Wissenschaft

Die Ethnologin Susanne Schröter steht unter Druck – Wissenschaft ist auch eine Charakterfrage

Während seit einer Woche alle Welt über Boris Palmers Auftritt auf einer wissenschaftlichen Konferenz diskutiert, spielt sich in deren Hintergrund etwas viel Gewichtigeres ab. Mehr als einhundert Wissenschaftler haben sich verbündet, um eine Kollegin mundtot zu machen. Und die eigentlich zuständige Hochschulleitung schweigt darüber. Mathias Brodkorb, ehemaliger Finanz- und danach Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern, Mitglied der SPD und Kolumnist in der Monatszeitschrift Cicero, veteidigt in diesem Beitrag die Lehrfreiheit.

Cancel culture symbol or cultural cancellation and social media censorship as canceling or restricting opinions that are offensive or controversial to the public with 3D illustration elements.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Wissenschaftler genauso infam und charakterlos sein können wie ganz normale Menschen, wäre er nunmehr erbracht. Im Nachgang zu einer Fachkonferenz mit dem Titel „Migration steuern, Pluralität gestalten. Herausforderungen der Einwanderungspolitik in Deutschland“ am „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ (FFGI) hat sich innerhalb kürzester Zeit eine dreistellige Zahl von Wissenschaftlern zusammengerottet, um eine Kollegin am besten mundtot zu machen.

Mathias Brodkorb, SPD-Mitglied, ehem. Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern: Ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit.
Bild: vom Autor

Die Rede ist von Susanne Schröter, Ethnologin und seit 2014 Direktorin des FFGI. Schröter ist schon seit Jahren als mahnende Stimme gegen den politischen Islam bekannt. Immer wieder brachte ihr das erhebliche Kritik „von Linken und Islamisten“ ein, wie sie selbst sagt. Aber seit einer Woche hat das alles ein neues Niveau erreicht.

Boris Palmer sprengt eine Konferenz

Anlass dafür war die Tatsache, dass Schröter auch den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer als Referenten eingeladen hatte. Vor dem Veranstaltungsgelände beschimpften Demonstranten während des gesamten Tages Teilnehmer der Veranstaltung als „Nazis“. Als sich Palmer bei dieser Gelegenheit dazu bekannte, das Wort „Neger“ nicht aus seinem Sprachschatz gestrichen zu haben, eskalierte die Lage. Auch Palmer wurde in Sprechchören als „Nazi“ beschimpft, was dieser zu einer Art verbalem „Judenstern“ erklärte.

Dass sich Schröter umgehend von Palmers Auftritt distanzierte, half ihr offenbar wenig. In einer öffentlichen Erklärung des Forschungszentrums heißt es, Palmer habe die Veranstaltung „schwer beschädigt“ und sein Verhalten sei „absolut inakzeptabel“ gewesen. Und tatsächlich: Wer in Deutschland derzeit von dieser Tagung spricht, tut dies nicht wegen ihres Inhaltes, sondern allein wegen Boris Palmer.

Susanne Schröter, Ethnologin: “Man will mich erledigen.”

Susanne Schröter wird als „Rassistin“ denunziert

Auf dieser Welle der medialen Empörung will nun aber offenbar auch eine Reihe von Wissenschaftlern auf Initiative des Vorstands des Exzellenzclusters „Africa Multiple“ der Universität Bayreuth reiten. Seit mehreren Tagen zirkuliert ein scharfer Angriff auf Schröter im Netz, hinter dem sich inzwischen mehr als 180 Wissenschaftler versammelt haben. In dem Pamphlet kritisieren sie nicht Palmer, sondern Schröter für ihr angeblich „inakzeptables Verhalten“.

Sie werfen ihr vor, bereits seit Jahren an der „Verbreitung diskriminierender, islamfeindlicher und rassistischer Ideologien unter dem Deckmantel der ‚objektiven Wissenschaft’“ mitzuwirken. Die Autoren des Aufrufes verstehen sich dabei als Wissenschaftler, „die dem Kampf gegen Rassismus und alle Formen der Diskriminierung verpflichtet sind“. Und da Schröter angeblich den Rassismus an ihrer Universität fördere, müsse deren Leitung „ihre bisher unkritische Unterstützung für das FFGI überdenken“. Eigentlich kann das nur als Forderung verstanden werden, das Forschungszentrum zu schließen oder Schröter zumindest als Direktorin abzusetzen.

Deprimierende Befunde

Die Erklärung der Bayreuther Wissenschaftler ist dabei ein ziemlich deprimierendes Dokument. Es dokumentiert, in welchem geistigen und charakterlichen Zustand sich Teile der deutschen Wissenschaft bereits befinden und in welche Richtung die Karawane wohl in Zukunft weiterziehen wird.

Ohne mit der Wimper zu zucken, verkünden die Unterzeichner, dass sie sich dem „Kampf“ gegen Rassismus verpflichtet fühlen. Nur: Das hat mit Wissenschaft rein gar nichts zu tun, sondern ist im Kern nicht anderes als Politik. Leitstern der Wissenschaft ist nicht der Kampf für oder gegen etwas, sondern die Suche nach der Wahrheit.

Offenbar gibt es eine wachsende Gruppe deutscher Nachwuchswissenschaftler, die nicht einmal mehr das Einmaleins der Wissenschaft beherrschen – wollen.

Und da Menschen irren können, ist die institutionelle Voraussetzung eines funktionierenden Systems Wissenschaft die methodische und inhaltliche Pluralität. Nicht politischer Kampf, nicht öffentliche Denunziationen sollen den „Streit der Fakultäten“ entscheiden, sondern allein die besseren Argumente. Offenbar gibt es eine wachsende Gruppe deutscher Nachwuchswissenschaftler, die nicht einmal mehr das Einmaleins der Wissenschaft beherrschen – wollen.

Ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit

Die Erklärung der Bayreuther Wissenschaftler ist dabei nicht nur das Eingeständnis, mit elementaren Regeln der Wissenschaft gebrochen zu haben. Er ist ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit von Susanne Schröter.

Das Grundrecht auf Freiheit von Forschung und Lehre hat dabei eine doppelte Richtung. Es ist einerseits das Abwehrrecht von Wissenschaftlern gegen den Staat. Aber dieser ist zugleich umgekehrt dazu verpflichtet, Rahmenbedingungen zu gewährleisten, innerhalb derer die Grundrechtsträger ihre Rechte effektiv wahrnehmen können. Auch aus diesem Grunde wäre neben der Fürsorgepflicht als Dienstherr zumindest das Präsidium der Universität Frankfurt am Main verpflichtet, seine eigene Professorin zu schützen. Aber davon merkt man bisher nichts.

Und es ist ein Armutszeugnis, wenn die Leitung einer deutschen Universität nicht mehr den Mut und den Willen hat, das eigentlich Selbstverständliche zu tun: Die Freiheit von Forschung und Lehre ihrer eigenen Professoren entschlossen zu verteidigen.

Enrico Schleiff, deutscher Physiker und Biologe und Präsident der Goethe-Universität: Sie hätte Palmer ja nicht einladen müssen

Stattdessen sah sich Präsident Enrico Schleiff dazu veranlasst, Schröter subkutan an den Pranger zu stellen – sie hätte Palmer ja nicht einladen müssen –, und sagte dann das Folgende: „Jede explizite oder implizite den Holocaust relativierende Aussage ist vollkommen inakzeptabel und wird an und von der Goethe Universität nicht toleriert.“ Gemeint war damit aber nicht, dass unbescholtene Wissenschaftler als „Nazis“ tituliert wurden – auch das stellt ja in Wahrheit nicht nur eine persönliche Beleidigung, sondern eine Verharmlosung des Nationalsozialismus dar. Das „N-Wort“ „Nazi“ ist im Unterschied zum „N-Wort“ „Neger“ offenbar opportun.

Nachdem der „Chef“ sich öffentlich geäußert hatte, traute sich auch die dritte Reihe. Prof. Dr. Mirco Göpfert, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Ethnologie, stellte sich nicht vor Schröter, sondern trat noch einmal kräftig nach: „Es wirkt grotesk, schmerzt und beschämt mich, dass mit einer Konferenz zu Migration und Integration an der Goethe-Universität ein Raum geschaffen wurde, der rassistischen und Holocaust-relativierenden Äußerungen Vorschub leistet. Ich schließe mich der scharfen Verurteilung durch das Präsidium der Goethe-Universität in allen Punkten und unmissverständlich an.“ Auch Göpfert ersparte sich jedes Wort, um der Schmähkritik an Schröter entgegen zu treten.

Vom moralischen Versagen einer Hochschulleitung

Der Vorgang ist ein alarmierendes Musterbeispiel dafür, wie es in Sachen Wissenschaftsfreiheit um Deutschland bestellt ist. Die Angriffe gehen nicht vom Staat aus, sondern kommen aus dem System Wissenschaft selbst. Es handelt sich im Grunde um einen suizidalen Vorgang.

Und es ist ein Armutszeugnis, wenn die Leitung einer deutschen Universität nicht mehr den Mut und den Willen hat, das eigentlich Selbstverständliche zu tun: Die Freiheit von Forschung und Lehre ihrer eigenen Professoren entschlossen zu verteidigen. Wissenschaft ist am Ende eben auch eine Charakterfrage.

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2 Kommentare

  1. Wir haben in der Schweiz auch ein aktuelles Beispiel der Politisierung der Wissenschaft: der von Klimaforscher und -aktivist Reto Knutti (ETHZ) organisierte Aufruf von über 200 professoralen Kolleginnen und Kollegen für das “Klimaschutz-Gesetz”, über das am 18. Juni abgestimmt wird. Eine solche Kollektivaktion von Angestellten staatlicher steuerfinanzierter Hochschulen verstösst eigentlich gegen selbstverständlichste Governance-Regeln staatlicher Forschungsinstitutionen. Wahrscheinlich hängt der Mangel an Sensibilität für solche Regeln mit der Sakralisierung der direkten Volksrechte zusammen.

  2. “Er hat Jehova gesagt!”.

    Damals haben alle darüber gelacht, heute werfen alle den ersten Stein. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie eine Gesellschaft innerhalb von 30 Jahren derart verblöden kann.

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