16. September 2019

Kritik heisst nicht Verzicht auf Innovation

Die erste und einzige Kritik am Lehrplan 21 von der Basis ging von zwei Schulhäusern aus. Das Oberstufenzentrum Orpund und das in Biel gelegene Oberstufenzentrum Mett-Bözingen. Hier entstand das Memorandum 550gegen550, das (erfolgreich) eine Überarbeitung des Lehrplans 21 forderte. Unser Autor Alain Pichard unterrichtet an beiden Schulen. An dieser Stelle beschreibt er das OSZ-Mett-Bözingen, das sich von einer problembeladenen Brennpunktschule zu einer eigentlichen Vorzeigeschule entwickelt hat. Und er zeigt auch, dass Kritik an Kompetenzorientierung, Mehrsprachendidaktik und Vermessungswahn nicht heisst, auf Innovation zu verzichten. Zudem wird hier dokumentiert, wie Schulleitungen auch wirken können, wenn sie sich in den Dienst ihrer Kolleginnen und Kollegen und vor allem der Elten und Schülerinnen und Schüler stellen und praxisorientiert wirken. Das Interview veröffentlichen wir wegen seiner Länge in 2 Teilen.

1996 wurden im Zuge der Oberstufenreform die beiden Sekundarschulen der Bieler Quartiere Mett und Bözingen, sowie die damaligen Primaroberstufen zu einem Oberstufenzentrum zusammengefasst. Ich war damals Primarlehrer an der Primaroberstufe und wurde mit meinen Kolleginnen und Kollegen so zu einem Reallehrer «befördert». Schon der Beginn der Fusion lief nicht reibungslos ab. Die damals noch bestehenden Schulkommissionen bestimmten einen älteren Kollegen zum zukünftigen Schulleiter. Dagegen wandten sich die jüngeren Lehrkräfte und erzwangen eine offene Diskussion über die zukünftige Führung des neu gegründeten Oberstufenzentrums.

Das OSZ-Mett-Bözingen, von aussen trist anzuschauen, offenbart es innen einen innovativen Ort des Lernens

Diese Diskussion führte dazu, dass man die Geschicke der Schule zu Beginn des «Abenteuers» einer 4-er-Schulleitung anvertraute. In diese Schulleitung wurde auch meine Frau, Ruth Wiederkehr, gewählt. Ich trat aus der Schule aus und nahm eine Stelle in einem benachbarten Oberstufenzentrum an.

Ich blieb dem Kollegium, dem Quartier und vor allem seinen Kindern, mehrheitlich aus unterprivilegierten Verhältnissen stammend, aber immer verbunden. Das Oberstufenzentrum Mett-Bözingen ist eine Brennpunktschule mit 280 Schülerinnen und Schülern. Über 75% der SchülerInnen sprechen zu Hause nicht Deutsch, bei den Realklassen kann dieser Anteil bereits an die 100% betragen.

Der Anfang war ausserordentlich schwierig. Die Schule genoss keinen guten Ruf, Umteilungsgesuche für Kinder von Schweizer Familien waren häufig.

Über die Jahre gelang es der Schulleitung, den Lehrkräften und den Menschen in Mett, das OSZ-Mett-Bözingen zu einer Modellschule mit grosser Strahlkraft umzugestalten.

Dabei ging diese Schule immer ihren eigenen Weg, erfand sich immer wieder neu, baute auf die Lehrkräfte und die Weisheit der Praxis. Zusammen mit den Lehrkräften des OSZ-Orpunds lancierten sie 2013 das «Memorandum 550gegen550» mit dem sie eine Überarbeitung des Lehrplans 21 erzwangen.

Das OSZ-Orpund, in welchem ich heute unterrichte, und das OSZ-Mett-Bözingen arbeiten in manchen Bereichen zusammen, organisieren gemeinsame Podien und lernen voneinander. Vor zwei Jahren stellte das OSZ-Mett-Bözingen ihr Oberstufenmodell um. Sie verzichtete auf die Trennung zwischen Sekundar- und Realklassen und führte die Mischklassen mit Niveaukursen ein, ein Modell, für welches sich das OSZ-Orpund schon zu Beginn der Oberstufenreform 1996 entschied.

Seit zwei Jahren unterrichte ich selber auch wieder 4 Lektionen Naturwissenschaft in dieser Schule, in der ich meine abwechslungsreiche Lehrerkarriere begann.

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Literaturtipp: Der Tanz der Tiefseequalle

Es war eine Neuentdeckung. Condorcet-Autor Alain Pichard las mit seinen 7. Klässlern den Jugendroman “Tanz der Tiefseequalle” von Steffanie Höfler. Diese Geschichte ist eine Sternstunde der Jugendliteratur. Das fand auch Kalya Strazza, 14 Jahre alt und Schülerin des OSZ-Orpund. Sie schrieb für den Condorcet-Blog eine Rezension.

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