24. September 2021

„Ja, aber“ ist keine brauchbare Haltung.

Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz hat die LCH-Stellungnahme (https://www.lch.ch/aktuell/detail/kv-reform-2022-ja-aber) gelesen und nervt sich nicht zum ersten Mal über die blutarme und wenig substantielle Analyse.

Hanspeter Amstutz:
Donnerwetter wäre angezeigt gewesen.

„Ja, aber“ ist keine brauchbare Haltung in der Politik. Man signalisiert eigentlich Zustimmung und hofft gleichzeitig, noch ganz wesentliche Dinge eines Reformprojekts korrigieren zu können. Die neuste Medienmitteilung des LCH zur bedeutsamen KV-Reform glänzt einmal mehr durch nichtsagende Floskeln und eine unklare Botschaft.

Wer die Mitteilung gelesen hat, bleibt ratlos zurück. Dabei wäre ein eigentliches Donnerwetter des LCH zur Art und Weise, wie die Reformer mit der KV-Lehrerschaft umgegangen sind, absolut angebracht gewesen. Dass im Stil überwunden geglaubter Kabinettspolitik die Hauptakteure aus der Praxis bei der Konzeption des Reformvorhabens nicht dabei waren, ist ein starkes Stück. Allein schon diese Tatsache müsste bei einer Lehrerorganisation, welche die Interessen ihrer Mitglieder vertritt, zu einer geharnischten Reaktion führen.

Ohne gross mit der Wimper zu zucken stimmt der LCH auch der Schaffung eines Einheitsprofils zu.

Doch was lesen wir in der Pressemitteilung? Da ist primär von fehlender Zeit für die Umsetzung des Reformprojekts die Rede und ganz schüchtern werden ein paar kritische Punkte angesprochen. Statt klipp und klar zu sagen, dass die geplante Abwahlmöglichkeit bei den Fremdsprachen, der Verzicht auf einen systematischen Deutschunterricht und das Streichen des Fachs Wirtschaft und Recht die KV-Lehre stark abwertet, werden nur leise Bedenken geäussert. Ohne gross mit der Wimper zu zucken stimmt der LCH auch der Schaffung eines Einheitsprofils zu. Natürlich weiss man bei der Lehrerorganisation, dass mehr Heterogenität in der Ausbildung  zu einem Abbau der Unterrichtsqualität führt und fordert deshalb als Allheilmittel mehr Ressourcen.

Der eigentliche Skandal dabei ist, dass der LCH es akzeptiert, dass die Lehrpersonen erst in der Phase der Verputzarbeiten am neuen Reformgebäude zugelassen werden.

Dagmar Rösler, LCH-Präsidentin: Wenig Vertrauen in die eigene Durchschlagskraft.

Einmal mehr sollen die Lehrpersonen die Kastanien aus dem Feuer holen. Die Hoffnung, dass man bis am Ende alles noch zurechtbiegen kann, liegt in einer gross angelegten Weiterbildung der Lehrpersonen. Da sollen keine Mittel gescheut werden, um das ganze wirre Ausbildungskonzept allen schmackhaft zu machen. Der eigentliche Skandal dabei ist, dass der LCH es akzeptiert, dass die Lehrpersonen erst in der Phase der Verputzarbeiten am neuen Reformgebäude zugelassen werden. Wie viele engagierte Berufsschulpersonen sich da völlig vor den Kopf gestossen fühlen, scheint die Lehrergewerkschaft wenig zu kümmern. Der untertänige Hinweis am Schluss der Medienmitteilung über einen früheren Miteinbezug der Lehrpersonen ins Reformprojekt zeigt, wie wenig Schlagkraft sich unsere oberste Lehrerorganisation zutraut.

Die einzig brauchbare Antwort auf diese misslungene KV-Reform ist eine scharfe Zurückweisung des ganzen Projekts. Wir brauchen kein weiteres Flickwerk mehr. Die Erfahrungen in der Volksschule mit den ewigen Reform-Baustellen sprechen da eine deutliche Sprache. Der neue Lehrplan hält nicht, was er verspricht. Das zu mehr Heterogenität führende Integrationsmodell ist eine Dauerbelastung in den Klassen und die Zahl der Schulabgänger ohne ausreichende Deutschkenntnisse steigt.

Die institutionalisierte Kabinettspolitik unter weitgehendem Ausschluss der Schulpraktiker bei der konzeptionellen Bildungsentwicklung hat nicht zum ersten Mal versagt. Bei der KV-Reform hat diese Art des Umgangs mit der Lehrerschaft aber einen traurigen Höhepunkt erreicht. Die Wut beim Personal in den Berufsschulen ist gross.

Wir erwarten, dass der LCH diese Stimmung aufnimmt und endlich eine kämpferische Position einnimmt, welche der Bedeutung der Sache gerecht wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. 6.6.2021 / marcel.feder@yahoo.com

    Ganz Ihrer Meinung, Herr Amstutz, meinen Respekt.

    Betreffend jenen ziemlich legitimen (…), AMERIKANISCHEN Ideologien im Schweizer Leerplan 21:

    Wie hat Jürg Wiedemann von Birsfelden damals in seinem Blog geschrieben,

    Zitat:

    “Wenn ich mir diese Kompetenzen anschaue, kommt man sich vor wie bei den Scientologischen Schlangenfängern.”

    Meinen Sie, die OECD hat bewusst ein

    Eigenverantwortliches Lern-System wie

    https://en.m.wikipedia.org/wiki/Applied_Scholastics

    in der Schweiz implementiert, in dem, gemäss Alain Pichard, alles ANGEWANDT werden MUSS ?

    Telefonieren Sie mal Herrn Guy Morin, ehemals AWA Basel, ob das in der Schweiz tatsächlich LEGITIM ist oder nicht…

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