Haben nur noch Mittelschulen Zeit für die geschichtlich-politische Bildung unserer Jugend?

Nicht zum ersten Mal weist in diesem Blog, das dem Aufklärer Jean-Marie de Condorcet gewidmet ist, ein Autor auf die schwindende Bedeutung des Geschichtsunterrichts hin. Für Hanspeter Amstutz ist klar, dass an der Erarbeitung grundlegender historischer Kenntnisse kein Weg vorbei führt.

Hanspeter Amstutz:
Donnerwetter wäre angezeigt gewesen.

Wie eine neue Studie zum Abstimmungsverhalten von 16-bis 25-Jährigen zeigt, spielt das Bildungsniveau für ein frühes politisches Engagement eine entscheidende Rolle.

Mittelschülerinnen und Mittelschülern wird in einem gut strukturierten Unterricht geschichtliches Grundwissen vermittelt und in Themenschwerpunkten vertieft. Die gründliche Auseinandersetzung der Gymnasiasten mit geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen der Vergangenheit schafft ein Fundament, das für das politische Verständnis der Gegenwart eine gute Orientierung bietet. Wer Entwicklungslinien in der Geschichte erkennt und die Rolle historischer Akteure versteht, kann auch das aktuelle Kräftespiel politischer Interessen besser erfassen.

 

Das Fach Geschichte ist in der Sekundarschule mit anderthalb Wochenlektionen im Verteilkampf um Lektionen völlig zwischen Stuhl und Bank gefallen.

Ein viel zu grosser Teil unserer Jugend verfügt leider nur über ein rudimentäres geschichtliches Basiswissen und ist über die jüngere Vergangenheit unseres Landes kaum im Bild. In einer lebendigen Demokratie müsste man stärker darauf achten, dass alle Jugendlichen das Rüstzeug zum Verstehen politischer Zusammenhänge erwerben. Dass dies geschieht, ist in erster Linie Sache des Geschichtsunterrichts der Volkschule. Doch das Fach Geschichte ist in der Sekundarschule mit anderthalb Wochenlektionen im Verteilkampf um Lektionen völlig zwischen Stuhl und Bank gefallen. Das anspruchsvolle Fach führt in vielen Schulen ein Mauerblümchendasein und rangiert in der Lehrerbildung in den hinteren Regionen. In genormten Tests wie beispielsweise Pisa werden geschichtliche Kompetenzen gar nicht geprüft, da es schwierig ist, diese zu messen.

Ein eklatanter Widerspruch

Es bleibt der eklatante Widerspruch, dass die Politik unserer Jugend ein frühes Mitspracherecht einräumen will, doch gleichzeitig wenig unternommen wird, um deren politische Reife in einem aufbauenden Geschichtsunterricht zu fördern.

Doch die breite Auswahl an Themen ist wenig hilfreich, weil das meiste aus Zeitgründen gar nicht  vertieft behandelt werden kann und ein verbindlicher inhaltlicher Aufbau fehlt.

Der neue Lehrplan zählt zwar vieles auf, was für die Entwicklung der modernen Schweiz von Bedeutung ist. Doch die breite Auswahl an Themen ist wenig hilfreich, weil das meiste aus Zeitgründen gar nicht  vertieft behandelt werden kann und ein verbindlicher inhaltlicher Aufbau fehlt. Die gegenwärtige Unsicherheit bei den Bildungszielen zeigt sich schon in der Primarschule, wo in vielen Klassen der Geschichtsunterricht mit dem Untergang des Römerreichs endet und die Schweizer Geschichte mit der Tell-Legende höchstens kurz gestreift wird.

An der Erarbeitung grundlegender historischer Kenntnisse führt kein Weg vorbei.

Geschichtliches Basiswissen muss auf didaktisch anregende Weise erarbeitet werden.  Dazu gehören spannende Erzählungen, das Erkunden von Lehrpfaden und die Auseinandersetzung mit aussagekräftigen Dokumenten und noch lebenden Zeitzeugen. Doch an der Erarbeitung grundlegender historischer Kenntnisse führt kein Weg vorbei. Dazu braucht es ein mehr Geschichtslektionen in der Sekundarschule und einen inhaltlich verbindlichen Auftrag. Nur mit diesen Grundlagen bieten wir allen Jugendlichen eine faire Chance für einen breiteren Zugang zur aktuellen Politik.

Hanspeter Amstutz

 

 

 

 

 

 

 

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Alarmiert durch besorgniserregende Schulreformen rechnet der Psychiater Michael Winterhoff schonungslos mit dem deutschen Schulsystem ab. Wie bei vielen Entwicklungen um einige Jahre verspätet, greifen diese, gefördert durch den Lehrplan 21, auch in der Schweiz um sich. Trotz Winterhoffs apokalyptischer Neigung möge sein Buch Lehrkräfte darin bestärken, einen pädagogisch verantwortungsvollen Kurs zu halten oder einen solchen in Erinnerung zu rufen – gerade angesichts der bildungspolitischen Reformhysterie. Vor allem aber sollten es Bildungspolitiker lesen, die sich dazu berufen fühlen, auf einem ihnen fremden Terrain Entscheidungen zu treffen, meint der Sekundarlehrer Felix Hoffmann, der das Buch gelesen hat.

Nachdenken über die Zeit danach!

Pierre Dillenbourg ist Professor an EPFL (Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne). Er plädiert für einen Mittelweg zwischen Digitalisierung und Präsenzunterricht. Sein Beitrag ist am 11. Mai 2020 im BOLD (Blog for learning and Development) erschienen.

1 Kommentar

  1. Die aktuelle Beliebigkeit beim Vermitteln wesentlicher Bildungsinhalte zur Schweizer Geschichte leistet einseitigen politischen Vorstellungen einen gewissen Vorschub. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind aber über die inhaltliche Unverbindlichkeit im Geschichtsunterricht nicht glücklich und würden eine bessere Orientierung begrüssen. Welche Marksteine in der jüngeren Schweizer Geschichte gesetzt werden sollten, ist zweifellos eine eminent politische Frage. Der von Ihnen erwähnte wirtschaftliche Aufschwung vom armen Kleinstaat in der Mitte Europas zu einer wohlhabenden Nation ist sicher ein grundlegendes Thema. Zur Industrialisierung gehört aber ebenso die Soziale Frage und der Ausbau der politischen Rechte. Doch die meisten Politiker scheint es wenig zu kümmern, was in der Volksschule im Geschichtsunterricht passiert. Dies ganz im Gegensatz zum Fremdsprachenunterricht, wo die Einmischung von höchster Stelle nicht zu überhören war.

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