18. November 2019

Das EDK-Frühfremdsprachenkonzept: Eine Parabel in sechs Akten oder Wie aus Reformitis Big Business wird

Am Donnerstag, den 2. Juni 2016, veröffentlichten die heutigen Condorcet-Autoren Urs Kalberer, Philipp Loretz, Alain Pichard, Roland Stark und Felix Schmutz einen aufwändig recherchierten Artikel über das Frühfremdsprachenkonzept. Der Beitrag wurde in der BAZ veröffentlicht und füllte damals eine ganze Seite. Angesichts der heutigen Entwicklung in Sachen Passepartout-Lehrmittel ist dieser Beitrag sehr aktuell und brisant, weshalb wir ihn hier noch einmal veröffentlichen. Wer ihn liest, wird besser verstehen, wie es zu diesem Desaster gekommen ist, wer hier die Verantwortung trägt und wie Geschäftsinteressen elementare pädagogische Einwände weggewischt haben.

Leider wenig beachteter Beitrag in der BAZ (2. Juni 2016)

Das Fremdsprachenkonzept der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), gekoppelt an eine neue Didaktik, ist ein Lehrstück darüber, wie heute in der Schweiz durch ein höchst fragwürdiges Zusammenspiel von Erziehungsdirektoren, Verwaltung und Wissenschaft Bildungspolitik gemacht wird, welche Folgen das für die politische Kultur in diesem Land und den Unterricht an den Schulen hat und wie leichtfertig enorme Summen in zweifelhafte Projekte investiert werden.

1.   Wir müssen etwas tun!

Völlig überstürzte Entscheidung Bild: AdobeStock

Obwohl die Fremdsprachen gar nicht Teil des Pisa-Tests waren, wurden auch sie durch den inszenierten «Pisa- Schock» im Jahr 2000 erfasst. Erschüttert vom angeblichen Beleg für das Ungenügen des hiesigen Schulsystems sah man über die Grenzen hinaus und stellte fest, dass in Nachbarländern die Schulkinder viel früher mit Fremdsprachen begannen. Dankbar griff die Politik nach diesem Strohhalm, der eine Option bot, rasch als tatkräftig Handelnde wahrgenommen zu werden.

Überhastet erfolgte 2004 die Verabschiedung des neuen EDK-Sprachenkonzepts, demgemäss die erste Fremdsprache im dritten und die zweite im fünften Schuljahr einzusetzen habe sowie eine davon eine Landessprache sein müsse. Diese Lösung war ein rein politischer Kompromiss zwischen den Kantonen, die sich nicht einigen konnten, ob zuerst Französisch oder Englisch gelehrt werden sollte. Um die Romandie zu besänftigen, hatte man das in Zürich und anderswo favorisierte Primat des Englischen mit der Pille der Festlegung der zweiten Fremdsprache auf der Primarstufe versüsst.

Pädagogische Gesichtspunkte hatten der Staatsräson zu weichen.

2.    Selektive Wahrnehmung und unseriöses Vorgehen

Im Unterschied zur Staffelung von Französisch und Englisch wurde die viel wichtigere Frage nach der Sinnhaftigkeit des Entscheides medial kaum diskutiert, obwohl das Konzept wissenschaftlich bestenfalls dünn abgestützt war. Umfangreiche Studien besagten, dass Frühstarter keine nennenswerten Fortschritte erzielten. Solche Befunde jedoch wurden mithilfe willfähriger Wissenschaftler zugunsten missverstandener Erkenntnisse der Hirnforschung konsequent ausgeblendet.

So war etwa die Rede von Lernfenstern, die nur jüngeren Kindern offen stünden und später nicht mehr genutzt werden könnten!

Grosszügig verdrängt wurde selbst Elementares: so die Schwierigkeit, dass in der Deutschschweiz Aufwachsende zuerst Standarddeutsch als fremde Variante der Erstsprache lernen müssen und Französisch und Englisch somit den Platz von Sprache 3 und 4 einnehmen. Unbeachtet blieb auch, dass das Erlernen einer zusätzlichen Sprache im familiären Umfeld en passant etwas ganz anderes ist als die künstliche Situation des Schulunterrichts. Selbst das Fehlen einer international anerkannten Didaktik für das frühe Fremdsprachenlernen beunruhigte die Promotoren nicht. Die überwiegend positive Stimmung in Bevölkerung und Medien kam ihnen dabei gelegen.

Unglaublich, aber wahr: Der Urheber der Expertise war an Frühfremdprojekten und der Entwicklung der entsprechenden Lehrmittel persönlich massgeblich beteiligt. Von einem unabhängigen Gutachten konnte nicht die Rede sein.

Um die berechtigten Einwände betreffend die fehlende wissenschaftliche Legitimation zu «entkräften», bestellte die Zürcher Erziehungsdirektion 2002 ein Gutachten an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Unglaublich, aber wahr: Der Urheber der Expertise war an Frühfremdprojekten und der Entwicklung der entsprechenden Lehrmittel persönlich massgeblich beteiligt. Von einem unabhängigen Gutachten konnte nicht die Rede sein.

3.    Eine pseudowissenschaftliche Didaktik

Ursprünglich hätte die erste Fremdsprache immersiv unterrichtet werden sollen, das heisst gewisse Fächer wären ausschliesslich in der Zielsprache erteilt worden. Um effizient sein zu können, müsste das einen ansehnlichen Anteil der Gesamtunterrichtszeit umfassen, erteilt von muttersprachigen Lehrpersonen.

Die Realität sieht anders aus: Die Frühfremdsprache wird isoliert mit minimaler Stundendotation erteilt, was nicht intensiv genug sein kann und den andern Fächern Unterrichtszeit wegnimmt. Die gesamthafte Lektionenzahl für die Fremdsprache während neun Jahren Volksschule wurde gleich belassen, was eine Verminderung pro Schuljahr bedeutet und die Übungszeit in der Sekundarschule massiv reduziert. Ferner werden dafür Lehrpersonen eingesetzt, deren Eignung für den Fremdsprachenunterricht hochgradig divergiert.

Diese Unterrichtsform wurde nicht empirisch erprobt, sondern auf Anhieb flächendeckend eingeführt.

Urs Kalberer,Sekundarlehrer und Linguist. Wies schon früh nach: “Besser spät und konzentriert, als früh und verzettelt.”

Angesichts der suboptimalen Rahmenbedingungen schoben die Verantwortlichen als neue Unterrichtsmethode eine Bastelei aus Mehrsprachigkeitsdidaktik und Konstruktivismus nach. Diese Unterrichtsform wurde nicht empirisch erprobt, sondern auf Anhieb flächendeckend eingeführt. Ein interkantonaler Feldversuch mit einer Schülergeneration als Probanden.

4.    Augen zu und durch!

Aus Angst vor Gesichtsverlust und befeuert durch enorme Mittel für Umsetzung und Forschung trieb die Allianz aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft das Konzept unbeirrt voran und offenbarte mitunter sektiererisches Gebaren: Alles, was bisher war, sei schlecht und müsse entsorgt werden. Und will die Arznei partout nicht wirken, wechselt man nicht etwa das Medikament, sondern erhöht die Dosis. Konkret: Evaluationsresultate sind technisch irgendwie nicht verfügbar.

Dann wird so lange am Massstab oder an den Indikatoren geschraubt, bis schliesslich eine Erfolgsmeldung herausspringt.

Die Linguistin Simone Pfenninger wies nach, dass Frühlerner keine Vorteile gegenüber Spätstartern hätten. Arbeitet heute an der Uni Salzburg

Wer die vielfältigen Mängel des Konzepts trotzdem anzusprechen wagte, geriet häufig unter Druck: Wie bei der Einführung der integrativen Schule wurden mahnende Stimmen verspottet oder willkürlich mit einem (rechtskonservativen) politischen Etikett versehen. EDK-Vertreter schmetterten Einwände mit dem Hinweis ab, Lehrende verschlössen sich grundsätzlich zuerst immer allen Neuerungen, sie müssten sich erst daran gewöhnen, Fortbildung würde sie darauf vorbereiten, alles Neue brauche seine Zeit etc. Dass die Kritik oft von erfahrenen Lehrkräften kam, wurde geflissentlich übergangen. Lieber spannte man eigens dafür angestellte Mitarbeiter von Pädagogischen Hochschulen oder Behördenvertreter vor den Karren, die begeistert, da finanziell davon abhängig, die frohe Botschaft der neuen Lehre verkündeten, ohne auf Gegenargumente einzugehen. Die Folge: Praxisferne, Bürokratie, horrende Kosten.

 

5.    Der Tabubruch: Öffentliche Verleumdung

Der damalige Regierungsrat Christoph Eymann verlor die Nerven und diffamierte die renomierte Sprachwissenschaftlerin Simone Pfenninger

Durch das Anwachsen der kritischen Datenmenge (vgl. Berthele/Lambelet und Kübler) in jüngster Vergangenheit und den gleichzeitigen Mangel an Beweisen für die Wirksamkeit ihres Konzepts scheinen die Nerven der Befürworter zunehmend blank zu liegen.

Anders ist es nicht zu erklären, dass EDK-Präsident Christoph Eymann die preisgekrönte Arbeit der Zürcher Linguistin Simone Pfenninger als «unwissenschaftlich» diffamiert hat – zunächst in einem Beitrag in der Basler Zeitung, wenig später sogar hochoffiziell in seiner Antwort auf eine Interpellation der Basler GLP-Grossrätin Katja Christ.

Pfenningers «Vergehen» besteht allein im Fazit ihrer aktuellsten Studie zum Fremdsprachenerwerb: Frühlerner sind bezüglich Leistung und Motivation den Spätlernern nicht überlegen. Und generell gilt: besser spät und intensiv als halbbatzig und über viele Jahre verteilt. Also das Gegenteil dessen, was die EDK propagiert.

6.    Reformspektakel als Business

Viele Jobs wurden geschaffen: an den Pädagogischen Hochschulen, in kantonalen Verwaltungen und Kurskadern. Verordnete Aus- und Fortbildungen verschlingen Unsummen. «Mille feuilles» und «Clin d’œil» werden als die teuersten (Einweg-) Lehrmittel in die Geschichte eingehen. Für die Produzenten hat sich das Geschäft gelohnt – und für die Kantone Bern und Aargau, denen zu je 50 Prozent der «Schulverlag plus» gehört, der die Lehrmittel vertreibt.

Die mini-grammaire wurde nachgeschoben, um zu retten, was noch zu retten war. Kosten pro Exemplar 32 Fr. !!!

Nach nur einem Jahr beschloss die Berner Erziehungsdirektion, die Lehrmittel zu überarbeiten. Die Reihe wird mit allerlei Zusatzmaterialien nachgerüstet: Grammatik, Wortschatz, Zusatzübungen. So wird klammheimlich die hochgepriesene Lehrmethode in die alte zurückverwandelt – mit noch nie da gewesenen Kostenfolgen.

Gemäss Schätzungen belaufen sich allein die Ausgaben der sechs Passepartout-Kantone auf insgesamt mehr als 100 Millionen Franken.

Mit den Worten von Markus Kübler von der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen fordern wir eine «vorurteilsfreie Zurkenntnisnahme empirischer Befunde als Auslegeordnung sowie eine offene (…) Diskussion über die Handlungsoptionen (…) und die Gelingensbedingungen von frühem Fremdsprachenlernen (…)». Die Zeit drängt.

 

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