1. Oktober 2022

Selbstständigkeit in der Schule

Condorcet-Autor Felix Schmutz nahm den Bericht zweier Eltern (https://condorcet.ch/2022/08/die-volksschule-als-tollhaus-erlebnisbericht-eines-elternpaars/, 2.8.22) zum Anlass, über Selbständigkeit im Unterricht nachzudenken.

Selbstorganisiertes Lernen ist nicht kindgerecht.
Felix Schmutz, Baselland:
Selbstständigkeit muss strukturiert entwickelt werden.

Im  Artikel «Die Volksschule als Tollhaus» bezweifeln die Eltern-Autoren, dass das Postulat der Erziehung zur Selbstständigkeit erreicht wird mit den Methoden, die sie in der Schulpraxis beobachten konnten. Die beschriebenen Situationen deuten darauf hin, dass das Ziel «Selbstständigkeit» eher eine Ausrede für Laissez-faire, Gleichgültigkeit, Unfähigkeit oder ideologische Verblendung der Unterrichtenden war.

Begriffsklärung

Was soll man unter Selbstständigkeit verstehen? Gemeint ist wohl ein Verhalten, welches darin besteht, Aufgaben eigenständig anzugehen und verantwortungsbewusst zu meistern. Wer ohne Zutun der Eltern zu Hause nach der Schule seine Hausaufgaben nach besten Möglichkeiten ordentlich löst, gibt ein Beispiel von Selbstständigkeit.

Selbstständigkeit rückt damit in die Nähe des aufklärerischen Begriffs «Mündigkeit», mit dem Kant operiert hat. Selbstständigkeit liesse sich somit als Vorstufe der Mündigkeit definieren, auf die erzieherische Arbeit in der Schule hinführen soll.1

Selbstständigkeit gibt es in unterschiedlicher Qualität: Bestimmte Handlungen wie Schuhbinden, Trottinettfahren eigenständig auszuführen, gehört in die Kategorie der erworbenen Techniken, welche die notwendige erste Stufe der Selbstständigkeit bildet. Das eigenständige Lösen von komplexeren Aufträgen und Aufgaben, welche Planung, Organisation und Gestaltungs- und Meinungsfreiheit erfordern, bildet die zweite, anspruchsvollere Stufe. Mündigkeit wäre die dritte Stufe der Selbstständigkeit, bei der eigenverantwortliches Denken und Handeln ohne erzieherische Begleitung erfolgt.

Selbstständigkeit liesse sich somit als Vorstufe der Mündigkeit definieren, auf die erzieherische Arbeit in der Schule hinführen soll.

Allerdings ist die Möglichkeit von Selbstständigkeit im Schulalter offensichtlich begrenzt. Um Aufträge selbstständig erledigen zu können, müssen diese in Schwierigkeit, Komplexität und Umfang der Altersreife, dem fachlichen Vorwissen, dem Allgemeinwissen angepasst sein. Im Hinblick auf «Mündigkeit» kann sich Selbstständigkeit zudem nur entwickeln, wenn innerhalb eines gesteckten Rahmens genügend Spielraum gewährt wird.

Selbstständigkeit kann man nicht generell lernen, sie ist an die Zusammenhänge gebunden, in denen sie erworben wird und lässt sich nicht immer leicht auf neue Zusammenhänge übertragen. Wer grosses Bastelgeschick hat und selbstständig Geschenke für die Verwandtschaft herstellt, mag bei anderen Aufgaben, z.B. beim Lernen einer Fremdsprache, hilflos erscheinen und sich völlig unselbstständig verhalten.

Selbsttätigkeit: kein Selbstläufer

Auch ist Selbstständigkeit kein Selbstläufer, der durch den Stoss ins kalte Wasser mit ein bisschen Lehrgeld erlernt wird. Vielmehr brauchen Lernende je nach individueller Veranlagung oder früherer Erfahrung mehr oder weniger Anleitung, um sich selbstständig verhalten zu können. Manchmal mag schon Nachahmung eines beispielhaften Verhaltens als Anleitung genügen. In anderen Fällen muss das eigenständige Verhalten eng begleitet und schrittweise erworben werden.

Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass Selbstständigkeit ein erstrebenswertes Erziehungsziel der Schule ist, das jedoch ähnlich wie das Fachwissen sorgfältig und bewusst entwickelt werden muss und nicht einfach nebenher dem Zufall überlassen werden sollte.

Lehrpersonen müssen sich deshalb fragen, inwiefern ihre Art zu unterrichten und den Kindern und Jugendlichen zu begegnen, Selbstständigkeit aufbaut, fördert, unterstützt oder im Gegenteil lähmt, verhindert oder geradezu abwürgt. Dazu zwei Beispiele aus der Praxis:

1) Was Selbstständigkeit lähmt

Ein von sich selbst überzeugter, durchaus erfahrener Kollege gibt der neuen Klasse einen Projektauftrag: «Gebt eurer Gruppe ein Thema, bearbeitet es und präsentiert die Ergebnisse. Zeit: 4 Lektionen.» Die Lernenden sind jedoch mit der Projektmethode nicht vertraut. Die Aufgabe ist eine klassische Überforderung.

Was geschieht? Ein riesiges Chaos entsteht, an einigen Tischen kommt es zu lautem Streit. Der Frust ist nach kurzer Zeit spürbar. Jetzt kommt der grosse Moment des Kollegen. Er erhebt die Hand und ruft in beruhigendem Ton: «Halt, halt, halt. So geht das wohl kaum!»

Er hat das Chaos ganz bewusst provoziert und übernimmt jetzt die Rolle des Retters und Erlösers, indem er die entstandenen Energien kanalisiert, die Arbeiten detailliert strukturiert und vor allem ziemlich autoritär nach seinen Vorstellungen ausrichtet. Immer noch frustriert, von ihrer Unfähigkeit überzeugt, aber dankbar nehmen die Lernenden die Ratschläge an und führen sie aus. Was hat der Kollege erreicht? Anstatt zu selbstständigem Handeln anzuleiten, hat er die Klasse in die Abhängigkeit des grossen Steuermanns geführt. Gelernt wird: «Ich kann es nicht selbst, man muss mir zeigen, wie es geht.»

2) Was Selbstständigkeit fördert

Eine Kollegin plant einen Spielnachmittag mit ihrer Klasse, bei der die Lernenden gruppenweise Geschicklichkeitsspiele mit den andern durchführen sollen.

Die Strukturierung der Aufgabe führt dazu, dass kein Chaos entsteht und die Kinder sicher wissen, was von ihnen verlangt wird.

Zunächst lässt sie die Klasse im Plenum Ideen für Spiele sammeln und hält sie an der Wandtafel fest. Die Vorbereitung der Spiele wird an die Gruppen vergeben mit genauer Anleitung: Formuliert die Regeln, plant den Ablauf, verteilt die Aufgaben während des Ablaufes, welches Material wird benötigt, besteht Unfallgefahr?, etc.

Die Gruppenarbeit umfasst somit eine begrenzte Aufgabe, innerhalb derer Fantasie und Gestaltungsfreiheit möglich sind. Die Ergebnisse werden vorgestellt und gegebenenfalls angepasst und verbessert. Die Strukturierung der Aufgabe führt dazu, dass kein Chaos entsteht, die Kinder sicher wissen, was von ihnen verlangt wird, sie dennoch eigene Ideen einbringen können, dass sie also gefordert, aber nicht überfordert werden und dass ihre Arbeit sachlich aufbauend gewürdigt wird. Sie lernen eigenständiges, verantwortliches Handeln in einem vertretbaren Rahmen.

Fazit: Selbstständigkeit muss strukturiert entwickelt werden. Um es «neudeutsch» auszudrücken: «Empowerment» zur Selbstständigkeit ist gefragt. Dabei kommt es auf die Balance zwischen vorgegebenen Rahmenbedingungen, gewährter Gestaltungsfreiheit und aufbauendem Feedback an. Nicht einmal, sondern in verschiedenen Zusammenhängen muss Selbstständigkeit gelernt werden. Wer hingegen zu viel auf einmal einfordert, erzeugt Chaos, Hilflosigkeit und Abhängigkeit, genau das, was man eigentlich nicht will.

 

1 Immanuel Kant Was ist Aufklärung?, Berliner Monatsschrift, 1784: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Positiv ausgedrückt: Mündigkeit ist das Vermögen, selbstständig zu denken und zu handeln.

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Als CONDORCET Vertreterin ist mir klar, dass KANTS selbst verschuldete Unmündigkeit keinen Platz in CONDORCETS denken hat wie ganz allgemein in den deutschen Landen an CONDORCET vorbei philosophiert wurde. Was für das Beispiel Spielen gilt, sollte dieses auch für Sprache und Rechnen und weitere Schulbücher gelten. Die Selbständigkeit wird von Kindern öfters mit der Bemerkung “das cha-i sälber” eingefordert.Mir ist noch bestens in Erinnerung, wie ich mit 6Jahren beim Schuhe putzen der Helferin den Schuh aus der Hand riss: “Du musst mir nicht helfen, aber zuluege muesch!”

  2. Eigentlich banal, diese Erkenntnisse zur Vermittlung von Selbstständigkeit. Doch wer eine Ausbildung an einer PH absolviert hat, kommt offenbar ohne solch banales Wissen zur Berufsreife. Daher das grosse Staatsschulfiasko.

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