29. Juli 2021

Die Dystopie der Kontrollgesellschaft – Realität in der Schule?

Was läuft schief an unseren Schulen? Auf die Fragen, die im Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens («Mein Leben und der Notenschnitt») aufgeworfen wurden, gibt ein eben erschienenes Buch des Kinderarztes Helmut Bonney Antwort. Es stellt den Irrglauben an die Messbarkeit von allem und jedem und die Vernachlässigung elementarer menschlicher Bedürfnisse in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Dieses Buch müsste zur Pflichtlektüre werden für alle an Schule Beteiligten, Lehrer, Schulpsychologinnen sowie in der Bildungsforschung und in den Bildungsverwaltungen Tätige, meint der Rezensent Bernhard Bonjour, der zum ersten Mal für unseren Blog schreibt.

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Bernhard Bonjour, Lehrer an der Schule für Offenes Lernen Liestal, SP-Mitglied und Verteter im Einwohnerrat Liestal

Der etwas sperrige Titel «Rohstoff Kind – Zwischen Freiheit und Kontrolle» entschlüsselt sich im Laufe der packenden Lektüre. Es sei gewarnt: Das angenehm kurze Buch führt zu Erkenntnissen, die das Denken erschüttern und das Handeln verändern können. Die ziemlich wilde Mischung von Berichten aus einem Forscherleben, gesellschaftlichen Analysen, Zusammenfassung der Theorien großer Vordenker und ganz konkreten Beispielen aus der psychotherapeutischen Praxis macht die Lektüre kurzweilig und anregend.

Der Autor Helmut Bonney ist ursprünglich Kinderarzt, hat sich dann weiter ausgebildet zum Facharzt für psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik sowie zum Kinder- und Jugendpsychiater und ist einer der Köpfe der systemischen Psychotherapie geworden. Er hat nach langer Tätigkeit in Heidelberg seine Praxis vor sieben Jahren nach Liestal verlegt, wo er sich des Andrangs Hilfesuchender kaum erwehren kann. Er engagiert sich, wenn Kinder und Jugendliche in schwierigen Situationen zu ihm gelangen, getreu seinem systemischen Ansatz gleichermaßen für die ganze Familie wie auch für eine Verbesserung der Situation in den Schulen und Ausbildungsstätten. Dabei bemüht er sich trotz aller Widerstände bei den Bildungsbehörden darum, dass die Bedürfnisse und Anliegen seiner Klientinnen ernstgenommen werden.

Dr. Helmut Bonney, Kinderarzt und Autor: Entwicklungsprobleme sind nicht durch biochemische Eingriffe zu bewältigen
Dieses Buch kann das Denken erschüttern.

Die Rückblicke auf ein langes Forscher- und Therapeutenleben zeugen von der Neugier eines Arztes, der sich mit bisherigen Erkenntnissen nicht zufrieden gibt, sondern stets weitersucht nach Erklärungen und neuen Ansätzen. Es ist faszinierend, welche Denkerinnen aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten er dabei erfasst und in einen erkenntnisreichen Zusammenhang bringt. Dabei ist es durchaus erschütternd zu erfahren, wie Erkenntnisse, die sich einmal durchgesetzt haben, in der Forschung und in der Praxis des Mainstreams wieder in Vergessenheit geraten sind oder aus Bequemlichkeit nicht mehr beachtet werden.

Bonney geht von den Gedanken des französischen Sozialphilosophen Gilles Deleuze über die subtilen Kontrollmechanismen der aktuellen Gesellschaft aus und verknüpft sie mit den großen literarischen Dystopien von Aldous Huxley («Brave New World») und George Orwell («1984»).

Die Messbarkeit von neurologischen und biochemischen Prozessen und von intellektuellen Leistungen verführt zu schrecklichen Vereinfachungen.

Zentral ist für Bonney die eigentlich unbestrittene Erkenntnis, dass Denken und Lernen eng verbunden sind mit Emotionen und dass das Erleben und die Gefühle für die seelische Entwicklung entscheidend sind. Und dass für die Ausbildung der emotionalen Erlebnisfähigkeit sowohl Freiräume als auch verlässliche Beziehungen nötig sind. Bindungsstörungen sind gemäss seiner Praxiserfahrung häufige Ursachen für Leid. «Eine im Grunde lapidare Erkenntnis ist scheinbar in Vergessenheit geraten: Emotionen bilden unabdingbare Voraussetzungen für das Denken – eine Erkenntnis, die uns selbstverständlich erscheint. Eltern, Erzieher, Lehrerinnen – eigentlich wissen das doch alle.» Aber in der aktuellen psychologischen und psychotherapeutischen Forschung und Praxis und erst recht in der Bildungswissenschaft dominieren Statistiken. Die Messbarkeit von neurologischen und biochemischen Prozessen und von intellektuellen Leistungen verführt zu schrecklichen Vereinfachungen. Beim Umgang mit Entwicklungsproblemen werden die seelischen Bedürfnisse schlicht vergessen.

Das führt fatalerweise auch in der Psychotherapie zur Illusion, Entwicklungsprobleme seien durch biochemische Eingriffe zu bewältigen – durch Medikamente. Sie sollen die von der Kontrollgesellschaft geforderte Selbstregulation bringen. Bonney vergleicht das mit der Glücksdroge «Soma», die in Orwells Vorwegnahme der Kontrollgesellschaft dazu dient, die Menschen ruhig zu stellen.

Im Grunde genommen wissen sowohl die Kinder als auch die Eltern und mit ihnen die Mehrheit der LehrerInnen, wie falsch diese Entwicklung ist.

Überbetonung messbarer Leistungen

Bonney sieht diese Geringachtung der seelischen Bedürfnisse auch in der aktuellen Entwicklung des Bildungswesens am Werk Die Überbetonung messbarer Leistungen, der damit verbundenen Anpassungsdruck und die alles dominierende Selektion verursachen viel Leid bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen und deren Familien. Im Grunde genommen wissen sowohl die Kinder als auch die Eltern und mit ihnen die Mehrheit der LehrerInnen, wie falsch diese Entwicklung ist, aber bei den Schulbehörden und fatalerweise auch bei den schulpsychologischen und psychiatrischen Einrichtungen stossen sie meist auf taube Ohren und werden mit ihren Sorgen und ihrem Leiden alleingelassen.

Bonney nimmt Partei für die Opfer dieser Entwicklung des Bildungswesens, die Kinder und Jugendlichen und ihre Familien. Er stellt fest, dass die Konzentration auf Anpassung und – sehr einseitig definierte – Leistung in der Schweiz von den Anfängen der Primarstufe nun auch schon auf den Kindergarten durchdrückt. Und er staunt darüber, dass hierzulande den Eltern das Schulmodell für ihre Kinder aufgezwungen wird und keine Wahl alternativer Modelle möglich ist, es sei denn, die Eltern seien in der Lage, enorme Summen für den Besuch einer Privatschule selbst aufzubringen.

Eltern und Lehrkräfte wissen, dass das nicht gut ist.

Bonney beschränkt sich aber nicht auf die Schilderung und Analyse dieser Fehlentwicklungen. Er zeigt lebhaft und anschaulich Alternativen auf. Dabei beruft er sich auf Ideen und Erkenntnisse unter anderem von Martin Buber, Luc Ciompi und des brasilianischen Philosophen und Politikers Roberto Mangabeira Unger. Es gehe darum, «uns von einer zu eng gefassten Verpflichtung zu Normalität zu lösen». Stattdessen sollen wir anerkennen, dass der Einzelne nach Unverwechselbarkeit strebt. Die Entwicklung von emotionalem Reichtum und die Ausprägung der Fantasie statt Anpassungs- und Leistungsdruck würde passioniertes Handeln fördern, auf das unsere Gesellschaft dringend angewiesen sei. Wenn sich Persönlichkeiten entwickeln könnten, die unangepasst sind und Neues ausprobieren, wenn nicht die Angst vor dem Risiko und der Anpassungsdruck alles unterdrückten, dann könne Freiheit entstehen und Handlungsmöglichkeiten erweitert werden. Fantasie und Freiheit sind die Voraussetzung, damit sich die Gesellschaft weiter entwickeln kann und nicht in der Kontrollgesellschaft, wie sie Huxley und Orwell beschreiben, erstickt.

Dieses Buch beeindruckt nicht nur durch das lebenslange Engagement des Autors für die Bedürfnisse des Kindes, sondern es kann auch Eltern und in der Bildung Tätige stärken und dazu ermutigen, sich nicht in den Dienst der Kontrollgesellschaft zu stellen, sondern die Freiheit und damit das Leben zu fördern.

 

SRF DOK vom 6.5.2021 https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/mein-leben-und-der-notenschnitt—-vom-uebertritt-in-die-oberstufe?urn=urn:srf:video:32272d85-6c30-47c2-a57f-844d04712230

 

Helmut Bonney, Rohstoff Kind. Zwischen Freiheit und Kontrolle, Carl Auer-Verlag, Heidelberg 2021, 146 Seiten

 

 

 

 

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