24. April 2026
Lehrerverband mit Reformkonzept für bayrische Gymnasien

Gymnasium als Modulsystem ohne Sitzenbleiben, Lehrer als Lerncoaches

Das Gymnasium steht unter Druck – und zwar von innen. Lehrkräfte berichten seit Jahren von übervollen Klassen, wachsender Heterogenität und einem System, das auf Gleichschritt setzt, obwohl die Realität längst eine andere ist. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) legt nun ein Konzept vor, das diesen Widerspruch auflösen soll: ein modular aufgebautes Gymnasium ab der siebten Klasse. Es wäre ein Paradigmenwechsel – weg vom starren Klassenprinzip, hin zu einem individualisierten Lernsystem. Die Redaktion des Condorcet-Blogs hat sich dazu entschieden, diesen Text aufzuschalten, obwohl sie die Ansätze für nicht sehr erfolgversprechend hält. Wir wollen hiermit auch explizit unserem Anspruch genügen, auch gegensätzliche Meinungen zu veröffentlichen, andererseits zeigt dieser Text auch, dass der Hype um das individualisierte Lernen und die Transformation der Lehrkraft zu einem Coachdasein immer noch seine Urständ feiert.

 

Im Zentrum steht ein neuer Leistungsbegriff. Leistung soll nicht mehr daran gemessen werden, ob alle zur gleichen Zeit das Gleiche schaffen, sondern daran, wie gut individuelle Lernwege gestaltet und unterstützt werden. “Wir müssen weg von der Gleichmacherei und von der vermeintlichen Elitebildung”, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Das derzeitige System verhindere oft genau das, was es leisten soll: Förderung.

Der Vorschlag des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) zielt auf eine strukturelle Neuausrichtung des Gymnasiums ab der siebten Jahrgangsstufe. Ausgangspunkt ist die Diagnose, dass das bestehende System auf der Annahme homogener Lerngruppen beruht, die in der Praxis längst nicht mehr zutrifft. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann formulierte das auf der Pressekonferenz deutlich: “Wir stellen heute ein Modell vor, das unseren Zielen entspricht, den Zielen, die wir für alle Schularten haben: Individualität, Förderung, Coaching und damit beste Leistung für alle Kinder und Jugendlichen.”

Die Zahlen, die der Verband zur Begründung heranzieht, verweisen auf eine deutliche Veränderung der Schülerschaft. 44 Prozent der Gymnasialklassen umfassen inzwischen 26 bis 30 Schülerinnen und Schüler, weitere 4,5 Prozent liegen darüber. Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung verändert: Der Anteil von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist innerhalb von fünf Jahren um 83 Prozent gestiegen, der Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund um 60 Prozent. Fleischmann ordnet diese Entwicklung ein: “Das Gymnasium ist weiterhin die beliebteste Schulart, hat eine hohe Nachfrage, trifft aber auf große strukturelle Herausforderungen.”

Das vom BLLV im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellte Konzeptpapier beschreibt das Modulsystem als eine Antwort auf diese Heterogenität. Es versteht sich als flexibles Organisationsmodell, in dem nicht mehr Jahrgangsstufen den Lernfortschritt bestimmen, sondern einzelne Module, die unabhängig voneinander absolviert werden können. Echte Individualisierung bedeute, dass sich das System den Schüler:innen anpasst – nicht umgekehrt, heißt es in dem Papier.

Kern des Modells ist die Aufteilung des Unterrichts in unterschiedliche Modultypen. Fachmodule bilden weiterhin den klassischen Unterricht ab und orientieren sich am Lehrplan. Ergänzt werden sie durch Zusatzmodule, die in drei Formen auftreten: Fördermodule zur Aufarbeitung von Defiziten, Plusmodule zur Vertiefung von Stärken sowie Brückenmodule, die den Anschluss sichern, wenn Schülerinnen und Schüler ein Fach zeitweise aussetzen. Hinzu kommen Projektmodule, die fächerübergreifend organisiert sind und andere Lernformen ermöglichen.

“Ein pauschales Wiederholen aller Fächer einer Jahrgangsstufe beim Verfehlen des Klassenziels entfällt in diesem System.”

 

Ein modulares System ist überfällig.

Ein zentrales Element ist dabei die Möglichkeit, Lernzeit individuell zu strecken. Schülerinnen und Schüler können ab der siebten Klasse entscheiden, den Bildungsgang zu verlängern und Module über einen längeren Zeitraum zu verteilen. Anders als im bisherigen System gibt es kein Sitzenbleiben. Wer in einzelnen Fächern scheitert, wiederholt ausschließlich die entsprechenden Module. “Ein pauschales Wiederholen aller Fächer einer Jahrgangsstufe beim Verfehlen des Klassenziels entfällt in diesem System”, heißt es dazu im Konzept.

Mit dem modularen System verschwindet der klassische Klassenverband in der Mittelstufe. Stattdessen bekommt jede Schülerin und jeder Schüler eine feste Lehrkraft als Coach zugewiesen. Diese begleitet den gesamten Lernprozess, berät bei der Modulwahl und koordiniert die individuelle Förderung. Laut Konzept stärkt das die Beziehungsebene und ermöglicht eine deutlich engere pädagogische Begleitung als bisher.

Freistunden sind im System ausdrücklich vorgesehen – sie sind kein Problem, sondern Teil des Konzepts. Diese Zeiten sollen in sogenannten Lernwerkstätten oder Lernstudios genutzt werden: für eigenständiges Arbeiten, zur Vertiefung von Inhalten und für Projektarbeit. Damit verschiebt sich die Rolle der Schule: weg vom reinen Unterrichtsort, hin zu einem Lernraum mit stärkerer Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler.

Wie sehr die bestehende Struktur an ihre Grenzen stößt, beschreibt Dr. Fritz Schäffer, Seminarlehrer für Geschichte, in der Pressekonferenz mit Blick auf die Ausbildungssituation: “Und diese Klage bekomme ich seit 20 Jahren von praktisch allen meiner Referendarinnen und Referendaren. Alle sind erstaunt, wenn sie rausgehen und vor Ort eigene Klassen übernehmen: ‘Wie heterogen sind die denn? Es stimmt ja gar nicht, dass wir am Gymnasium homogene Lerngruppen haben!'” Daraus folge ein strukturelles Problem: „Das führt zu einer enormen engen Taktung des Lernens. Es führt zu diesem oft beklagten ‘Bulimielernen’ und es führt zu einer Oberflächlichkeit und dazu, dass immer einige gelangweilt sind, denen es zu langsam geht und welche überfordert sind.“

Wie sich diese Struktur konkret verändern könnte, verdeutlicht das Konzeptpapier anhand mehrerer Fallbeispiele. Der Schüler Jonas etwa hat Schwierigkeiten in Mathematik und Latein. Im bestehenden System gerät er zunehmend unter Druck, scheitert schließlich mehrfach und verlässt das Gymnasium. Im Modulsystem hingegen würde er gezielt Brücken- und Fördermodule belegen, während er in anderen Fächern regulär voranschreitet. Dadurch entzerrt sich sein Lernprozess, und er kann die Oberstufenreife erreichen.

Ein ähnliches Prinzip gilt für den Fall Paul, der im klassischen System eine Klasse wiederholen müsste. Im modularen Modell wiederholt er nur die nicht bestandenen Fachmodule und bleibt in anderen Fächern im Lernfluss. Auch hier wird deutlich, dass das System nicht auf Gleichzeitigkeit, sondern auf individuelle Progression setzt.

“Lehrkräfte sind nicht nur reine Wissensvermittler, sondern auch Lernbegleiter.”

 

Darüber hinaus adressiert das Konzept auch Lebenssituationen außerhalb der Schule. Roland Kirschner, Leiter der Fachgruppe Gymnasium im BLLV, beschreibt das in der Pressekonferenz so: “Mit unserem Modulsystem haben wir ein System entwickelt, das kein starres Korsett ist, sondern das sich zielgenau den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler anpasst.” Und konkretisiert das an einem Beispiel: “Stellen wir uns einen Schüler vor, der beispielsweise im Sportverein sehr aktiv ist, er hat vier oder fünf Mal in der Woche Training, am Wochenende Wettkämpfe. Da stellt sich dann irgendwann mal die Frage: ‘Wie schaut es mit der Doppelbelastung aus?'”

Diese Perspektive greift auch die Gymnasiallehrerin Tamara Thum auf, die vor Medienvertretern auf die soziale Dimension verweist: “Im Sinne der Bildungsgerechtigkeit kann die Devise dann nicht sein: ‘Entweder du schaffst es jetzt hier selbst und im selben Tempo wie alle anderen oder du bist eben nicht geeignet’.” Das Modulsystem eröffne hier neue Spielräume: “Entweder geht man fachlich tiefer in die Inhalte rein oder man beschäftigt sich mal fächerübergreifend oder auch projektorientiert mit Themen.”

Mit der strukturellen Veränderung geht auch ein verändertes Rollenverständnis der Lehrkräfte einher. Mustafa Çakmak, Lehramtsstudent, beschreibt diese Verschiebung in der Pressekonferenz so: “Lehrkräfte sind nicht nur reine Wissensvermittler, sondern auch Lernbegleiter. Wichtig ist, dass wir unsere Rolle kennen und dass wir Schülerinnen und Schüler auf einem individuellen Lernweg begleiten und nicht nur stur Fachwissen beibringen.”

Erhöhter Aufwand in der Anfangsphase

Auch Schulleiter Matthias Schickel sieht darin eine notwendige Konsequenz aus der veränderten Realität an Gymnasien: “Wir haben eine unglaubliche Spreizung an unterschiedlichen Kindern, auch an den Gymnasien. Und genau diesen Kindern müssen wir Rechnung tragen.” Das bisherige System beschreibt er mit einem Vergleich: “Schule ist ein System, wo 30 Hochleistungssportler zusammen mit behinderten und ganz durchschnittlichen Menschen nachts durch einen Wald geführt werden sollen, auf vier verschiedenen Wegen, aber zum gleichen Zeitpunkt am gleichen Ort ankommen müssen.”

Gleichzeitig entstehen neue organisatorische Anforderungen. Das Konzeptpapier weist ausdrücklich darauf hin, dass insbesondere in der Anfangsphase ein erhöhter Aufwand bei Stundenplanung und Fortbildung notwendig sei. Während der Fachunterricht weitgehend unverändert bleibe, müssten Zusatzmodule teilweise neu entwickelt werden. Auch die Rolle der Lehrkräfte als Coaches erfordere zusätzliche Qualifizierung.

Die politischen Reaktionen fallen erwartungsgemäß zurückhaltend aus. Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) sieht keinen Anlass für eine grundlegende Reform. Das neunstufige Gymnasium sei “in breitem Konsens mit der gymnasialen Schulfamilie entstanden” und stoße auf “breite Akzeptanz”. Es gebe daher “nicht den geringsten Anlass für eine erneute Strukturdebatte”, so zitiert sie der Bayerische Rundfunk. Auch der Bayerische Philologenverband lehnt den Vorstoß ab – und spricht von einem “völlig falschen Weg”.

Der BLLV hingegen verbindet mit dem Modell auch bildungspolitische Erwartungen. Fleischmann verweist auf bestehende Ungleichheiten: “Am Ende der Schulzeit hat nur etwa ein Viertel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erzielt gegenüber mehr als drei Viertel aus hohen sozialen Schichten.” Daraus leitet sie einen grundsätzlichen Anspruch ab: “Alles andere ist reine Augenwischerei der politisch Verantwortlichen, die sich immer gerne mit dem elitären Anspruch des bayerischen Gymnasiums schmücken, aber bloß keine grundlegenden Innovationen angehen möchten.”

 

Legende Titelbild: “Weg von der Gleichmacherei”: BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. (Foto: BLLV) 

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