45 Minuten Unterricht, fünf Minuten Pause und gleicher Stoff für alle – so sieht der Alltag an vielen deutschen Schulen aus. Aus Sicht der Bildungsorganisation “Bewirken” ist dieses starre Konzept nicht mehr zeitgemäß. “Schule ist grundsätzlich sehr stark im Gleichschritt gedacht”, sagte Geschäftsführerin Judith Holle der Deutschen Presse-Agentur. Dies sei aber nicht unbedingt die sinnvollste Art und Weise, um gute Lern- oder Entwicklungsprozesse zu gestalten. Letztere verliefen extrem individuell, betonte Holle kurz vor dem Start des “Zukunftsforums Lernbegleitung” am Mittwoch in Berlin.
Das Zukunftsforum will Schulen, Behörden und weitere Akteure zusammenbringen, um über systemische Lösungen und die veränderte Rolle von Lehrern als Lernbegleiter zu beraten. Rund 120 Experten aus ganz Deutschland werden dazu erwartet. Zahlreiche Einrichtungen suchen laut Holle derzeit nach Wegen, ihre Lernkonzepte grundlegend neu auszurichten und vom traditionellen Gleichschrittsystem Abstand zu nehmen. “Sehr viele haben das Gefühl, irgendetwas passt da nicht mehr”, sagt Holle.

“Bewirken” setzt laut Holle seit Jahren darauf, die Selbstwirksamkeit junger Menschen zu stärken und Schulen bei umfassenden Entwicklungsprozessen zu unterstützen. Das aktuelle System stünde einer zeitgemäßen Pädagogik oft im Weg. Schule sei aktuell ein Ort, in dem Beteiligungen, Selbstwirksamkeitserfahrung, Persönlichkeitsentwicklung Themen seien, die in den vorhandenen Strukturen nicht so leicht umzusetzen seien, so Holle. Schulen, die sich verändern wollen, erprobten daher zunehmend alternative Formate: projektorientiertes Lernen, Lernbüros oder flexible Selbstlernzeiten.
Von kleinen Schritten bis zur Abschaffung des Unterrichts
Die Bandbreite der Reformen sei groß. Manche Schulen reduzieren demnach zunächst nur starre Taktungen, andere gehen weiter: “Manche verabschieden sich quasi vom Unterricht und schaffen ganz viele neue Lernformate, etwa projektorientiertes Lernen”, sagt Holle. Dabei entstehe eine Mischung aus selbstgesteuerten Lernphasen und gemeinschaftlichen, sozial eingebetteten Lernmomenten. Laut Holle ist der Veränderungswille inzwischen vielerorts spürbar: Es gebe ein großes Bewusstsein in vielen Schulen, dass das traditionelle System nicht funktioniere und alle erschöpfe.

Künstliche Intelligenz (KI) sieht Holle nicht als Bedrohung: “KI ist ein Katalysator für Entwicklungen, die ohnehin schon vorhanden sind”, so die Expertin. Künstliche Intelligenz könne Lernprozesse individualisieren und Lehrkräfte entlasten. Entscheidend sei jedoch, dass Schüler verstehen, wie sie KI sinnvoll und kritisch nutzen. Sich einfach nur Hausaufgaben ausspucken zu lassen, biete keinen Mehrwert für den eigenen Lernprozess.
Viele Lehrkräfte fühlten sich von der Geschwindigkeit des Wandels überfordert, berichtet Holle. Geräte fehlten, digitale Kompetenzen seien ungleich verteilt, und Fortbildung sei kaum systematisch organisiert. Es gebe ganz wenig strukturierte, strategische Herangehensweise dafür, wie lebenslanges Lernen im Lehrerberuf stattfinde. Und das in einer Zeit rasanter Entwicklungen.
News4teachers / mit Material der dpa


“Entscheidend sei jedoch, dass Schüler verstehen, wie sie KI sinnvoll und kritisch nutzen. Sich einfach nur Hausaufgaben ausspucken zu lassen, biete keinen Mehrwert für den eigenen Lernprozess.”
Das ist ja nur ein Detail… Aber genau daran scheitern doch die Schüler im aktuellen System, das schon jetzt in die Richtung dieser Vorschläge geht! Und genau darum funktioniert dieses sogenannt selbstorganisierte Lernen eben nicht. Auch nicht mit KI.
Schon wieder eine “Schule der Zukunft”. Laut der eigenen Homepage ist das “ein Sozialunternehmen mit der Mission, gemeinsam Veränderung in Schule zu bewirken.” Und es heißt: “Wir treiben den Bildungswandel voran”, und das mit “Leidenschaft, den Lernkulturwandel voranzutreiben”.
https://bewirken.org/
Zur Finanzierung dieses Unternehmens wird nichts gesagt. Kann sein, dass das alles vom Steuerzahler bezahlt wird, kann aber auch sein, dass irgendeine private Stiftung dahintersteckt oder gar eine bestimmte Ideologie. Der ganzen Terminologie mit den allzu oft gehörten Phrasen über die notwendigen “Veränderungsprozesse” und die “Gemeinsamkeit” dabei muss man mit Vorsicht begegnen, denn genau das schreiben Lobbyisten aller Art auch. Diese gründen dann Tarnunternehmen oder “gemeinnützige” Vereine, in Wahrheit geht es dann gelegentlich nur um das Digitalisierungs-Geschäft. Frau Holle ist
jedenfalls Co-Autorin des „Methodenbuch für digitalen Unterricht“, und die Bertelsmann-Stiftung ist mit dabei:
https://www.change-learning.de/blogger/judith-holle/
“Change Learning” ist ein Tarnunternehmen der Bertelsmann-Stiftung und sorgt sich geradezu rührend um unsere “Lernkultur”. Hier
https://bewirken.org/angebote-schulentwicklung/
werden immerhin Preise für die Begleitung bei der “Schulentwicklung” genannt.
Das ist ein ideales Betätigungsfeld für Leute, die gut schwätzen können. Man muss das nicht alles glauben. In einem Jobangebot dort ist von “Berufserfahrung in Fundraising, Impact, Beratung, Business Development, Partnerships, Sales oder ähnlichen Feldern” die Rede, es heißt: “Du bist Macher*in: zielstrebig, strukturiert, umsetzungsstark?” Diese Sprache flößt kein Vertrauen ein, wenn eine Ausbildung als Lehrkraft und Vertrautheit mit den realen Schulen offenbar gar nicht erwartet wird.
“Projektorientiertes Lernen, Lernbüros oder flexible Selbstlernzeiten” bis hin zur “Abschaffung des Unterrichts”, das alles soll sich gut anhören, aber niemals wird auf empirische Ergebnisse verwiesen, dass gerade dieses dort wirkt, wo die Probleme groß sind, nämlich in den Brennpunktschulen, in denen normaler Unterricht kaum noch möglich ist. Ich argwöhne, dass diese Konzepte am besten dort funktionieren, wo es weniger nötig wäre, nämlich in den gutbürgerlichen Gymnasien mit einer bildungsorientierten Klientel. Das scheint ein Kennzeichen praktisch aller “ganzheitlichen” reformpädagogischen Vorschläge zu sein. An diesen fehlt es schon seit 100 Jahren nicht, es fehlt eher an der nachgewiesenen Wirkung jenseits einiger Vorzeigeprojekte unter privilegierten Bedingungen.