18. April 2021

Mündigkeit ist nichts für Feiglinge

Das Mündigkeitsideal droht in der kompetenzorientierten, digitalisierten Reformhektik ausser Acht zu geraten. Condorcet und seine Frau Sophie waren überzeugt: Wer Mündigkeit fürchtet, will eine Despotie stabilisieren. Alain Pichard schildert in seinem Beitrag, wie er den Mut hatte, jugendliche Mündigkeitsanfänge ernst zu nehmen.

Bild: Süddeutsche Zeitung
Alain Pichard. Lehrer Sekundarstufe 1, Orpund (BE): Mündigkeitsanstrengungen ernst nehmen

Eines der Ziele unseres Bildungssystems ist die Erziehung zur Mündigkeit. Der Schlüssel dafür, sein Weltbild an der Realität zu prüfen, sind Aufklärung und kritischer Rationalismus. «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit.» So beginnt Immanuel Kant sein Manifest und meint damit, dass wir denken müssen und nicht bloss glauben dürfen. Der 9. Klässler Yamin hat mir die im Unterricht vermittelte Evolutionslehre von Darwin nicht abgenommen. Das war kein Wunder, denn er ist in einem streng religionsgebundenen Haushalt aufgewachsen. Ich beginne diese Unterrichtseinheit jeweils mit der Genesis und konfrontiere die Klasse mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Als alter, von Aebli geprägter Pädagoge handelt es sich bei diesem Einstieg um eine klassische Problemstellung. Eine von mehreren notabene.

Fossilienlücken und Zeitberechnungen

Yamin stieg darauf ein. Er brachte mir eine Broschüre, welche mehr oder weniger die Idee des Kreationismus beinhaltete. Ich mochte diesen aufgeweckten, witzigen Jungen sehr. Zuerst überlegte ich kurz, ob er mir einen Streich spielen wollte. Als ich bemerkte, dass es ihm ernst war, schlug ich ihm vor, der Klasse einen Vortrag zu halten, in welchem er seine Sicht der Dinge darlegen konnte.

Eine Sternstunde

Dies tat er denn auch, und zwar ganz passabel. Natürlich säte er die altbekannten Zweifel, erwähnte die berühmten fossilen Lücken und stellte vor allem die Technik der Altersbestimmungen in Frage, die berühmte Carbon-Methode. Dort erwog er die Möglichkeit, dass damals die Radioaktivität eine ganz andere gewesen sein könnte, woher solle man denn das wissen.

Ich selbst beliess es bei wenigen Fragen, zu sehr war nun das Feuer am lodern.

Nach seinen Ausführungen setzte ihm die Klasse ziemlich zu. Ich staunte über die vielen Argumente, die meine Schüler ihm entgegensetzten. Und er begann ziemlich zu schwimmen, zog sich aber immer wieder recht gut aus der von ihm selbst inszenierten Affäre. Ich selbst beliess es bei wenigen Fragen, zu sehr war nun das Feuer am lodern.

Am Schluss musste ich feststellen, dass es eine dieser pädagogischen Sternstunden war, welche rar gesät sind, mich aber umso beglückter zurücklassen, wenn sie denn mal eintreffen.

Naturwert, Lehrmittel: Geriet in einen Shitstorm

In den 90er Jahren entwickelte ein Team von ehemaligen Seminarlehrkräften und PH-DozentInnen für den Schulverlag Plus (damals noch der Staatliche Lehrmittelverlag des Kt. Bern) eine nicht immer geglückte NMM-Lehrmittelreihe. Sie war stark dem Konstruktivismus und dem Disziplinen übergreifenden Unterricht verpflichtet und liess die meisten Lehrkräfte etwas ratlos zurück. Aber es gab in diesen (viel zu) umfangreichen Ordnern einige pädagogische Trouvailles zu entdecken. Unter anderem die Idee, der Evolutionstheorie und die Lehre des Kreationismus gegenüberzustellen.

Das brachte dem Autorenteam damals einen unerwarteten, aber umso heftigeren Shitstorm ein. Den AutorInnen wurde Antiwissenschaftlichkeit, die Gleichstellung von Sektierertum und wissenschaftlichen Fakten vorgeworfen. In der Öffentlichkeit echauffierten sich die dauerempörten Alleswisser und die Medien – froh um diesen unerwarteten Erregungsvorschlag – nahmen die Affäre gerne auf. Die Politiker sowieso. Da konnte der damalige Leiter des Lehrmittelverlags, Peter Uhr, noch so betonen: “Wir regen zu entdeckendem Lernen an und wollen das Argumentieren fördern.” Am Schluss musste der Verlag den Ordner zurückziehen und ihn an dieser Stelle überarbeiten.

Die Welt war wieder in Ordnung. Auf der Strecke blieben Neugier, Verunsicherung, das Nachdenken und schliesslich die Entwicklung einer eigenen Meinung zu einem komplexen Thema. Vermutlich wurde mit dieser Aktion noch mehr verschüttet.

Ein kompetenzorientiertes Transformationsprogramm ist das Gegenteil von «Mündigmachung». Hier werden Selbstbildungsprozesse verhindert, die einen wichtigen Beitrag zur Reifeentwicklung bilden.

Ein kompetenzorientiertes Transformationsprogramm ist das Gegenteil von «Mündigmachung». Hier werden Selbstbildungsprozesse verhindert, die einen wichtigen Beitrag zur Reifeentwicklung bilden. Das gilt meiner Meinung nach auch bei heiklen Themen wie Klimawandel, Globalisierung, Migration oder der Atomkraft. Neigen die Lehrkräfte zu schnell dazu, zu belehren bzw. die «richtige» Haltung zu vermitteln, kommt es zu einer normativen Festlegung. Und die hat meistens einen sehr kurzfristigen Effekt.

Es ist keine Institution denkbar, die den Menschen das Denken ersparen könnte.

Alexander Mitscherlich formulierte es in «Unfähigkeit zu trauern» treffend: «Es ist keine Institution mehr denkbar, die den Menschen das Denken ersparen könnte, dazu ist die Welt viel zu gefährlich.»

Die Rede ist von Bildung

Achtung: Ich spreche hier von Bildung! Und diese setzt Neugier, Demut und das Wissen um die eigene Grenzen der Erkenntnis voraus, oder wie es Ulf Poschardt in seinem faszinierendem Buch «Mündigkeit» schrieb: «Lernen wird so zu einem Tauschgeschäft wechselseitiger Mündigmachung: eine solidarische Form der Aufklärung.» Das braucht Geduld und manchmal auch Mut. Mündigkeit ist nichts für Feiglinge.

Alain Pichard

 

 

 

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34 Jahre lang unterrichtete Condorcet-Autor Alain Pichard (selber von Geburt an Waadtländer) in den Brennpunktschulen der Stadt Biel. Dabei unterrichtete er bisweilen in welschen Schulklassen und führte gemeinsame Projekte mit den Romands durch. In seinem Beitrag erklärt er unserer LeserInnenschaft die kulturellen Unterschiede dieser beiden Sprachkulturen im Schulbereich und benennt ein gemeinsames Problem.

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