25. Oktober 2021

UWC – Das grosse Interview: Empathie für das Menschliche

Nachdem Jürgen Capitain im vorangehenden Beitrag die Idee des UWC vorgestellt hat, stellt Condorcet-Autor Alain Pichard den beiden National Commitee-Mitgliedern Marie Caffari und Jürgen Capitain kritische Nachfragen. Natürlich geht es dabei auch um die Bildungsqualität, die Finanzen und die Gefahren einer Ideologisierung. Herausgekommen ist ein spannendes und sehr persönliches Interview, bei dessen Lektüre wir Ihnen viel Spass und einen Erkenntnisgewinn wünschen.

Prof. Dr. Marie Caffari, Leiterin Schweiz. Literaturinstitut, Mitglied des National Committee Switzerland: Die finanziellen Mittel sind nicht das Auswahlkriterium, wir interessieren uns für das Potential.

Liebe Marie, lieber Jürgen, ihr beide seid seit Jahren für die Idee des UWC engagiert. Könnt ihr mir erzählen, wie ihr zu dieser Institution gekommen seid. Oder anders gefragt, wann entstand diese Liebesgeschichte?

Marie Caffari

Bei mir geschah es 1983 durch die Begegnung mit einem ehemaligen Schüler des Atlantic-College, der zu uns in die Schule kam. Ich war damals eine nicht ganz 16 Jahre alte Schülerin einer Sekundarschule in Lausanne. Die Schule war sehr gut. Aber mir fehlte etwas. Und so ging ich mit einer Broschüre zu meiner Mutter und sagte ihr: In diese Schule möchte ich gehen.

Was genau fehlte dir?

Marie Caffari:

Mich sprach dieser pädagogische Spirit an, der stark auf Eigeninitiative und Kreativität setzte.

Wie reagierte deine Mutter?

Marie Caffari:

Sie zeigte grosses Verständnis. Ich muss noch nachschieben, dass in unserer Familie die öffentliche Bildung eine unbestrittene Stellung hatte. Also, die Idee, eine Privatschule zu besuchen, war bis dahin überhaupt nicht im Fokus.

Jürgen Capitain,  pensionierter Gymnasiallehrer und emeritierter Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich, wohnhat in Magglingen bei Biel, Mitglied der National Association des UWC Switzerland: Die Begeisterung für die Ideen der UWC-Bewegung faszinierte mich.

Jürgen Capitain

Ich bin eher zufällig auf UWC aufmerksam geworden. Eine exzellente Schülerin, die sich in meinem Unterricht auf die Cambridge-Prüfungen CAE und Proficiency vorbereitete, erzählte mir von ihrem Wunsch, an einem UWC studieren zu können. Ihre Begeisterung für die Ideen der UWC-Bewegung faszinierte mich und ich erkundigte mich genauer über die Geschichte der UWCs. Für ihr Dossier zur Anmeldung an das Aufnahmeverfahren schrieb ich der Schülerin eine sehr positive Referenz. Der für das Aufnahmeverfahren zuständige Vizepräsident der UWC Swiss Association war mir bereits bekannt (ohne dass ich von seinem Einsatz für UWC wusste), da wir beide am Sekundarlehramt der Universität Zürich eine Anstellung hatten. Nachdem er meine Referenz gelesen hatte, fragte er mich, ob ich bereit sei, das Vizepräsidium der UWC Swiss Association zu übernehmen, da er als damaliger Rektor des Literargymnasiums Rämibühl in Zürich zeitlich sehr belastet war. Mein Interesse war geweckt, und an der nächsten Mitgliederversammlung, es muss etwa 2009 gewesen sein, wurde ich in den Vorstand der UWC Swiss Association gewählt. Seither bin ich verantwortlich für das Aufnahmeverfahren.

 Jetzt seid ihr quasi Botschafter der UWC in der Schweiz. Du, Marie, bist Präsidentin der UWC Swiss Association und du, Jürgen, bist deren Vizepräsident. In dieser Funktion geht ihr auch an die Schulen und macht Werbung für die UWC-Colleges. Und ihr seid auch um die Auswahl der neuen Studentinnen besorgt. Zeitlich ist das ein grosses Engagement.

Marie Caffari

Ich besuchte das Atlantic-College in Wales. Nachdem ich dort das IB (International Baccalaureat) bestanden hatte, kehrte ich in die Schweiz zurück. Das war nicht einfach. Man fühlte sich zwei Jahre lang einer grossen Familie zugehörig und erlebte eine intensive Zeit. Deshalb suchte ich mir den Kontakt mit ehemaligen Absolventen der UWC-Ausbildung. Wir organisierten Skilager für UWC-Schüler und gemeinsame Anlässe. Die ältesten Alumni sind heute bereits über 60, die jüngsten 20. Die Gründergeneration der Vereinigung der UWC in der Schweiz ist älter als die Eltern der Schülerinnen und Schüler, die an ein UWC in den 70er und 80er Jahren gingen.

Jürgen Capitain

Wie bereits gesagt, hat die Begeisterung einer Schülerin für ein Studium an einem UWC mein Interesse an dieser Institution geweckt. Sie studierte anschliessend am Atlantic College und so erhielt ich auch aus erster Hand Informationen über das Leben an einem UWC. Und ja, ich setze durchaus in den Monaten vor Ablauf der Anmeldefrist Zeit ein, um Werbung für ein Studium an einem UWC zu machen.

Das Atlantic-College in Wales: Grossbritannien hat eine grosse Tradition der Internate.

Immer wieder ist die Rede vom Atlantic-College. Dabei sind es heute ja weltweit deren 18 Colleges. Ist das Atlantic-College eine besondere Schule?

Jürgen Capitain

Sie ist die älteste, gegründet 1962. Und lange Zeit, bis zur Gründung des Lester Pearson College in Kanada im Jahr 1974, war sie auch die einzige. Es ist übrigens kein Zufall, dass dieses Atlantic-College in Grossbritannien gegründet wurde, wo hervorragende, ausgesprochen leistungsorientierte Privatschulen eine grosse Tradition haben. Das färbte ab.

Aber über den Zugang zu diesen Privatschulen entscheidet oft das Portemonnaie der Eltern bzw. die soziale Herkunft. Wie wollt ihr denn unsere Leserschaft davon überzeugen, dass das UWC nicht eine Privatschule für eine Elite ist?

Jürgen Capitain

Das ist eben der grosse Unterschied zu den herkömmlichen Privatschulen in Grossbritannien. Im UWC bestimmen National Committees über die Auswahl an Studenten und Studentinnen. Und die finanziellen Mittel der Eltern sind kein Auswahlkriterium, sondern das Potential, das die Kandidaten und Kandidatinnen mitbringen.

Darüber hinaus sind wir aber an jungen Menschen interessiert, die sich einbringen, die eine Botschaft in sich tragen, die Potential haben, aktiv zu werden, sich für eine Sache zu engagieren.

Marie Caffari

Natürlich müssen sie intellektuell in der Lage sein, ein IB zu schaffen. Darüber hinaus sind wir aber an jungen Menschen interessiert, die sich einbringen, die eine Botschaft in sich tragen, die Potential haben, aktiv zu werden, sich für eine Sache zu engagieren.

Da stelle ich mir die Auswahl eher schwierig vor.

Jürgen Capitain

Das Potential der Kandidatinnen und Kandidaten kann man in der Tat nicht so objektiv messen wie die Leistungen z.B. im Fach Mathematik. Aber man entwickelt mit der Zeit ein Gespür für die richtigen Leute. Ausserdem erhalten wir vorab Informationen über die Anwärter. Sie müssen in ihrer Anmeldung Texte über ihre Interessen und Aktivitäten, auch über Personen, die sie beeinflusst haben, schreiben.

Marie Caffari

Dort sehen wir auch, inwiefern sich diese jungen Menschen schon irgendwo eingebracht haben, ob sie kreativ sind, zum Beispiel im Bereich Theater oder Schreiben oder Musik, und ob sie sich sozial engagieren. Es ist uns wichtig, dass diese zukünftigen UWC-Studentinnen und Studenten Verantwortung übernehmen können.

Das UWC-College in Freiburg (D) wird von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt.

Diese Ausbildung kostet allerdings sehr viel Geld. Wer bezahlt das?

Jürgen Capitain

Das UWC hat Donatoren, z.B. Stiftungen. Mit den uns zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln unterstützen wir die von uns gewählten Schüler und übernehmen bis zu 100% der Studienkosten. Hinzu kommt, dass viele der Colleges selbst auch Stipendien vergeben. Das UWC Robert Bosch in Freiburg (Deutschland) zum Beispiel wird durch die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt, die alleine jährlich 50 solcher Stipendien für Schüler aus einkommensschwachen Familien, vor allem aus armen Ländern, garantiert.

Daneben gibt es aber auch Kinder aus sehr reichen Familien.

Lester B. Pearson, 1897 – 1972, kanadischer Premierminister und Nobelpreisträger, Gründer des Pearson-College in Kanada: Wir wollen eine Durchmischung.

Jürgen Capitain

Das stimmt zwar, aber im Gegensatz zu ‚normalen’ Privatschulen sind sie nicht zahlreich vertreten. Lester B. Pearson, kanadischer Friedensnobelpreisträger, ehemaliger Premierminister von Kanada, der von der UWC Bewegung vollkommen, betonte die Wichtigkeit, dass Kinder aus reichen Familien mit ärmeren zusammen studieren. Ihm war die soziale Durchmischung der Colleges ähnlich wichtig wie die Internationalität. Nach ihm sollten das Streben nach Frieden, der bewusste Umgang mit der Natur, internationale Verständigung und natürlich auch Toleranz nicht nur abstrakte Begriffe bleiben, sondern im täglichen Leben erfahren werden. Nebenbei, Prinz Charles, bekannt für seinen Einsatz für ökologische Themen, hatte lange, von 1978 bis 1995, das Präsidium des UWC International inne. Sehr viel nachhaltiger allerdings ist die Erinnerung an Nelson Mandela, den südafrikanischen Freiheitskämpfer, der erfolgreich gegen die Rassentrennung, die Apartheid, in Südafrika kämpfte, der von 1995 bis 1999 gemeinsam mit Queen Nuur von Jordanien die UWC-Bewegung präsidierte und nach 1999 Ehrenpräsident von UWC wurde. Von ihm stammt ein Satz, der geradezu als Wahlspruch von UWC angesehen werden könnte: „Education is the most powerful weapon which you can choose to change the world.“

Marie Caffari

Die UWC ermöglichen auch Jugendlichen aus Flüchtlingslagern eine Ausbildung. Dort entscheidet das international Commitee über die Aufnahme. Nicht zu vergessen die Kinder von Diplomaten und ‘Expatriates’, die immer wieder den Wohnort wechseln müssen. Auch hier bietet das UWC begabten und talentierten Kindern ein innovatives und stabiles Lernumfeld.

Die Wichtigkeit internationaler Begegnungen wurde schon von De Gaule und Adenauer erkannt.

Der internationale Charakter ist ja euer Markenzeichen. Was bezweckt ihr damit?

Jürgen Capitain

Das erste UWC wurde 1962 gegründet, in einer Zeit, in der Adenauer und De Gaule erkannten, dass die Versöhnung der einst verfeindeten Nationen unter anderem durch einen Austausch der Jugendlichen zu erfolgen habe. Das war auch der Gedanke bei der Gründung des UWC. Man hat hier die Möglichkeit, zwei Jahre lang mit vielen Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen zusammen zu leben und zu lernen.

Marie Caffari

So lernen auch Jugendliche aus verfeindeten Nationen durch ihr Zusammenleben Respekt füreinander. In einer UWC kommt es vor, dass jüdische Studierende mit Studierenden arabischer Herkunft, Pakistani mit indischen Studierenden sich treffen, Aktivitäten und Häuser teilen müssen.

Der Verständnisgedanke ist allgegenwärtig, das ist offensichtlich. In eurer Broschüre lese ich auch noch den Satz: «Möchtest du mit Gleichaltrigen die Welt verbessern?» Das tönt stark nach Programmatik oder anders gefragt: Gibt es bei euch einen ideologischen Unterricht?

Es geht um Werte, klar, aber nicht um Ideoogien.

Marie Caffari

Man kann das UWC als eine idealistische Schule betrachten, in der es um Werte geht. Gegenseitiger Respekt, gegenseitiges Verständnis, einander Zuhören. Das wird aber nicht im Unterricht gepredigt, sondern im Alltag praktiziert. Die vorher erwähnte Zusammensetzung der Schülerschaft fördert die Fähigkeit, andere zu verstehen. Sie müssen einander zuhören, denn sie arbeiten ja nicht nur zusammen, sie leben zusammen und entwickeln gemeinsame Projekte. Wenn eine nordirische Kommilitonin mit einer Studentin aus Singapur in einem Zimmer lebt, hat es kaum Platz für ideologische Streitgespräche. Man muss lernen zuzuhören, entwickelt von selbst einen kritischen Blick auf die Welt und beginnt eigene Positionen zu hinterfragen. Das ist in unserer heutigen Situation hochaktuell. Der Unterricht selbst ist nicht ideologisch geprägt, er setzt auf Mündigkeit.

Die Schüler wissen, dass sie hart arbeiten müssen. Denn nur gute IB-Abschlüsse garantieren ihnen, dass sie danach an eine Uni gehen können und dort auch noch Stipendien bekommen.

Bei allem Respekt für diese Werte, die Collegeabgänger müssen ja auch noch ein IB bestehen und danach studierfähig sein.

Jürgen Capitain

So ist es, und die Schüler wissen, dass sie hart arbeiten müssen. Denn nur gute IB-Abschlüsse garantieren ihnen, dass sie danach an eine Uni gehen können und dort auch noch Stipendien bekommen. Gute Abschlussnoten sorgen also für Studienplätze plus Stipendien. Vor allem in den USA. Die Leistungsbereitschaft ist entsprechend hoch, ebenso wie das Unterrichtsniveau.

UWC-Abgänger schliessen mit dem international anerkannten IB (International Baccalaureate) ab, der ihnen den Zugang zu Universitäten weltweit ermöglicht.

Wie steht das IB im Vergleich zur schweizerischen Maturität da?

Jürgen Capitain

Das IB ist zentralisiert und die Prüfungsresultate werden von Lehrern korrigiert, die die Schüler nicht kennen, deren Prüfungen sie korrigieren. Es gibt weniger Fächer, aber diese werden mit mehr Tiefgang unterrichtet. Das IB stellt z.T. andere Ansprüche, es ist anders als die Maturität, aber ebenso wie diese sehr anspruchsvoll. Der schweizerische Maturitätsabschluss ist nach wie vor hervorragend und vermutlich um einiges besser als die gymnasialen Abschlussprüfungen z.B. in Deutschland oder Frankreich. Gesamthaft kann man sagen, die beiden Abschlüsse sind gleichwertig und breit anerkannt.

Starke Verbindung zwischen Lehrpersonen und Studenten.

Bei meinem Besuch im UWC-Freiburg fiel mir die grosse Nähe und herzliche Verbindung zwischen Schülern und Lehrerschaft auf. Hand aufs Herz, kann da noch ein forderndes Lernumfeld entstehen?

Marie Caffari

Ja, die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist natürlich ein wichtiger Gelingensfaktor. Und die Lehrer im UWC sind enorm engagiert. Sie leben ja auch mit den Schülern auf dem Campus. Es ist manchmal fast ein 24-Stunden-Betrieb. Aber das will nicht heissen, dass es nicht auch zu klaren Ansagen kommen kann. Die UWC haben fachlich gute Lehrkräfte, die viel verlangen, die auch viel verlangen müssen.

Jürgen Capitain

Das UWC Freiburg war eine neu gegründete Schule, da war am Anfang viel Begeisterung und Pioniergeist vorhanden. Im Gründungsjahrgang hätte man durchaus den Eindruck gewinnen können, dass hier “Friede, Freude, Eierkuchen” herrschen. Aber dieser Eindruck täuscht. Der Direktor formuliert zwischendurch deutliche Kritik, wenn es nötig ist. Und wie gesagt: Die Wahrheit kommt spätestens beim IB ans Licht.

In unseren Staatsschulen weht zurzeit ein stark ökonomisch geprägter Reformgeist. Bologna, Kompetenzorientierung, Outputorientierung, Digitalisierung, von aussen gesteuerter Unterricht, die Lehrperson als Coach… usw. Wie positioniert sich das UWC in dieser heftig geführten Debatte.

Marie Caffari

Du kannst dir natürlich vorstellen, dass angesichts unserer hier gelebten Werte der Interaktion eine starke Bedeutung zukommt. Wir haben ein hohes Mass an Mitbestimmung der Schüler, heftige Diskussionen, viele Projekte, die von Schülern entwickelt werden. Der Anteil an Kreativität und Hingabe ist immens. Das kann mit einem digitalisierten Unterricht nicht erreicht werden. Natürlich sind wir auch froh über die Digitalisierung und der Einsatz der Computer ist für uns unverzichtbar. Aber wir können es uns nicht leisten, unseren Unterricht an Algorithmen zu delegieren. Es wäre pervers, diese komplexen Lernvorgänge auf das Abhaken von Kompetenzen zu reduzieren. Im UWC spürt man immer die Empathie für das Menschliche.

Liebe Marie, lieber Jürgen, ich danke euch für das Gespräch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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