PISA will prüfen – wer aber prüft PISA?

Volker Ladenthin lehrte von 1995 bis 2019 als Hochschulprofessor für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen und Mitglied der GBW. In seinem Beitrag hinterfragt er die PISA-Methoden und analysiert das Selbstverständnis der PISA-Macher.

Professor Volker Ladenthin: Man weiss nicht, was genau untersucht wurde.

Die Erhebungen, die die Kompetenzen von 15-jährigen Jugendlichen beim Lesen, in der Mathematik und den Naturwissenschaften evaluieren, fanden offensichtlich 2018 statt. Allerdings weiß man nicht, was genau untersucht wurde. Nach wie vor werden die Testaufgaben nicht publiziert. Wie beim religiösen Fundamentalismus muss man als Leser darauf vertrauen, dass die Forscher unter sich alles richtig machen. Man bekommt nur das Ergebnis mitgeteilt, nicht die Untersuchung.

Das ist, als ob man zu einem Arzt geht, der einen Gesundheitszustand diagnostiziert, man aber nicht weiß, wie er das herausgefunden hat.

Das ist, als ob man zu einem Arzt geht, der einen Gesundheitszustand diagnostiziert, man aber nicht weiß, wie er das herausgefunden hat. Ziemlich viel Vertrauen in einer Wissenschaftskultur, in der die Nachprüfbarkeit als Kriterium der Güte von Wissenschaft gilt. PISA-Studien können nicht nachgeprüft werden. Es gibt auch keine unabhängigen Kontrolluntersuchungen, wie sie mittlerweile für jede Hautcreme selbstverständlich sind.

Die Ergebnisse kommen zu spät

Die Ergebnisse der Untersuchung kommen zudem zu spät: Alle Maßnahmen, die man jetzt auf Grund der PISA-Studie 2019 ergreift, kommen den Kindern nicht mehr zu Gute, die sich haben evaluieren lassen. Aber doch der nachfolgenden Generation, könnte man einwerfen! Doch die neuen Kinder sind anders. Anders zusammengesetzt, anders vorgebildet, anders interessiert („Greta“). Die Rezepte von 2018 müssen 2020 nicht mehr greifen. Das aber setzt PISA voraus. Es wird vorausgesetzt, dass sich die Schüler über nunmehr 20 Jahre und auch in Zukunft immer gleich bleiben werden. Dass sie immer gleich reagieren – egal, was passiert. Ohne diese Voraussetzung könnte man mit PISA nichts anfangen.

Auch für die Lehrer kommt die Studie zu spät: Den etwa 50.000 Kollegen, die seit 2018 in Pension gehen, schon gar nicht, und die jungen Lehrer wissen nicht, wie die älteren unterrichtet haben. Meint PISA, dass sie es genau so oder anders machen sollen als die älteren Kollegen?

Auch hier setzt die Studie voraus, dass es an Schule so etwas wie ein normiertes Lehrverfahren gebe, in der das Gleiche auf gleiche Art allen gleichwertig gelehrt würde – im Grunde eine Neuauflage des alten Glaubens an den Katechismus. Wenn man das nicht annimmt, sondern vermutet, dass die 754.726 deutschen Lehrer 754.726 unterschiedliche Temperamente mit 754.726 unterschiedlichen Unterrichtsmethoden sind, hilft die Studie schon gar nicht. Wie will man mit Stichproben herausfinden, welches Lehrverfahren für die guten und welches Lehrverfahren für die schlechten Ergebnisse verantwortlich war? Was soll man für Schlüsse aus den Studien ziehen als den, dass immer alles besser sein könnte?

Was sollen die Eltern lernen?

Und was sollen die Eltern lernen? Dass der Staat ein Bildungssystem geschaffen hat, das nicht so ist, wie es sein sollte. Staatsversagen:  Die PISA-Studien diagnostizieren dem Staat den Grad seiner Unfähigkeit, Schulen einzurichten. Kein Wunder, dass Kinder lieber freitags demonstrieren gehen, wenn sie von staatlich beauftragten Erhebungen empirisch nachgewiesen bekommen, dass die Schule nicht so ist, wie sie sein sollte. Oder würden Sie eine Schokolade kaufen, über die der Hersteller sagt: Schmeckt aber nur mäßig. Die Schokolade der Konkurrenz ist viel besser.

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