30. Juli 2026

Glenn Youngkins Angriff auf die “Kritische Rassentheorie» – Was soll Literatur im Unterricht?

Dass in den USA zurzeit ein heftiger Kulturkampf herrscht, dürfte auch in Europa bekannt sein. Er macht auch nicht vor den Schulen halt, wo Eltern immer mehr mitbestimmen wollen, was ihre Kinder im Unterricht lesen dürfen. Der überraschende Sieg des republikanischen Kandidaten Glenn Younking in der Governeurswahl von Virginia beruhte auch auf dessen Unterstützung dieser Elternbewegung. Diane Ravitch beleuchtet diesen Teil des Wahlkampfes und erklärt in ihrem Beitrag, warum Literatur auch erschreckend und verstörend sein soll.

Diane Ravitch: Ist es nicht genau das, was Literatur bewirken soll?

Glenn Youngkin, der Republikaner, der das Rennen um das Amt des Gouverneurs in Virginia gewonnen hat, stellte die Bildung in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes, insbesondere sein Beharren darauf, dass Eltern das Recht haben sollten, zu bestimmen, was ihre Kinder lernen, und sein Versprechen, die “kritische Rassentheorie” in den öffentlichen Schulen des Staates zu verbieten.

Letzteres erledigt sich von selbst: an den öffentlichen Schulen in Virginia wird keine “kritische Rassentheorie” unterrichtet.

Youngkin ließ einen Werbespot in seinem Namen laufen, der eine Mutter zeigte, die sich darüber beschwerte, dass ihr Sohn gezwungen wurde, Toni Morrisons «Beloved» zu lesen, was ihm gar nicht gefallen haben soll.

Was die Mutter nicht erwähnte: ihr Sohn lernte in einer AP-Englischklasse, in der man von ihm hätte erwarten sollen, dass er das Werk eines Nobelpreisträgers liest. (AP English ist die Abkürzung für  «Advances Placement» ist ein Förderkurs auf College-Niveau. Die Schüler kultivieren ihr Verständnis von Schreiben und rhetorischen Argumenten durch das Lesen, Analysieren und Schreiben von Texten, während sie Themen wie rhetorische Situationen, Behauptungen und Beweise, Argumentation und Organisation sowie Stil erforschen, Anm. der Redaktion).

Toni Morrisson, Beloved: Eine erschreckende Darstellung der Sklaverei.

Was die Mutter nicht sagte, war, dass die unangenehme Erfahrung ihres Sohnes ein Jahrzehnt zurücklag.

Was die Mutter auch nicht sagte, war, dass ihr Sohn später eine erfolgreiche Karriere in der Bundesregierung machte.

Ein kürzlich erschienener Artikel einer afroamerikanischen Kolumnistin der Washington Post vergleicht die Erfahrung dieses jungen Mannes mit «Beloved» mit ihrer eigenen. Auch sie war von dem Buch zutiefst beunruhigt.

“Nachdem ich es gelesen habe, kann ich bestätigen, dass “Beloved” ein intensives, bisweilen erschreckendes Buch ist. In Toni Morrisons mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetem Roman gibt es Sex, Gewalt und die Erwähnung von Bestialität. Im Mittelpunkt steht die Geschichte einer Mutter, die ihr eigenes Kind tötet, um sicherzustellen, dass der Säugling nicht die gleichen Schrecken der Sklaverei erleben muss wie sie selbst. Es ist erschütternd, eindringlich und zutiefst traurig. Und stellen Sie sich vor, wie sich die versklavten Menschen gefühlt haben müssen, um das zu erleben.»

Diese Übung in Empathie ist vermutlich das, was in einem Advanced Placement English Literature-Kurs für 17- und 18-Jährige gelehrt werden sollte – und genau dort war sie im Lehrplan von Virginia verankert, als Laura Murphy, die Mutter aus Fairfax County, die in einer viralen Wahlwerbung für den republikanischen Gouverneurskandidaten Glenn Youngkin eine prominente Rolle spielt, sich darüber zu beschweren begann.

Laura Murphy, Virginia: Über das “exzessive Material” entsetzt.

In der Anzeige beschreibt Murphy, dass sie über das “exzessive Material” entsetzt war, nachdem sie sich die Leseaufgaben ihres Kindes angesehen hatte. Und in der Tat sagte ihr Sohn – damals ein 19-jähriger Studienanfänger – 2013 gegenüber The Post, dass das Buch “ekelhaft” und für ihn schwer zu ertragen sei. “Ich habe es nicht fertig gelesen”, bekannte er.

Seine Mutter versuchte, den Roman aus den Schulen des Bezirks verbannen zu lassen. Der jüngere Murphy entkam so dem Leid, über Sklaverei nachdenken zu müssen, arbeitete während der Trump-Regierung im Büro des Rechtsberaters des Weißen Hauses und ist jetzt Anwalt für das National Republican Congressional Committee.

Ich wurde auch gebeten, “Beloved” in einer Highschool-Englischklasse zu lesen, ebenfalls in Virginia – Richmond, um genau zu sein. Es war eine schwierige Lektüre. Man fühlte sich schlecht. Es war aber auch ein erhellendes Korrektiv, das vor dem Hintergrund der Verehrung von Robert E. Lee, der Romantisierung von Stonewall Jackson und der Plantagen in Virginia gelesen wurde, auf denen versklavte Menschen, wie wir im Geschichtsunterricht hörten, meist glücklich für edle, fürsorgliche Herren arbeiteten.

Der Roman zeigte mir die Macht der Literatur, wie Worte tiefe Gefühle auslösen können. Er hat mich nachts wachgehalten, weil ich mich mit dem Schmerz eines anderen Menschen auseinandersetzen musste und ich mich fragte, wie jemand an einen solchen Ort gelangen konnte, wie Menschen einander so etwas antun konnten. Die blutigen Details des Buches gingen mir in den folgenden Jahren nicht mehr aus dem Kopf. Und das Gefühl dabei – ich habe es nie vergessen.”

Ist es nicht genau das, was große Literatur tun sollte?

Jetzt wissen wir also, dass Mrs. Murphys Sohn es nicht ertragen konnte, “Beloved” zu lesen, aber es hat ihm nicht geschadet. Andere Schüler hingegen lernten daraus, erlebten es und schätzten die Erfahrung, die sie damit gemacht haben.

Diane Ravitch

Virginia: The Fraud Behind Glen Youngkin’s Attack on “Critical Race Theory

Übersetzung: Alain Pichard

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