30. November 2020

Deborah Meier oder Warum ich die USA immer noch liebe!

In zwei Wochen finden in den USA die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt. Für viele Menschen in Europa scheinen die USA zurzeit eine schlimmere Bedrohung zu sein als der Klimawandel oder China. Condorcet-Autor Alain Pichard stellt uns die Geschichte einer aussergewöhnliche Schule in Boston vor, erklärt, warum er dieses Land immer noch liebt und weshalb er auch nicht glaubt, dass die USA untergehen werden. Menschen, wie die von ihm porträtierte Deborah Meier, bestärken ihn in diesem Glauben. Lesen Sie den ersten Teil seiner spannenden Reportage.

Alain Pichard. Lehrer Sekundarstufe 1, Orpund (BE): Besuchte während eines Monats die Mission Hill Schule in Boston.

Im Juni 2009 besuchte ich als Realschullehrer einer Bieler Oberstufenklasse während eines Bildungsurlaubs die Mission Hill Schule in Boston. Ich war damals auf der Suche nach Schulen, die behaupteten, erfolgreich integrativ zu unterrichten. Meine Reisen führten mich nach Deutschland, Dänemark und in verschiedene Schulen in der Schweiz.  Auf Anraten von Professor Oelkers entschloss ich mich, auch noch die Mission Hill Schule in Boston zu besuchen. Die Schule empfing mich mit offenen Armen. Es wurde mir erlaubt, einen Monat lang in dieser Unterrichtsstätte zu Gast zu sein, die Ereignisse in dieser Institution mitzumachen, an Kommissionssitzungen, Lehrerkonferenzen, Prüfungsritualen und Schulanlässen teilzunehmen, eigene Unterrichtseinheiten durchzuführen und mit Eltern, SchülerInnen und Behördenmitgliedern zu sprechen.

In dieser Zeit lernte ich auch die Pädagogin, Schulleiterin und Lehrerin Deborah Meier kennen. Diese Frau, ihre Schule, die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler haben mein Verhältnis zu diesem Land von Grund auf verändert und sich dramatisch auf mein berufliches Wirken ausgewirkt. Ich besuchte die Schule in der Folge noch weitere Male, führte mit meinen Schülerinnen und Schülern in Biel eine Zeitlang einen Briefkontakt mit ihren amerikanischen Altersgenossen und pflege mit den Lehrkräften wie auch mit Deborah Meier auch heute noch einen regen Austausch. In einer Zeit der Schreckensmeldungen aus den USA, einem zerrissenen Land, geschüttelt von Rassenunruhen, Cancel Culture und einer maßlosen Präsidentschaft möchte ich die Leserinnen und Leser des Condorcet-Blogs daran erinnern, dass es auch ein anderes Amerika gibt. Ein Land mit wunderbaren Menschen, voller Tatkraft, Toleranz und Kreativität. Und mit Schulen, die so anders sind als das, was von unseren Medien in der Regel kolportiert wird.

Mission Hill: Es begann mit einem Schock

Die ehemalige Mission Hill Schule in Boston: Eine Brennpunkt-Schule

Beim Besuch einer US-amerikanischen Schule in einer Grossstadt wird man jeweils eines bewaffneten Polizisten gewahr, der sich – sofern es sich um einen Fremdling handelt – freundlich nach dem Namen erkundigt. Ansonsten verhalten sich diese Männer und Frauen in Uniform eher zurückhaltend, immer bereit einzugreifen, sollte etwas passieren.

Man kann nur ahnen, was sich der seit drei Jahren im Amt sitzende Bürgermeister von Boston, Thomas Menino, dachte, als er im September 1995 die Nachricht aus seinem School Departement erhielt, dass sich in der Mission Hill Schule der Schulwachmann Alejandro Ruiz vor den Augen einer entsetzten Schülerschaft mit seiner Dienstwaffe erschossen hatte. Es war zwar nur eine Hiobsbotschaft unter vielen, die aus dieser rauen Bostoner Gegend auf den Schreibtisch des Bürgermeisters flatterten, Menino aber wusste, es war eine zu viel.

Mission Hill – ein heruntergekommenes Ghettoquartier

Die Mission Hill, Teil des Roxbury-Viertels im Süden von Boston, war eine Problemzone mit all den bekannten Nebenerscheinungen eines Ghettoquartiers. Verfallene Häuser, steigende Kriminalität, hohe Arbeitslosigkeit, Auszug des (vorwiegend) weissen Mittelstands und chaotische Schulverhältnisse.

Boston: Vibrierende Intellektualität

Boston, die Havard-Stadt an der Ostküste, eine 700’000 Einwohner zählende Metropole des Bundesstaates Massachusetts, die viel auf ihren Liberalismus hält, stand immer in grosser Rivalität zu New York.

Boston und New York, das ist ein wenig wie Basel und Zürich. Wenn das Red Sox-Baseball-Team die Yankees aus New York schlägt, steht die ganze Stadt Kopf.

Im Selbstverständnis vieler Bostoner sind die New Yorker neureiche Blender. Diese Mischung aus Big Business, mondänem Habitus, schrillen Kulturevents passt nicht zu Boston. Ghettoquartiere, Rassenunruhen, Korruption, das alles stand für New York, aber sicher nicht für Boston. Überhaupt, wo stände das Land, so die Überzeugung der Bostoner Oberschicht, ohne die intellektuelle Kraft ihrer Stadt.

Das Beispiel East Harlem

Trotzdem schauten Menino und seine Leute des Schuldepartments damals seit einiger Zeit auf den New Yorker Distrikt East Harlem, der in den 70er Jahren in Chaos und Kriminalität nicht nur zu versinken drohte, sondern schon längstens ertrunken war.

Deborah Meier übernahm die Schulen in Harlem und erhielt eine “carte blanche”

Seit 1974 übernahm dort die US-amerikanische Pädagogin Deborah Meier die gigantische Aufgabe, die ausser Kontrolle geratenen Schulen in East Harlem zu sanieren.

Deborah Meier war eine inzwischen bekannte Grösse in der amerikanischen Bildungspolitik. Die 1931 geborene Grand Old Lady der amerikanischen Linken begann ihre Karriere als Lehrerin im Kindergarten. Sie arbeitete dann als Primarlehrerin an verschiedenen Schulen in Chicago, Philadelphia und New York City und unterrichtete später auch auf der Sekundarstufe (Middle School). Als Schulgründerin und politische Autorin erlangte die ehemalige Trotzkistin landesweite Bekanntheit.

Deborah Meier erhielt den Auftrag, Harlems Schulen zu sanieren

Harlem: Meier setzte auf kleine Schulen

Der damalige New Yorker Bürgermeister Abraham Beame, 1973 ins Amt gewählt, erbte von seinem Vorgänger eine desolate Haushaltslage und sah sich zu schmerzhaften Sparmaßnahmen gezwungen. Er reduzierte die Zahl der städtischen Beschäftigten um 65.000, die Zahl der Krankenhausbetten um 3000 und für die City University wurden Studiengebühren eingeführt. Neben seinen harten Sparmassnahmen bewies der als Buchhalter verschriene Beame aber auch Mut zu unkonventionellen Massnahmen. Der Republikaner bat die linke Deborah Meier, “den Sauladen in East Harlem” zu übernehmen, und sicherte ihr alle Freiheiten zu, die sie für ihr Werk benötigen sollte.

Deborah Meier kam aus der Praxis. Sie war eine, die aus ganzem Herzen und voller Überzeugung Lehrerin war und vermutlich nie etwas anderes sein wollte. Eine ihrer wichtigsten aus der Erfahrung geborenen Überzeugungen lautete: Die Schulen müssen klein sein, überschaubar, die Lehrkräfte müssen zu ihren Schülerinnen und Schülern eine Beziehung haben, sie kennen. Ausserdem war sie eine überzeugte Anhängerin der Public School. All ihre Schulkonzepte entwickelte sie immer auf dem Boden des öffentlichen Schulsystems, dessen Grenzen sie aber stets aufbrach.

Ausgerechnet Zürich

Professor Juergen Oelkers hielt 2007 die Laudatio

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das Wirken dieser Frau, deren pädagogische Grundhaltung allem widerspricht, was heute in der Schweiz unter dem Begriff HarmoS durchgesetzt werden soll, in der Hochburg der realitätsfremden, praxisfeindlichen Reformen entdeckt und gewürdigt werden sollte.

2007 verlieh nämlich die Pädagogische Hochschule Zürich ihren jährlichen Bildungspreis an Deborah Meier. Die Laudatio hielt kein geringerer als der Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers, ein kluger Beobachter der hiesigen Reformdebatte und ausgewiesener Kenner der ostamerikanischen Reformschulen.

Juergen Oelkers sprach damals eindrückliche Worte:

«Mit ihren kraftvollen Ideen gründete Deborah Meier 1974 im öffentlichen Schulsystem der Stadt New York eine alternative Primarschule, der rasch zwei weitere Schulen folgten, alle in East Harlem. Die Schulen wurde als «CPE» – Central Park East – bekannt. Die Idee war, die besten Methoden des Lernens dort anzuwenden, wo sie am wenigsten erwartet wurden und wo eigentlich nur klar war, dass sie keinen Erfolg haben könnten.»

Jürgen Oelkers fasste im Weiteren ihr Denken in folgenden Sätzen zusammen:

«Wir haben uns längst an eine neue Sprache gewöhnt, nämlich die der Psychometrie und Leistungsmessung, in der es nur noch Tests und Standards zu geben scheint. Dagegen setzt Deborah Meier die Stimme und Weisheit der Praxis.»

Es sind Worte, die man in der hiesigen Reformdebatte selten hört. Im monströsen Lehrplan 21 kommen Experten zu Wort, Leute, die an den Schaltstellen der Bildungspolitik sitzen, aber den Herausforderungen des Unterrichts weitgehend fernbleiben. Dies war auch in den USA mit seiner konservativen Wende nicht anders. High-Stake-Tests, Standards, vereinheitlichte Lehrpläne und alle Arten von Evaluationen nahmen die chronisch unterfinanzierten Public Schools, wie die Grundschulen in den USA immer noch heissen, in ihren Griff.

Deborah Meier führte dagegen die öffentlichen Schulen in den Ghettos oder den Wohngebieten der Unterprivilegierten in Harlem progressiv, das heisst, unter Einbezug der Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Sie bildete kleine Schuleinheiten, denen sie grosse Freiheiten gab. Und sie hatte Erfolg. In ihrem Buch mit dem selbstbewussten Titel «The Power of their Ideas: Lessons for America from a Small School in Harlem», beschrieb sie 1995 ihre Erfahrungen in Harlem.

Der verzweifelte Telefonanruf vom Bürgermeister

Das blieb auch Menino nicht verborgen. Der Bürgermeister telefonierte mit Deborah Meier, wie es damals Abraham Beame getan hatte. Er bot ihr nicht mehr und nicht weniger an als eine marode Schule, aus der die Lehrkräfte, die Eltern und die Kinder nur noch weglaufen wollten.

Die damals 65-jährige Schulleiterin aus New York wäre zum damaligen Zeitpunkt eigentlich in den Ruhestand entlassen worden. Gestärkt durch ihren Erfolg in Harlem, ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihre im ostamerikanischen Judentum geschulte Debattierfreude trat sie – wie es mir der damalige Superintendent der Bostoner Schulen Mc Donough 2009 anvertraute, ziemlich unverschämt auf:

Eigene Curricula, nicht mehr als 220 SchülerInnen, kein Einmischen in die pädagogischen Entscheidungen, Eltern- und Schülermitsprache und die Möglichkeit, sich ihre Lehrkräfte selber auszuwählen.

Eigene Curricula, nicht mehr als 220 SchülerInnen, kein Einmischen in die pädagogischen Entscheidungen, Eltern- und Schülermitsprache und die Möglichkeit, sich ihre Lehrkräfte selber auszuwählen.

Deborah Meier im Gespräch mit dem Autor: Die Knacknuss waren die Gewerkschaften.

Als hartnäckigster Verhandlungspartner traten nicht – wie erwartet – die Bostoner Bildungsbehörden auf, sondern die lokale Lehrergewerkschaft. Neben den anstehenden Kündigungen verlangte Debora Meier nämlich von den neu anzustellenden Lehrkräften auch die Bereitschaft, rund 10 % mehr zu arbeiten als es der Tarifvertrag vorschrieb. «Das erwies sich als die grösste Knacknuss», schmunzelte Deborah Meier in einem längeren Interview, das ich 2009 mit ihr führen durfte.

Die Frau kann überzeugen, das spürte man nicht nur, wenn man in Ihrem Landsitz im Staat New York (nicht zu verwechseln mit der City of New York) den Diskussionen im Kreise ihrer Freunde zuhörte. Dort gab sich nämlich das «Who is who» der amerikanischen Altlinken die Klinke in die Hand. Sei es der ehemalige Pressesprecher von Martin Luther King oder die grosse Pädagogin Diane Ravitch, mit der sie phasenweise eine innige Gegnerschaft verband. Juergen Oelkers dazu: «Ihre Gegnerin war Diane Ravitch, die 1995 eine Theorie der Bildungsstandards vorgelegt hat und die danach eine entschiedene Kritik der progressiven Pädagogik geschrieben hatte.»

Der Disput zwischen Diane Ravitsch und Deborah Meier

Education Week, ein Vorbild auch für den Condorcet-Blog

 

 

Diane Ravitch sah ihren Fehler ein und gab Deborah Meier nachträglich recht

Diane Ravitch liess sich in der Tat in das Programm «No Child Left Behind» einspannen, das neben durchaus positiven Absichten eine abstruse, auf Kompetenzen aufbauende Vermessungsphilosophie in die Schulen brachte. Debora Meier hingegen lehnte dies immer ab. Später bekannte Ravitch, dass sie sich geirrt habe, und schrieb dazu ihr bemerkenswertes Buch «Reign of Error».

Beide sprachen immer miteinander, trotz ihrer Gegensätze. Und mehr noch, beide schreiben für einen gemeinsamen Blog, den die Zeitschrift Education Week organisiert und der mit das Beste ist, was ich in Sachen Bildungsthematik habe lesen können. Der Blog heisst «Bridging Differences», und wer ihn konsultiert, erfährt mehr als gerade einmal «we agree that we disagree». Der Condorcet-Blog lehnt sich in seiner Ausrichtung stark an diesen Leuchtturm des Diskurses an.

Schluss des 1. Teils

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