5. Dezember 2019

Warum Condorcet? Das Wirken von Sophie de Condorcet

Im 4. (und vorerst letzten Teil) des imaginären Gesprächs mit dem Philosophen, Mathematiker und Aufklärer Jean Marie de Condorcet geht es um die tragischen Ereignisse, die zum Tod des Philosophen führten, und um seine Frau Sophie de Condorcet, die ihn stark prägte und sein Vermächtnis rettete.

Zeichnung: api

Am 8. Juli 1793 wurden Sie vor dem Konvent als ein „Akademiker, Verschwörer und Feind der Republik“ angeklagt. Drei Monate später veröffentlichte der Konvent eine Proskriptionsliste, auf der sich Ihr Name befand. Sie wurden der «Konspiration gegen die Einheit und Unteilbarkeit der Republik, gegen Freiheit und Sicherheit des französischen Volkes» angeklagt.

Condorcet: Es hatte sich abgezeichnet, viele meiner Freunde, aber auch einige meiner heftigsten Gegner wurden von der Terrorjustiz verfolgt und umgebracht. Zum Zeitpunkt meiner Anklage hätte ich gar keinen Prozess mehr erhalten. Ich wäre sofort liquidiert worden.

Sie konnten fliehen …

Condorcet: Ja, dank des mutigen Handelns von Sophie, die mir ein Versteck organisierte, und Freunden, die das Risiko eingingen, mich zu beherbergen.

Es waren acht wichtige Monate …

Condorcet: Es waren für meine Bestimmung und mein Werk die wichtigsten. Ich bin Sophie unendlich dankbar.

In diesen sieben Monaten entstand Ihr letztes grosses Werk – «Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes». Darf man es als ihr Testament bezeichnen?

Condorcet: Sehen Sie, wenn die unendliche Vervollkommnung unseres Geschlechts, wie ich glaube, ein allgemeines Naturgesetz ist, dann muss sich der Mensch nicht länger so verstehen, als sei er auf eine vergängliche und isolierte Existenz beschränkt und dass ihm nach einer wechselhaften Folge von persönlichem Glück und Unglück zu verschwinden beschieden ist. Ich bin wie der französische Bauer der aktive Teil eines Ganzen und Mitarbeiter an einem ewigen Werk. Da treffe ich mich wieder mit Spinoza. Betrachten Sie daher mein Werk als Baustein und nicht als Testament.

Sind Sie ein Utopist oder ein Rationalist?

Nun, man kann meinen liberal-humanitären Entwurf durchaus als Utopie bezeichnen! Er beschreibt einen Idealzustand. In Ihrer Zeit wird im Moment intensiv über Megatrends diskutiert. Autoren wie der schwedische Statistiker Hans Rosling, der Zukunftsforscher Matthias Horx oder der Kognitionswissenschaftler Steven Pinker weisen darauf hin, dass alle Trends in Richtung «Vervollkommnung der Menschheit» gehen. Es geht der Menschheit in Ihrer Zeit so gut wie nie zuvor. Zu meiner Zeit lebten noch 90% der Menschheit in absoluter Armut, hatten keine Bildung und eine Lebenserwartung von maximal 40 Jahren. Sie haben es geschafft, bei einer wachsenden Bevölkerung den Hunger auf 7% zurückzudrängen, die allgemeine Schulpflicht weltweit einzuführen, die Mädchen überall zu beschulen und die Lebenserwartung weltweit auf 72 Jahre zu steigern.  Ausserdem sind die Menschenrechte, wie wir sie proklamiert haben, weithin anerkannt. Dies alles stützt meine These des Zukunftsoptimismus, zumal ich sie auch mit einem Höchstmass an Rationalität entwickelt hatte.

Steven Pinker nach der Sendung Philosophie aktuell

Der Kognitionswissenschaftler Steven Pinker hat den Begriff «Possibilist» geprägt. Das beinhaltet, dass es eigentlich gut kommen wird, es aber auch Rückschläge geben kann.

Damit wäre ich einverstanden. Die Menschheitsgeschichte entwickelt sich positiv. Es gibt aber immer wieder falsche Entscheidungen und unvorhergesehene Ereignisse und Katastrophen. Aber vergessen Sie nicht. Der Mensch ist ein kooperatives Wesen – und äusserst lernfähig

Kann dies in einem neoliberalen Wertesystem auch funktionieren, dass Menschen, die egoistische Interessen haben, mit anderen Menschen kooperieren?

Ich weiss nicht, was Sie unter Neoliberalismus verstehen. Aber gerade auch egoistische Menschen können sich sehr rational verhalten, oft viel rationaler als Ideologen und Idealisten. Denken Sie nur an die Jakobiner, die zwar Solidarität und Gleichheit predigten, aber teilweise völlig irrationale Entscheidungen fällten und keinerlei Kooperation eingingen.

Wie kamen Sie ums Leben?

Condorcet: Ich musste mein Versteck im März 1994 verlassen, um meine Beschützer nicht zu gefährden. Vor allem aber hatte ich Angst um Sophie, die ja keine Unbekannte war. Sie geriet in den Fokus der jakobinischen Terrorbanden. Ich lebte im Dachstock eines Freundes. Wahrscheinlich verlor ich die Nerven, als ich vermutete, dass die Diener meines Freundes mein Versteck den Behörden gemeldet hatten. Ich floh also zu einem Landhaus der Familie Suard. Diese aber konnten mich auch nicht aufnehmen, weil sie glaubten, dass ihr Dienstpersonal mich auch verraten würde. So versuchte ich, mich nach Paris durchzuschlagen, war aber gesundheitlich sehr geschwächt. Nach drei Tagen wurde ich von Bauern entdeckt und den Behörden ausgeliefert. Ich gab meinen Namen sofort bekannt. Es war unter meiner Würde, mir noch eine falsche Identität zuzulegen. Ausserdem waren meine Manuskripte in Sicherheit.

Sie wurden ins Gefängnis geworfen und starben dort schon in der ersten Nacht. Das lässt Raum für Verschwörungstheorien.

Condorcet: Sie sind belanglos. Ich war nur eines von unzähligen Opfern des Terrors, ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die in den nachfolgenden Kriegen ums Leben kamen.

Trotzdem, drei Monate später wurde die Herrschaft der Jakobiner mit der Hinrichtung Robespierres und seiner Anhänger beendet.

Condorcet: Auch dieses Schicksal teilten viele.

Ihre Frau hatte sich von Ihnen scheiden lassen.

Das war notwendig, um sich und ihre Verwandten zu schützen. Wir blieben aber während meiner Flucht immer in Kontakt.

Sophie de Condorcet

Sie heirateten sie relativ spät, 1786! Das waren sie schon 41 Jahre alt. – Warum hat das so ungewöhnlich lange gedauert!

Es musste diese Frau sein, Sophie de Grouchy … 20 Jahre jünger als ich, ungewöhnlich gescheit, mutig und eine leidenschaftliche Debattiererin. Sie war meine grosse Liebe, sie war meine Schülerin und Lehrerin zugleich. Sie unterstützte mich mit ganzer Kraft, auch als es gefährlich wurde. Zusammen gründeten wir die «Gesellschaft 1789».

Man sagt, Sie beide hätten trotz des grossen Altersunterschieds eine starke und glückliche Ehe geführt

Wir liebten uns in der Tat sehr. Ihre intellektuelle Schaffenskraft war enorm. Und sie war ihrer Zeit weit voraus. – Sie hätte in Ihrer Zeit eine glänzende akademische Karriere absolviert!

Sie sagen, Sie waren Ihr Lehrer, sie aber auch Ihre Lehrerin. – Inwiefern beeinflusste Sophie Sie?

Sie sprach perfekt Englisch und las vor allem die Werke der englischen Philosophen. Und die Gründung des berühmten Salons im Hôtel des Monnaies war ja ihr Werk. Dort trafen viele englischsprachige Besucher ein, unter anderem Thomas Jefferson und Adam Smith, dessen Werke sie später auf Englisch übersetzte. Ausserdem war sie schon früh eine leidenschaftliche Kämpferin für die Frauenrechte. Zu ihrem Freundeskreis gehörten auch die berühmte Germaine de Staël oder die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges.

Ihr Essay «Sur l’admission des femmes au droit de cité» von 1790 war demnach von Ihrer Frau inspiriert?

Mehr als das. – Es war ihr Werk. Aber Sie wissen ja, wie es damals mit der Aufmerksamkeit bestellt war. Ich war der bereits anerkannte Philosoph und mich nahm man ernst. Sie war aber die treibende Kraft hinter vielen Entwicklungen. Ihr Salon war ja auch die Geburtsstätte der Girondin-Bewegung. Sie kritisierte unverblümt und mutiger als ich die beginnende Tyrannei. Und sie überzeugte mich, in meinem 8-monatigem Versteck mein Werk «Esquisse d’un Tableau Historique des Progrès de l’Esprit Humain» zu schreiben.

Dort entstand auch Ihr berühmter Brief an Ihre Tochter «Avis d’un Proscrit à sa Fille» – für mich eine Art «document humain».

Olympe de Gourges 1743- 1793, frühe Frauenrechtlerin,
wurde als Royalistin guillotiniert. Ihre letzten Worte: «Unerschrocken, gerüstet mit den Waffen der Redlichkeit, trete ich euch entgegen und verlange von euch Rechenschaft über euer grausames Treiben, das sich gegen die wahren Stützen des Vaterlandes richtet. […] Ist nicht in Artikel 11[3] der Verfassung die Meinungs- und Pressefreiheit als kostbarstes Gut des Menschen verankert? Wären denn diese Gesetze und Rechte, ja die ganze Verfassung nichts weiter als hohle Phrasen, jedes Sinnes entleert? Wehe mir, ich habe diese traurige Erfahrung gemacht.»
Eliza war damals vier Jahre alt … Leider konnte ich nicht mehr erleben, wie sie den Brief aufgenommen hat.

Die Scheidung von Ihrer Frau war auch materiell bedingt.

Ja, denn einem verurteilten Verräter der Revolution wurde damals der ganze Besitz weggenommen. Das war eine einträgliche Einkommensquelle für die immer klammen Revolutionäre. Allerdings bewirkte die Scheidung hier nicht viel, da mein Tod, von dem Sophie allerdings erst Monate später erfuhr, vor der Scheidung lag.

Wie überstand Sophie diese Zeit? – Sie wurde ja später wieder eine ziemlich einflussreiche Persönlichkeit.

Sie war eine alleinerziehende Mutter und musste zudem auch noch ihre Schwester unterstützen. Nun, sie betätigte sich als Sekretärin und Übersetzerin. Sie übersetzte auch Adam Smith und Thomas Paine ins Französische. Später erreichte sie die Rückgabe einiger Besitztümer, was ihr wieder eine finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte.

Sie gründete erneut einen Debattiersalon.

Und veröffentlichte meine letzten Werke. Einen grösseren Liebesbeweis gibt es nicht.

Herr Condorcet, ich hoffe, unser Gespräch wird meine Mitstreiter davon überzeugen, den Bildungsblog nach Ihrer Frau und Ihnen zu benennen.

Anmerkung des Autors: Sophie de Condorcet starb 1822 in Paris. Die Tochter Eliza heiratete den exilierten irischen Freiheitskämpfer Arthur O’ Connor. Aus deren Ehe entstammten 5 Kinder.

Am 18. Mai 2019 wurde in der Schweiz der Condorcet-Blog gegründet!

 

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