22. Oktober 2020

Schwarze Pädagogik: Die Spielarten neoliberaler Erziehung

Schwarze Pädagogik ist immer noch Teil der Lebensrealität, sagt die Pädagogin Sabine Seichter. Sie trage heute neoliberale Züge. In Verbindung mit Gentechnik könne in Zukunft ein Designerkind geschaffen werden, schreibt Seichter in ihrem Buch „Das ‘normale’ Kind“. Der Buchhinweis stammt vom Deutschlandfunk und wurde uns zugeschickt.

Testitis ersetzt Prügelstrafe
Das “normale” Kind, von Sabine Seichter: Das Mass aller Dinge ist heute die Norm.

In ihrem neuen Buch “Das ‘normale’ Kind” wirft die Salzburger Pädagogik-Professorin Sabine Seichter einen neuen Blick auf die Geschichte der schwarzen Pädagogik. Darin zeigt sie auf, wie das Kind im Verlauf seiner Entwicklung zur standardisierten Ware wurde und bis heute zu wenig als autonomes, mündiges Wesen gefördert werde.

“Schwarze Pädagogik” ist nicht verschwunden

Es sei ihre Absicht gewesen, einmal in die dunklen und tabuisierten Ecken pädagogischen Handelns zu blicken, in die man eigentlich nicht hinsehe, sagt Seichter. “Was ich zur Sprache bringen möchte, sind alle Spielarten des missbrauchten Kindes an dessen Körper, Seele und vor allem an dessen Würde.” Es lohne sich genauer hinzuschauen, denn die “schwarze Pädagogik” sei nicht verschwunden. “In der Tat zeigt sich die schwarze Dimension des Pädagogischen heute eher versteckter als noch vor Jahrzehnten, was aber nicht heißt, dass sie nicht genauso da ist”, so die Buchautorin.

Das Kind wird pausenlos getestet und angeglichen

Das Maß aller Dinge sei heute die Norm. “Wir wollen nicht das vielfältige, das abweichende, das anormale Kind, sondern wir wollen durch Erziehung und Bildung das ‘normale’ Kind erzeugen”, kritisiert Seichter. “Das findet sich heute stärker als noch vor Jahrzehnten, wenn sie an all die Entwicklungskontrollen spätestens ab dem Moment der Geburt denken.”

Das Kind werde abgeglichen mit der altersgemäßen Durchschnittsnorm, aber dieses Vorgehen finde sich auch in der ganzen Schulkindheit, in Leistungsvergleichen und Leistungskontrollen. Das Kind werde pausenlos gemessen, getestet und vor allem angeglichen. Dadurch lasse sich das “normale Kind” oder das “abweichende Kind” feststellen und pädagogisch entsprechend behandeln. “Die schwarze Pädagogik wird dann in diesem Zuge auch zur normalen Pädagogik”, sagt Seichter.

Ausgeburt der Ökonomie

Sabine Seichter, Pädagogik-Professorin Uni Salzburg: Kinder werden pausenlos getestet.

Seit einigen Jahren trage dieser Ansatz neoliberale Züge, denn es gehe darum, das Konkurrenzverhalten eines Kindes zu sichern. Das sei die normale Praxis im Schulalltag, trage “schwarze Züge” und sei gleichzeitig “normal”. Beim Blick in die Geschichte zeige sich, dass die Pädagogik immer eine “Ausgeburt der Ökonomie” gewesen sei, sagt Seichter.

Vermutlich gebe es keine pädagogischen Institutionen, wenn man nicht erwarten würde, dass ein Kind für den zukünftigen Arbeitsmarkt erzogen und ausgebildet werden müsse. “Die Schule wurde eingerichtet im 18. Jahrhundert, um das Kind für den späteren Arbeitsmarkt vorzubereiten.” Heutzutage erlebe man im “Humankapital” vermutlich “die kaptalistischste Ausgeburt” dieser Entwicklung.

Blick in die Zukunft

Medizinische Fortschritte und Gentechnik könnten diesen Trend in Zukunft noch beschleunigen, sagt Seichter. Sie verweist auf die Möglichkeit eines “Designerkindes”, das bereits gentechnisch erzeugt werden könne und “normal” zur Welt komme. “Der genetisch perfekte Embryo wird erzeugt und der hat keine Abweichungen, ansonsten würde er schon vorher aussortiert.” Das könnte pädagogische Eingriffe vielleicht eines Tages überflüssig machen.

Die entscheidende Frage sei, was in Zukunft bildungspolitisch gewünscht werde. “Eine nicht-schwarze Pädagogik müsste wieder viel stärker das Individuum in den Blick nehmen, sie müsste vor allem die Vielfalt akzeptieren – nur von der Vielfalt gibt es keine Norm.”

Es sei deshalb vor allem eine ethische Entscheidung: “Wollen wir eher standardisierte Produkte hervorbringen, die in den kapitalistischen Warenmarkt passen oder wollen wir eher kreative, autonome, mündige Kinder, die sich in ihrer Personalität und in ihrer Unterschiedlichkeit zeigen und nicht in ihrer Gleichheit.”

Ute Welty, im Deutschlandfunk, 17.1.20

 

Sabine Seichter: Das “normale” Kind. Einblick in die Geschichte der schwarzen Pädagogik

Beltz Verlag, Weinheim 2019

189 Seiten, 24,95 Euro

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1 Kommentar

  1. Mit dem Schlagwort „Schwarze Pädagogik“ hat seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Reformpädagogik mit großem Erfolg gegen den klassischen Klassenunterricht Front gemacht. Im engen Sinne bezeichnet der Ausdruck abwertend die Pädagogik der Aufklärung und des Philanthropismus. Hinter der Aufklärungspädagogik hatte die Idee gestanden, dass der Mensch, um volle Selbstbestimmung und höchste Menschlichkeit zu erlangen, seine Natur hinter sich zurücklassen und zur Vernunft gelangen müsse.

    Antiautoritäre Erziehungswissenschaftler behaupteten, die so abgewertete Pädagogik der Aufklärung sei auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch am Werke, darunter Katharina Rutschky, die 1977 eine psychoanalytische Deutung des aufklärerisch-pädagogischen Gedankenguts nachlieferte, das sie nun als „schwarze Pädagogik“ bezeichnete.

    Wenn der Begriff „schwarze Pädagogik“ nun wieder aus der Mottenkiste hervor geholt wird und mit dem Angstszenario eines angeblich möglichen genetisch perfekten „ Designerkindes“ “zeitgemäss” aufgefrischt wird, muss man sich fragen, welchen Zwecken dies dieses Mal dienen soll?

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_P%C3%A4dagogik

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