückungsutopien» verantwortlich. Was bleibt da noch Positives und Widerständiges, auf das sie als identitäre Rechte zurückgreifen kann? Es ist der Rückgriff auf das, «was früher (…) einfach war, was jedermann konnte, nämlich seine Kinder ordentlich erziehen …» Das steckt auch im Titel des Buches: «Wir erziehen – Zehn Grundsätze» In alttestamentarischer Art bemüht sich Sommerfeld, auf eine Ordnung zurückzugreifen, die es schon immer gegeben haben soll: Weg vom pädagogischen Rattenfänger-Utopisten Rousseau hin zu Vater Kant und damit zu einer «alten deutschen Tradition», wonach «das Kleinkind von Natur aus als Triebwesen» mit einem zu überwindenden Willen angesehen wird, um dann gelenkt und geführt zu werden.  Das ergibt dann den «guten und gesunden sozialen Normalfall», wo wir wehmütig auf «die Zeit vor der digitalen Zeit» zurückblicken, wo wir das «Deutschsein» als die «lebendige Wesensform der Heranzubildenden» wiederentdecken, wo die «bäuerliche Selbstversorgerwirtschaft» das grosse Vorbild ist, wo Eltern besser erziehen, weil sie wieder gläubig sind, und wo es Tischgebete und freitags immer Fisch gibt.

Je länger sich das Buch mit seiner geschwätzigen Kritik («Ich kenne Eltern, die….») den alltäglichen pädagogischen Erfahrungen hingibt, um so mehr verliert es an intellektuellem Bemühen und verfällt am Schluss dem, was der deutsche Philosoph Ernst Bloch 1935 in seinem Buch «Erbschaft dieser Zeit» als Kern des deutschen Nationalsozialismus» nennt: dem «Blutmythos». Bei Sommerfeld heisst das dann «Rasse», «Lebensraum und Seelenraum», wo eine «höhere Macht die Menschenwelt in der Geschichte nach Rassen und Völker ordnet». So finden dann «wir» – im Unterschied zu den anderen – zu unserem  «in der volklichen Eigenart verwurzelten Volkstum und Volk-Sein». Dies ist der Weg, den Sommerfeld den «Völkern Europas» vorschlägt, um dem drohenden  Aussterben durch den «grossen Austausch» zu entkommen.

Es ist höchste Zeit, diese Besprechung hier abzubrechen. Das «Rechtssein als Lebensform», wie es der Erziehungswissenschaftler Christian Niemeyer in seinem bissigen Kommentar vom 17. August vergangenen Jahres  (www.hagalil.com) beschreibt, endet in «Fanatismus und Kälte» und artet zu einem rauschhaften Bekenntnis zu Blut und Boden aus, dass einem angst und bang wird.

Georg Geiger

Caroline Sommerfeld: Wir erziehen – Zehn Grundsätze. Schnellroda 2020. 2.Auflage

ISBN: 978-3-944422-78-7

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2 Kommentare

  1. Unglaublich, wie Erziehung und Bildung immer wieder für politisch fragwürdige Ziele instrumentalisiert werden. Nach einem Jahrhundert, das mit dem Gedanken der vollständigen Unterwerfung des Einzelmenschen unter eine politisch einseitig ausgerichtete Gemeinschaftsideologie in den nationalsozialistischen und den kommunistischen Totalitarismus mit den bekannten Folgen geführt hat, treten immer noch Heilsprediger(innen) auf, die solche antiliberalen, gegen die persönliche Autonomie gerichteten Gemeinschaftsideen (“Deutschtum”) propagieren und zu diesem Zweck nicht vor einer verfälschenden Geschichtsdeutung zurückschrecken.

  2. Wenig bekannt sein dürfte, dass der pejorative Begriff «Frontalunterricht» von Peter Petersen stammt (P. Petersen und E. Petersen: Die Analyse des Frontalunterrichts mit Hilfe von erziehungswissenschaftlicher Aufnahme und Tatsachenliste. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena 3, 1954, S. 509–529). Der Begriff wird seit den 1960ern wie selbstverständlich anstelle des Begriffs «Klassenunterricht» benutzt, zumeist in abwertender, diffamierender Absicht, um die zu bevorzugende Gruppenarbeit und andere offene Unterrichtsformen davon abzuheben. Man muss sich fragen, warum der rechtslastige, militaristische Begriff «Frontalunterricht» heute immer noch anstelle des Begriffs «Klassenunterricht» überall verwendet wird?

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