29. Oktober 2020

Unkenntnis über Finanzfragen erhöht die Ungleichheit in der Gesellschaft

Gestern die Buchpräsentation “Das normale Kind”, in der es um die Folgen neoliberaler Bildungspolitik geht, heute der Artikel von Hans Rentsch, einem bekennenden Liberalen, der PISA nicht ablehnt und fordert, dass sich unsere Lehrpläne auch mit der Bedeutung des Geldes auseinandersetzen müssen. Der Artikel von Hans Rentsch, da ist sich die Redaktion sicher, wird Widerspruch auslösen. Umso wichtiger ist seine Publikation.

Wer weiss über Finanzfragen Bescheid?
Annamaria Lusardi, Professorin für Wirtschaft und Buchhaltung an der George Washington University School of Business: Grosse Wissenslücken

Die NZZaS befragte jüngst die Professorin Annamaria Lusardi, eine Pionierin bei der Erforschung der Finanzkompetenz in der Bevölkerung, über ihre Forschungsergebnisse. Das Fazit ihrer Analysen lautet kurz und bündig, die Mehrheit der Bevölkerung könne einfache Fragen zu Geld, Schulden und Zinsen nicht beantworten. Die drei einfachen gestellten Fragen betrafen die Wirkung von Zins und Zinseszins bei Schulden, den Effekt der Inflation auf das Vermögen und die Diversifikation von Anlagerisiken. Besonders unwissend seien junge und alte Menschen, und Frauen schnitten schlechter ab als Männer (sofern man so etwas heute überhaupt noch sagen oder schreiben darf). Lusardis Forschungen begannen in den USA. Später wurden viele andere Länder einbezogen, so auch die Schweiz. Die Schweiz bewegt sich gemäss Lusardi dabei im oberen Mittelfeld, “aber auch in der Schweiz weist ein grosser Teil der Bevölkerung grosse Wissenslücken auf.”

Ungleichheit wird grösser, wenn…

Aus sozialer Sicht besonders problematisch ist die Erkenntnis, dass es auch die wirtschaftlich Schwächsten sind, denen es an Finanzkompetenz fehlt. Das Elternhaus bestimmt weitgehend, über welches Finanzwissen die Schüler verfügen. Und die normative Folgerung daraus ist klar (Zitat NZZaS): “Wenn wir also in den Schulen Finanzfragen nicht als Basisfächer anbieten, wird dies die Ungleichheit in der Gesellschaft vergrössern.” Da ich als Nicht-Lehrer kein Experte des Lehrplans 21 bin, ist mir nicht im Detail bekannt, ob Finanzkompetenz zu den zu vermittelnden Kompetenzen gehört. Ich nehme aber an, dass die Aufnahme von Finanzwissen in die PISA-Studien doch einen Effekt gehabt hat. Gemäss Lusardi haben in den USA jene Schulen in Finanzkompetenz gut abgeschnitten, in denen das Fach obligatorisch war und die dafür kompetente Lehrkräfte einstellten.

Dr. Hans Rentsch, Liberaler, Verwaltungsrat und Buchautor: Fehlendes Wissen führt zu falschen Entscheidungen.

Fehlendes Wissen führt zu schlechten politischen Entscheidungen

Als bekennendem Skeptiker von zuviel direkter Demokratie (Begründungen dazu in meinem Buch “Wie viel direkte Demokratie verträgt die Schweiz?”/NZZ Libro) erschien mir eine allgemeine politische Folgerung von Lusardi besonders wichtig und einleuchtend: Fehlendes Wissen über Fakten und Zusammenhänge führt zu schlechten politischen Entscheidungen und begünstigt Krisen. Man könnte diese Einsicht nun ausgiebig an den Beispielen von zwei noch verdrängten einheimischen Krisenrisiken, nämlich der schweizerischen Strom-/Energiegesetzgebung und der Altersvorsorge, untermauern. Das hat an dieser Stelle jedoch keinen Platz. Immerhin sei noch einmal Lusardi aus dem Interview in der NZZaS zitiert, die betreffend Altersvorsorge Australien und Neuseeland positiv erwähnt. Diese beiden Länder hätten ihre Rentensysteme reformiert, und sie unternähmen im Zuge dieser Reformen einiges dafür, dass die Bevölkerung ein besseres finanzielles Wissen erlange. Das ist in Sachen “der Bevölkerung reinen Wein einschenken” ziemlich das Gegenteil dessen, was wir von Bundesrat und Sozialminister Alain Berset in ritueller Wiederholung zu hören bekommen: Eine Erhöhung des Rentenalters ist in der Schweiz nicht mehrheitsfähig. Da bleibt also den Schulen noch viel Bildungsarbeit zu tun. Allerdings drängt die Zeit.

Verwandte Artikel

Arbeit für eine verspielte Zukunft

BILDUNG SCHWEIZ ist das Organ des LCH, der Dachorganisation der schweizerischen Lehrerverbände. Im Gegensatz zum Condorcet-Blog ist die Zeitschrift “Bildung Schweiz” der Digitalisierung des Unterrichts gegenüber sehr positiv eingestellt. Zumindest lassen dies die Mehrheit der Beiträge und die Auswahl der in ihr schreibenden Autorinnen und Autoren vermuten. Ein Beispiel dafür ist das “Interview” mit einer “spannenden Persönlichkeit” (Originalzitat), verbunden mit dem Versprechen, dieser auf den Zahn zu fühlen. Allerdings merkt man, dass die Eigenschaft, den Interviewpartnern auf den Zahn zu fühlen, nicht zu den Kernkompetenzen dieses Magazins gehört. Nando Stöcklin, wissenschaftlicher Mitarbeiter der PHBern im Fachbereich Digital Learning Base äussert sich euphorisch zu den Möglichkeiten digitaler Technik im Unterricht und sieht vor allem das “Spielpotential”. Im Interesse eines offenen Diskurses veröffentlichen wir diesen Beitrag und danken der Redaktion von “Bildung Schweiz” für die Erlaubnis dafür.

Schulische Integration auf dem Rückzug

Schulische Integration von behinderten Schülern könne so nicht weitergeführt werden. Als Grund werden vor allem die verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen genannt, die ihre Lehrkräfte an den Rand der Belastbarkeit führen. Condorcet-Autor Riccardo Bonfranchi hält dies für eine fatale Argumentation, weil der «Schwarze Peter» hier einer Gruppe von Kindern zugewiesen wird.

2 Kommentare

  1. Da stellt sich allerdings die Frage, wie es bei dem geballten Wirtschaftswissen und den hohen Finanzkompetenzen der Top-Banker überhaupt zur gigantischen Krise im Jahr 2008 kommen konnte. Selbst die bestens mit Kompetenzen ausgestatteten Manager und Verwaltungsräte der ehemaligen Swissair hätten trotz Grounding 2003 alle Fragen von Frau Lusardi sicher bestens beantworten können. Auch kann man wohl nicht ernsthaft behaupten, dass Elternhaus und Schulen diesen Finanzoptimierern nicht genügend Chancengerechtigkeit hätten zuteil werden lassen. Vielleicht waren die beklagte Unwissenheit und Inkompetenz in weiten Kreisen der Bevölkerung damals ein Glück. Sonst hätte die lästige Staatsform der Demokratie womöglich besser aufgeklärte Bürger dazu verführt, ihre Steuergelder nicht zur Rettung der in Not Geratenen freizugeben.

    1. Lieber Herr Schmutz, Sie ereifern sich, teilweise zu recht, aber doch aus einer klar ideologisch geprägten Perspektive, über ein anderes Thema als über das, was ich mit dem Bericht zum Interview mit Frau Lussardi mitteilen wollte. Deshalb ist für mich eine weitere Diskussion nicht möglich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.