21. Juni 2024
Eine etwas andere Bildungsstatistik

Das Schweizer Schulsystem ist besser und gerechter, als die Reformeiferer behaupten

Seit Jahrzehnten behaupten Bildungsreformer und Familienpolitiker immer wieder, die Schweiz solle sich an Skandinavien ein Beispiel nehmen. Aber soll sie das wirklich? Ein Blick in die Statistiken etwa zur Jugendarbeitslosigkeit liefert dazu eine klare Antwort. Ein Beitrag von Condorcet-Autorin Claudia Wirz.

Wer in der Schweiz etwas gelten will und zu Einfluss kommen möchte, muss zuerst einmal einen vermeintlichen Missstand finden, über den man öffentlichkeitswirksam jammern kann. Ideal, weil zeitgeistig, sind Fragen, die sich im Dunstkreis der «sozialen Gerechtigkeit» stellen, also etwa das Thema «mangelnde Gerechtigkeit im Bildungswesen». Hat man das Thema gefunden, verbündet man sich im Rahmen eines Vereins oder einer NGO mit Gleichgesinnten und gibt als vermeintliche Schutzmacht der Geprellten vorzugsweise eine Studie in Auftrag, die den zu beklagenden Sachverhalt bestätigt.

Eine Studie zeigt, eine Studie belegt

Obwohl der Begriff «Studie» an keinerlei Qualitätskriterien gekoppelt ist, ist es immer noch wirksam, wenn man die eigenen Forderungen mit vermeintlichen Fakten legitimiert. Viele Medien sind nur zu gerne

Claudia Wirz, Journalistin, neu für den Condorcet-Blog arbeitend: An keinerlei Qualitätskriterien gekoppelt.

bereit, Studien, die populäre Ergebnisse oder kleine Skandale versprechen, ohne Hinterfragen wiederzugeben, denn sie versprechen Reichweite und Klicks. «Eine Studie zeigt», «eine Studie sagt», «eine Studie belegt» sind alltägliche Floskeln in den Medien, und jedes Mal suggerieren sie, dass hier eine unumstössliche «Wahrheit» präsentiert werde, wo es doch abschliessende Wahrheiten zumindest im wissenschaftlichen Sinn gar nicht gibt.

Nach diesem Mechanismus funktioniert auch die Kritik am Schweizer Schulsystem und an der Schweizer Familienpolitik. Legion sind die Stimmen, die mit Furor die «frühkindliche Bildung» oder die Krippen- und Schulpolitik nach skandinavischem Modell auch auf hiesigem Terrain einfordern. Dabei geht es nicht zuletzt um Subventionen in geradezu frivoler Höhe. Das in der parlamentarischen Debatte befindliche neue Kita-Gesetz möchte das Kinderhüten für mehr als 800 Millionen Franken jährlich zur Bundesaufgabe machen. Das sei eine Investition in die Zukunft, meinen die Befürworter.

Wie erfolgreich die nordischen Systeme in Wirklichkeit sind, wird nicht hinterfragt.

Um diese Behauptungen mit «Fakten» zu bewehren, werden immer wieder Skandinavien, insbesondere Schweden und Finnland, als veritable Wunderländer einer familien- und geschlechtergerechten Sozial- und Bildungspolitik präsentiert, auch in den Medien. «Kleinkinder haben in Schweden gut lachen, denn bereits seit 1995 haben sie die Garantie auf einen Betreuungsplatz, damit ihre Eltern arbeiten können», heisst es etwa in einem Artikel, als ob sich ein Kleinkind nichts sehnlichster wünschte, als dass es von Fremden betreut werde und seine Eltern arbeiten. Dabei wird suggeriert, dass «Profis» Kinder besser und vor allem gerechter erziehen können als Eltern. Und so soll sich die Schweiz am leuchtenden skandinavischen Vorbild ein Beispiel nehmen. Wie erfolgreich die nordischen Systeme in Wirklichkeit sind, wird nicht hinterfragt.

Mit 24,2 belegt Schweden gemäss dem Portal de.statista.com einen Spitzenplatz bei der Jugendarbeitslosigkeit im EU-Raum. Nur Spanien steht diesbezüglich mit 27,2 Prozent noch schlechter da.

Zweifel am nordischen Erfolgsmodell

Dabei würde sich ein Blick hinter die strahlende Kulisse lohnen. Nicht nur die Berichte über Schwedens Bandenkriminalität, die meist von Jugendlichen verübt wird, lassen am untadeligen schwedischen Modell zweifeln, auch ein Blick in die Statistik der Jugendarbeitslosigkeit relativiert das Bild des leuchtenden Vorbilds.

Es gibt jedenfalls kaum Argumente, die widerlegen könnten, dass in der Schweiz der Übergang von der Schule in den Beruf wesentlich besser funktioniert als in Schweden und Finnland, nicht zuletzt aufgrund des dualen Berufsbildungssystems. Damit erfüllt das Schweizer Modell ein wesentliches Postulat der «sozialen Gerechtigkeit».

Der einstige PISA-Sieger Finnland erfährt einen totalen Absturz.

Mit 24,2 belegt Schweden gemäss dem Portal de.statista.com einen Spitzenplatz bei der Jugendarbeitslosigkeit im EU-Raum. Nur Spanien steht diesbezüglich mit 27,2 Prozent noch schlechter da. Auch Bildungswunderland Finnland gehört mit 18,2 Prozent zu den Schlechten in dieser Statistik. Die Schweiz hingegen steht mit 8,1 Prozent am anderen Ende der Skala; nur Island, Tschechien und Deutschland schneiden besser ab als die Schweiz. Die Zahlen stammen vom März 2024 und die Berechnungsmethode richtet sich nach der Internationalen Arbeitsagentur ILO. Nach schweizerischer Berechnung gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft SECO liegt die Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz wesentlich tiefer, nämlich bei 2 Prozent (2023).

Dieser Unterschied zeigt, dass die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit aufgrund der verschiedenen Schul- und Berufsbildungssysteme nur bedingt miteinander vergleichbar sind; für ein Gesamtbild sind sie dennoch aufschlussreich. Es gibt jedenfalls kaum Argumente, die widerlegen könnten, dass in der Schweiz der Übergang von der Schule in den Beruf wesentlich besser funktioniert als in Schweden und Finnland, nicht zuletzt aufgrund des dualen Berufsbildungssystems. Damit erfüllt das Schweizer Modell ein wesentliches Postulat der «sozialen Gerechtigkeit». Soziale Mobilität funktioniert in der Schweiz, wenn man denn will.

Notorische Schwarzmaler

Übergewichtige Kinder, auch hier schneidet die Schweiz wesentlich besser ab.

Es gibt noch einen weiteren Indikator, der Hinweise auf die «Bildungsgerechtigkeit» geben kann: der Anteil der Jugendlichen mit Übergewicht. In der hiesigen politischen Debatte wird Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen systematisch mit der sozialen Frage verknüpft; Kinder aus bildungsfernen Familien seien häufiger von Übergewicht betroffen als andere, wird behauptet, was ebenfalls als Ausdruck mangelnder Bildungsgerechtigkeit im Schweizer System und als Argument für mehr institutionelle Betreuung angeführt wird. Doch auch hier spricht die Statistik eine andere Sprache. Island, Finnland, Norwegen und Schweden verzeichnen gemäss einer Statistik der OECD allesamt mehr übergewichtige Kinder und Jugendliche als die Schweiz. Finnland erreicht einen Wert von 32,7 Prozent, die Schweiz liegt bei 24,1 Prozent.

Nun können solche Daten natürlich nie die «Wahrheit» abbilden, aber sie werfen zumindest ein Streiflicht auf die Situation. Und da steht die Schweiz mit ihrem Bildungssystem deutlich besser da, als es die notorischen Schwarzmaler und Reformeiferer gerne darstellen.

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