28. November 2021

Die Berufslehre bietet mindestens so gute Aussichten wie das Gymnasium

Der steigende Anteil an Akademikern und Ausländern unter den Eltern in der Schweiz setzt die Berufslehre unter Prestigedruck. Doch laut einer neuen Studie liefert die Berufslehre nach wie vor sehr gute Zukunftschancen. Hansueli Schöchli hat sich in der NZZ mit dieser Studie auseinandergesetzt und stellt sie vor.

Hansueli Schöchli, NZZ-Journalist: Die Berufslehre ist bei weitem keine Sackgasse.

Rund die Hälfte der Abgänger der obligatorischen Schule in der Schweiz hat diesen August eine berufliche Grundbildung begonnen. Weitere 10 bis 15% dieses Schuljahrgangs dürften nach absolvierten Brückenangeboten oder Zwischenjahren noch hinzukommen. So hatten 2019 im Landesdurchschnitt gut 63% der jungen Erwachsenen bis zum 25. Altersjahr eine berufliche Grundbildung als Erstabschluss nach der obligatorischen Schule. Für die meisten war dies der Abschluss einer Berufslehre.

Die Berufslehre hat vor allem drei zentrale Stärken: Sie integriert die Mehrheit der Jugendlichen schon früh in den Arbeitsmarkt. Sie setzt die Saat für die jeweils nächste Generation qualifizierter Fachkräfte. Und sie schafft eine solide Basis für diverse Wege der Weiterentwicklung bis zu höchsten Bildungsweihen. Diese Schweizer Spezialität ist auch dem Ausland nicht ganz verborgen geblieben. Zu den Interessenten gehören etwa die USA, die Bundespräsident Guy Parmelin diese Woche besuchen wird – unter anderem zwecks Vertiefung der Zusammenarbeit in der Berufsbildung.

So wie das amerikanische Silicon Valley lässt sich aber auch die Schweizer Berufslehre nicht einfach kopieren.

Was Parmelin in den USA sagen könnte

Zu den wesentlichen Akteuren der Schweizer Berufsbildung gehören vor allem die Ausbildungsbetriebe, Branchenverbände, Behörden und Eltern.

So wie das amerikanische Silicon Valley lässt sich aber auch die Schweizer Berufslehre nicht einfach kopieren. Denn die Basis ist in beiden Fällen ein historisch gewachsenes Ökosystem, das auf enger Zusammenarbeit und gegenseitigem Grundverständnis diverser Akteure beruht. Zu den wesentlichen Akteuren der Schweizer Berufsbildung gehören vor allem die Ausbildungsbetriebe, Branchenverbände, Behörden und Eltern.

Ein zunehmendes Problem für die Berufslehre könnten zwei wachsende Gruppen unter den Eltern sein: die Akademiker, die aus Prestigegründen die Berufslehre nur den Nachbarkindern empfehlen wollen, aber nicht dem eigenen Nachwuchs. Und die Ausländer, welche die Berufslehre aus ihren Herkunftsstaaten nicht kennen und sie deshalb als Weg für die «Verlierer» betrachten.

Bundespräsident Parmelin könnte diese Woche seinen amerikanischen Ministerkollegen Dümmeres sagen als das Folgende: «Wer die Berufslehre nur als Ausweg für jene Jugendlichen sieht, die es nicht ins Gymnasium schaffen, hat das Schweizer System nicht begriffen.» Anders gesagt: Der hiesige Status der Berufslehre hängt zentral davon ab, dass sie auch für eine kritische Masse von schulisch leistungsfähigen Jugendlichen die erste Wahl ist.

Wer die Berufslehre nur als Ausweg für jene Jugendlichen sieht, die es nicht ins Gymnasium schaffen, hat das Schweizer System nicht begriffen. BR Parmelin.

Das ist aber nur dann der Fall, wenn die Berufslehre solchen Jugendlichen mindestens ebenso gute Aussichten liefert wie das Gymnasium. Genau dies trifft nach wie vor zu. Das zeigt eine neue Studie einer Forschergruppe um Professor Jürg Schweri von der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung in Zollikofen im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft.

So nüchtern wie der Titel («Der Wert von Ausbildungen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt») ist auch der Inhalt des Papiers. Im Wesentlichen werden aufgrund von Arbeitsmarktdaten der vergangenen zwanzig Jahre die Schicksale der Absolventen der verschiedenen Bildungswege verglichen.

Berufslehrabgänger ohne formale Weiterbildung gegenüber Gymnasiumsabgängern ohne formale Weiterbildung.

Tiefere Erwerbslosigkeit

Den ersten Vergleichspunkt liefern die Erwerbsquoten. Um Äpfel mit Äpfeln statt mit Birnen zu vergleichen, bieten sich folgende Gegenüberstellungen an: Berufslehrabgänger ohne formale Weiterbildung gegenüber Gymnasiumsabgängern ohne formale Weiterbildung, Lehrabgänger mit anschliessender höherer Berufsbildung (z. B. eidgenössischem Fachausweis) gegenüber Gymnasiumsabgängern mit höherer Berufsbildung sowie Lehrabgänger mit Fachhochschulabschluss gegenüber Gymnasiumsabgängern mit Uni/ETH-Abschluss.

Die Studie vergleicht aufgrund der Datenlage nicht exakt das Genannte, aber annäherungsweise: Statt von Berufslehre ist die Rede von «beruflicher Grundbildung» und statt von Gymnasium ist die Rede von «allgemeinbildendem Abschluss auf Sekundarstufe II». In allen Gruppenvergleichen weisen die Absolventen der beruflichen Grundbildung jeweils höhere Erwerbsquoten aus.

Erwerbsquoten sagen allerdings nur etwas über die Beteiligung am Arbeitsmarkt aus (Erwerbstätigkeit oder Stellensuche). Doch auch gemessen an der unfreiwilligen Erwerbslosigkeit schneidet die berufliche Grundbildung besser ab. So lag zum Beispiel in den vergangenen zwanzig Jahren die Erwerbslosenquote der Lehrabgänger mit anschliessendem Hochschulabschluss meist etwa ein bis zwei Prozentpunkte tiefer als bei Hochschulabsolventen ohne berufliche Grundbildung (vgl. Grafik).

Vorteil Berufslehre

Erwerbslosenquoten für Hochschulabsolventen, nach Art der Grundbildung, in Prozent

Mit beruflicher Grundbildung

Ohne berufliche Grundbildung

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Quelle: Quelle: Eidg. Hochschule für Berufsbildung

NZZ / hus.

Laut einer zu Beginn dieses Jahres publizierten Analyse von zwei Forscherinnen der ETH Zürich verdienen Hochschulabgänger mit Berufslehre in den ersten Jahren nach dem Tertiärabschluss im Mittel deutlich mehr als Akademiker ohne Berufslehre, doch fünf Jahre nach dem Abschluss sind die Differenzen geringer.

Die Lohnfrage

Bei den Löhnen ist die Sache unklar. Gemessen an den Medianlöhnen (den mittleren Löhnen, die von je der Hälfte der Gruppe überschritten bzw. unterschritten werden), weist die Analyse keine grossen Unterschiede zwischen beruflicher und allgemeiner Grundbildung aus.

Bei den Spitzenlöhnen wie bei den tiefen Löhnen sind aber die Absolventen einer allgemeinen Grundbildung stärker vertreten. Leicht verkürzt gesagt: Mit der Kombination Gymnasium/Universität ist man im Vergleich zur Kombination Berufslehre/Fachhochschule öfter in den obersten Prozenten der Lohnverteilung – doch im Gegenzug haben Absolventen einer beruflichen Grundbildung seltener Tieflöhne.

Unberücksichtigt im Vergleich der Hochschulabsolventen blieb, dass Universitätsabgänger weit öfter einen Masterabschluss machen als Fachhochschulabgänger; ein Vergleich von Äpfeln mit Äpfeln (Bachelor mit Bachelor) ergäbe vielleicht ein anderes Bild. Laut einer zu Beginn dieses Jahres publizierten Analyse von zwei Forscherinnen der ETH Zürich verdienen Hochschulabgänger mit Berufslehre in den ersten Jahren nach dem Tertiärabschluss im Mittel deutlich mehr als Akademiker ohne Berufslehre, doch fünf Jahre nach dem Abschluss sind die Differenzen geringer.

Auch gemessen an der Präsenz in Kaderpositionen sieht das Bild für die berufliche Grundbildung gut aus.

Auch gemessen an der Präsenz in Kaderpositionen sieht das Bild für die berufliche Grundbildung gut aus, wie der Studie der Hochschule für Berufsbildung zu entnehmen ist. Gemäss den Daten über die vergangenen zwanzig Jahre lag der Anteil der Erwerbstätigen mit Vorgesetztenfunktion bei den Lehrabgängern mit Tertiärabschluss jeweils etwas höher als bei den Personen mit Tertiärabschluss ohne berufliche Grundbildung.

Als letztes Vergleichskriterium zog die Studie subjektive Einschätzungen zur Arbeitszufriedenheit heran. In Sachen Arbeitsbedingungen und Arbeitsatmosphäre ortet das Papier «keine nennenswerten Unterschiede zwischen den verschiedenen Ausbildungsabschlüssen». Bei den Löhnen zeigen sich aber die Erwerbstätigen mit beruflicher Grundbildung etwas weniger zufrieden als die Vergleichsgruppen.

Die von der Studie analysierten Arbeitsmarktdaten zeigen für den Vergleich Berufslehre/Gymnasium keinen klaren Trend der betrachteten zwanzig Jahre – weder in die eine noch in die andere Richtung.

Laut einer Auswertung der Bundesstatistiker von 2020 zu den Lehrabgängern von 2012/13 hatte fünfeinhalb Jahre nach dem Lehrabschluss schon gut die Hälfte der Betroffenen den Beruf gewechselt.

Die Berufslehre mag bei manchen das Image haben, dass Jugendliche nach einem Entscheid im Alter von 15 oder 16 Jahren schon ihr ganzes Berufsleben vorspuren müssen. Doch die Realität ist eine andere. Laut einer Auswertung der Bundesstatistiker von 2020 zu den Lehrabgängern von 2012/13 hatte fünfeinhalb Jahre nach dem Lehrabschluss schon gut die Hälfte der Betroffenen den Beruf gewechselt. In den meisten Fällen war es ein Wechsel «nach oben» (höheres Qualifikationsniveau) oder seitwärts. Auch frühere Studien zur Mobilität von Lehrabgängern illustrierten, dass die Berufslehre bei weitem keine Sackgasse ist.

Deutlich ist derweil der allgemeine Trend in Richtung Tertiärabschlüsse. So stieg in der Altersgruppe 20 bis 65 der Anteil der Personen mit Tertiärabschluss innert zwanzig Jahren von 29 auf fast 43%. Klar ist dabei auch, dass unabhängig von der Art der Grundbildung ein Tertiärabschluss gemessen an Lohnchancen und Arbeitslosigkeitsrisiken im Mittel deutlich bessere Aussichten mit sich bringt.

Was für das Gymnasium gilt, gilt auch für die Berufslehre: Der Abschluss ist mit Vorteil nicht das Ende der Ausbildung, sondern «nur» das Ende des Anfangs.

Das Ende des Anfangs

Lohnwirksam ist in beiden Fällen die Weiterbildung.

Die Medianlöhne haben sich in den einzelnen Ausbildungsgruppen teuerungsbereinigt seit 1999 nur relativ wenig verändert, wie die Analyse der Hochschule für Berufsbildung weiter zeigt. Der Median des monatlichen Bruttolohns lag demnach 2018 bei Personen mit beruflicher oder allgemeiner Grundbildung als Höchstabschluss bei 6000 bis 7000 Fr. für eine Vollzeitstelle. Mit einem höheren Berufsbildungsabschluss brachte man es typischerweise auf etwa 8000 Fr. und mit Hochschulabschluss auf 9000 bis 10 000 Fr.

Laut den Autoren ermöglicht sowohl der Weg über eine berufliche Grundbildung wie auch jener über einen allgemeinbildenden Abschluss einen hohen Medianlohn: «Entscheidend ist allerdings, ob eine Person nach einem Abschluss auf der Sekundarstufe II noch eine tertiäre Ausbildung absolviert.» Was für das Gymnasium gilt, gilt auch für die Berufslehre: Der Abschluss ist mit Vorteil nicht das Ende der Ausbildung, sondern «nur» das Ende des Anfangs.

https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-berufslehre-bietet-gleiche-aussichten-wie-das-gymnasium-ld.1655242

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