17. Januar 2022

Buchbesprechung: «Sind Inklusion, Integration in der Schule gescheitert?»

Beat Kissling, Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Dozent und pens. Gymnasiallehrer, Mitherausgeber der reformkritischen Broschüre “Einspruch”, ist kein Unbekannter in diesem Blog. Nun hat er ein Buch herausgegeben, dass sich mit der Inklusion beschäftigt. Gastautorin Eliane Perret stellt es Ihnen vor.

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Beat Kissling, Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Dozent und pens. Gymnasiallehrer.

«Sind Inklusion, Integration in der Schule gescheitert?», ist der Titel eines neuerschienenen Buches, das zu einer differenzierten Diskussion über dieses Thema einlädt, es aber viel weiter fasst als bisher üblich und grundsätzliche Fragen zur Bildung einbezieht. Beat Kissling, Erziehungswissenschaftler, Lehrer und Psychotherapeut gibt uns in seinem Buch die Grundlagen dazu. Es ist deshalb eine Perle für jeden, der sich nicht im Dschungel eines Schlagabtauschs verirren will. Und es ist ein Buch, das sich reflektiert engagiert – für jedes einzelne Kind und den Auftrag der Schule.

In seiner Einleitung gibt der Autor Einblick in die Biografien von Menschen, die eine gelungene oder missglückte Integration erlebten. Damit wird bereits ein Licht auf die Komplexität der Frage geworfen, die stets der Individualität, dem Beziehungsnetz und den Lebensumständen des Betroffenen gerecht werden muss. Nach dieser Anteil nehmenden Einstimmung aufs Thema nimmt der Autor den Leser mit auf einen geschichtlichen Exkurs über die Entstehung eines spezialisierten Sonderschulwesens, stellt dessen Wende hin zur Integration und Inklusion im Rahmen der internationalen Konventionen dar und diskutiert den meist unbekannten, in diesem globalen Rahmen jedoch enthaltenen Handlungsspielraum.

Auch hier wiederum ist das Anliegen des Autors spürbar, dass ein sachlicher, von menschlichen Werten getragener Dialog die heutige, von Polemik geprägte Diskussion ablösen soll – im Interesse des Kindes.

An konkreten Beispielen zeigt der Autor, wie Integration und Inklusion umgesetzt wird und welchen Anforderungen, damit verbundenen Problemen und kritischen Einwänden Rechnung getragen werden muss. Dabei kommen nicht nur renommierte Wissenschaftler zu Wort, sondern auch direkt betroffene ehemalige Sonderschüler. Auch hier wiederum ist das Anliegen des Autors spürbar, dass ein sachlicher, von menschlichen Werten getragener Dialog die heutige, von Polemik geprägte Diskussion ablösen soll – im Interesse des Kindes.

Spezielle Aufmerksamkeit verdient das anthropologische Kapitel, in welchem der Autor den heutigen Forschungsstand für erfolgreiches Lernen differenziert darlegt.

Spezielle Aufmerksamkeit verdient das anthropologische Kapitel, in welchem der Autor den heutigen Forschungsstand für erfolgreiches Lernen differenziert darlegt. Es geht dabei nicht nur um spezifische Grundlagen zum Lernen mit Kindern und Jugendlichen mit speziellem Förderbedarf, sondern um Lernprozesse ganz allgemein, denn wie am besten gelernt wird, stellt sich als Aufgabe in allen Schulformen und allen Altersstufen. Einen speziellen Stellenwert bekommt dabei die Bindungsforschung, womit der Autor die Ergebnisse der Hattie-Studie wertvoll ergänzt. Mit diesem anthropologischen Teil hebt sich das Buch wohltuend ab von vielen Neuerscheinungen, die diesbezüglich zu wenig in die Tiefe gehen. Es ist naheliegend, dass sich dem Leser/ der Leserin bei der Lektüre Fragen nach den heute üblichen individualisierenden Unterrichtsformen und Lernarrangements stellen, die sich aktuell (in einer Schulreformkaskade) zu etablieren scheinen. Dies zu Recht, denn sie genügen den Qualitätsansprüchen kaum, gemessen am  im Buch dargelegten weltweiten Forschungsstand.

Aus den anthropologischen Grundlagen ergeben sich auch Anforderungen an das Rollenverständnis und den Aufgabenbereich von Lehrerinnen und Lehrern, die weit über das schlichte Vermitteln von Lernstoff oder Bereitstellen von Lernumgebungen hinausgehen. Der Autor konkretisiert diesen Problemkreis an eindrücklichen Beispielen aus der Schulpraxis und greift auf seine eigenen Unterrichtserfahrungen und die authentischen Schilderungen von Schülerinnen und Schülern zurück.

Gelingensbedingungen für eine geglückt Integration

Was sind nun Gelingensbedingungen für eine geglückte Integration, um auf die Frage im Titel des Buches zurückzugreifen? Die bis dahin dargelegten wissenschaftlichen Erkenntnisse geben bereits Antworten und legen das Fundament für die folgenden Kapitel. Der Autor analysiert nun exemplarisch Beispiele aus Literatur und Film, die zeigen, wie der Werdegang eines Kindes durch die Persönlichkeit und Beziehung zur Lehrperson geprägt wird, und er beschreibt Schulversuche von Pionieren in Psychologie und Pädagogik (wie sie beispielsweise die Individualpsychologie hervorbrachte), in denen Integration gelebt wurde. Beim Lesen klingen unmittelbar eigene positive, aber auch negative Schulerlebnisse an, und man kommt nicht umhin, bisherige Perspektiven zu überdenken. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen des Autors zum “Dialogischen Lernen”, mit dem der Lernstoff in gemeinsamer Auseinandersetzung erarbeitet und gelernt wird – eine Lernform, die seit einiger Zeit vor allem im angloamerikanischen Raum Eingang gefunden hat und dort bisherige missglückte Reformexperimente ablöst. Mit dieser Unterrichtsform sind die heute vielfach geforderten «überfachlichen Qualitäten» wie Empathie, Team- und Kritikfähigkeit verbunden. Sie müsste auch bei uns einen zentralen Stellenwert in (heil-) pädagogischen Studiengängen bekommen! So trägt auch dieser Teil des Buches zu einer differenzierten Sicht bei, welche Faktoren einen gelungenen Lernprozess möglich machen.

Schliesslich kommt der Autor zu Schlussfolgerungen, die sich wiederum durch wissenschaftliche Genauigkeit, pädagogischen Weitblick und menschliche Sorgfalt auszeichnen, aber hier nicht vorweggenommen werden sollen.

Das Buch sei darum jedem zur Lektüre empfohlen, der die Vorstellung einer «zukunftsfähigen Schule» und einer echten «Bildung für alle» mit Inhalt füllen will. Es ist einerseits eine Fundgrube an neuen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, andererseits stellt es immer den Bezug zur stets anspruchsvollen pädagogischen Praxis her. Dann aber ist es – und das ist entscheidend – getragen von einer pädagogischen Grundhaltung, die sich einem personalen Menschenbild verpflichtet fühlt. Damit liefert das Buch Grundlagen für eine Diskussion, nicht nur zur Frage von Integration und Inklusion, sondern zu Fragen von Schule und Bildung überhaupt. Eine Diskussion, die noch ansteht und nicht bildungspolitische Strategien verfolgen darf, sondern auf dem Boden wissenschaftlicher Erkenntnisse und staatsbürgerlicher Verantwortung geführt werden muss.

Eliane Perret

 

Kissling, Beat. Sind Inklusion und Integration gescheitert? Eine kritische Auseinandersetzung. Bern: Hogrefe. 2022. ISBN 978 – 3 – 456 – 85920 – 0

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