29. Juli 2021

Haben nur noch Mittelschulen Zeit für die geschichtlich-politische Bildung unserer Jugend?

Nicht zum ersten Mal weist in diesem Blog, das dem Aufklärer Jean-Marie de Condorcet gewidmet ist, ein Autor auf die schwindende Bedeutung des Geschichtsunterrichts hin. Für Hanspeter Amstutz ist klar, dass an der Erarbeitung grundlegender historischer Kenntnisse kein Weg vorbei führt.

Hanspeter Amstutz:
Donnerwetter wäre angezeigt gewesen.

Wie eine neue Studie zum Abstimmungsverhalten von 16-bis 25-Jährigen zeigt, spielt das Bildungsniveau für ein frühes politisches Engagement eine entscheidende Rolle.

Mittelschülerinnen und Mittelschülern wird in einem gut strukturierten Unterricht geschichtliches Grundwissen vermittelt und in Themenschwerpunkten vertieft. Die gründliche Auseinandersetzung der Gymnasiasten mit geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen der Vergangenheit schafft ein Fundament, das für das politische Verständnis der Gegenwart eine gute Orientierung bietet. Wer Entwicklungslinien in der Geschichte erkennt und die Rolle historischer Akteure versteht, kann auch das aktuelle Kräftespiel politischer Interessen besser erfassen.

 

Das Fach Geschichte ist in der Sekundarschule mit anderthalb Wochenlektionen im Verteilkampf um Lektionen völlig zwischen Stuhl und Bank gefallen.

Ein viel zu grosser Teil unserer Jugend verfügt leider nur über ein rudimentäres geschichtliches Basiswissen und ist über die jüngere Vergangenheit unseres Landes kaum im Bild. In einer lebendigen Demokratie müsste man stärker darauf achten, dass alle Jugendlichen das Rüstzeug zum Verstehen politischer Zusammenhänge erwerben. Dass dies geschieht, ist in erster Linie Sache des Geschichtsunterrichts der Volkschule. Doch das Fach Geschichte ist in der Sekundarschule mit anderthalb Wochenlektionen im Verteilkampf um Lektionen völlig zwischen Stuhl und Bank gefallen. Das anspruchsvolle Fach führt in vielen Schulen ein Mauerblümchendasein und rangiert in der Lehrerbildung in den hinteren Regionen. In genormten Tests wie beispielsweise Pisa werden geschichtliche Kompetenzen gar nicht geprüft, da es schwierig ist, diese zu messen.

Ein eklatanter Widerspruch

Es bleibt der eklatante Widerspruch, dass die Politik unserer Jugend ein frühes Mitspracherecht einräumen will, doch gleichzeitig wenig unternommen wird, um deren politische Reife in einem aufbauenden Geschichtsunterricht zu fördern.

Doch die breite Auswahl an Themen ist wenig hilfreich, weil das meiste aus Zeitgründen gar nicht  vertieft behandelt werden kann und ein verbindlicher inhaltlicher Aufbau fehlt.

Der neue Lehrplan zählt zwar vieles auf, was für die Entwicklung der modernen Schweiz von Bedeutung ist. Doch die breite Auswahl an Themen ist wenig hilfreich, weil das meiste aus Zeitgründen gar nicht  vertieft behandelt werden kann und ein verbindlicher inhaltlicher Aufbau fehlt. Die gegenwärtige Unsicherheit bei den Bildungszielen zeigt sich schon in der Primarschule, wo in vielen Klassen der Geschichtsunterricht mit dem Untergang des Römerreichs endet und die Schweizer Geschichte mit der Tell-Legende höchstens kurz gestreift wird.

An der Erarbeitung grundlegender historischer Kenntnisse führt kein Weg vorbei.

Geschichtliches Basiswissen muss auf didaktisch anregende Weise erarbeitet werden.  Dazu gehören spannende Erzählungen, das Erkunden von Lehrpfaden und die Auseinandersetzung mit aussagekräftigen Dokumenten und noch lebenden Zeitzeugen. Doch an der Erarbeitung grundlegender historischer Kenntnisse führt kein Weg vorbei. Dazu braucht es ein mehr Geschichtslektionen in der Sekundarschule und einen inhaltlich verbindlichen Auftrag. Nur mit diesen Grundlagen bieten wir allen Jugendlichen eine faire Chance für einen breiteren Zugang zur aktuellen Politik.

Hanspeter Amstutz

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Ein löbliches Anliegen. In der Tat wäre ein gewisses Geschichtsbewusstsein für eine politische Teilnahme der jungen Generation wünschenswert. Nur müsste man auch wissen, was denn in einem Geschichtsunterricht über die Schweiz seit 1848 vermittelt wird.
    Das Auffallendste an dieser Periode ist das Wirtschaftswunder Schweiz – Aufstieg von einem ziemlich armen Auswanderungsland zum reichsten Land der Welt, das Millionen von Ausländern integriert hat und heute über die härteste Währung der Welt verfügt.
    Doch auch bei der Vermittlung dieser Geschichte sind alle möglichen ideologischen Färbungen möglich. Wie allgemein bekannt ist, tickt die Mehrheit der (Geschichts-)Lehrer und Lehrerinnen links. Also ist zu erwarten, dass im Geschichtsunterricht über die Verstrickungen von Schweizer Personen und Firmen in Sklavenhandel und Kolonialismus geredet wird. Oder über die Rolle der Schweizer Banken im Zweiten Weltkrieg. Oder über die Arbeiterbewegung und den Kampf für die Rechte der Arbeitnehmer. Ist ja alles auch erwähnenswert, kann aber die Wohlstandsgeschichte nicht erklären.
    Das Erfolgsmodell Schweiz ist das Resultat von wohlstandsfördernden Institutionen, deren Basis schon in der1848er-Verfassung gelegt wurde: ein Privateigentum und Vertragsfreiheit schützender Rechtstaat, ein dezentralisiertes inklusives politisches System, ein beschränkter Staatseinfluss auf die Wirtschaft und eine möglichst freie wettbewerbliche Marktwirtschaft.
    Die produktiven Wirkungen vernünftiger Institutionen Jugendlichen im Hinblick auf eine politische Teilnahme anhand geschichtlicher Entwicklungen verständlich zu machen, wäre mindestens so wichtig, wie moralisierende Anleitungen zum “nachhaltigen Konsum”, die – wenn ich richtig informiert bin – im LP21 vorkommen.

    1. Die aktuelle Beliebigkeit beim Vermitteln wesentlicher Bildungsinhalte zur Schweizer Geschichte leistet einseitigen politischen Vorstellungen einen gewissen Vorschub. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind aber über die inhaltliche Unverbindlichkeit im Geschichtsunterricht nicht glücklich und würden eine bessere Orientierung begrüssen. Welche Marksteine in der jüngeren Schweizer Geschichte gesetzt werden sollten, ist zweifellos eine eminent politische Frage. Der von Ihnen erwähnte wirtschaftliche Aufschwung vom armen Kleinstaat in der Mitte Europas zu einer wohlhabenden Nation ist sicher ein grundlegendes Thema. Zur Industrialisierung gehört aber ebenso die Soziale Frage und der Ausbau der politischen Rechte. Doch die meisten Politiker scheint es wenig zu kümmern, was in der Volksschule im Geschichtsunterricht passiert. Dies ganz im Gegensatz zum Fremdsprachenunterricht, wo die Einmischung von höchster Stelle nicht zu überhören war.

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