20. Oktober 2021

Warum ich ein Konzeptmuffel bin

Konzepte sind – vor allem in Steuerungsgremien – immer wieder angesagt. Manchmal sinnvolle Planungshilfen, mutieren sie zu Alibiübungen oder Beschäftigungstherapien und enden oft in praxisferner Gestaltungswut. Condorcet-Autor Alain Pichard kann davon ein Liedchen singen.

Alain Pichard. Lehrer Sekundarstufe 1, Orpund (BE): Realitätsferne Konzepte

Dem FCB-Captain Valentin Stocker hat sie einen mehrwöchigen Urlaub mit Trainingsverbot eingebracht, seine Bemerkung: «Wir haben kein Konzept.»

Das kann man über die Schulen in Coronazeiten nicht behaupten. Hier herrscht eine regelrechte Konzeptionitis. Über deren Sinnhaftigkeit lässt sich allerdings nachdenken. Am 14. Februar schrieb der Tagesanzeiger: «680 Kinder schickte die Schule Milchbuck am vergangenen Montag nach Hause, vom Kindergärtler bis zum Sekundarschüler. (…) Zum Ausbruch kam es, obwohl die Einrichtung ein 16-seitiges Schutzkonzept vorgibt. ‹Beim Betreten eines neuen Raumes werden die Hände gewaschen›, steht darin. Die Abstandsregeln und die Maskenpflicht sind geregelt. Sportgegenstände oder Computer müssen von jedem Nutzer gereinigt werden. ‹Speisen und Getränke dürfen nur sitzend konsumiert werden›, heisst es im Regelwerk.»

16 Seiten! Man stelle sich das einmal ganz praktisch vor. Da werden auf 16

16 Seiten Hygienekonzept: Wer soll das kontrollieren?

Seiten minutiös alle nötigen Hygienemassnahmen aufgezählt, welche dann von rund 700 Personen gelernt, verstanden  und eingehalten werden sollten. Der TA-Journalist verschwendet keinen Gedanken auf den Umstand, wie zielführend ein solches Regelwerk überhaupt in einem lebendigen Betrieb mit Kindern sein kann, sondern empört sich darüber, dass die Lehrkräfte die Regeln vielerorts missachten. Noch schlimmer empfindet er die Tatsache, dass die Einhaltung der diversen Schutzkonzepte von den Behörden nicht stringenter überwacht werde.

Lehrpersonen, die das umsetzen wollen, verzichten aufs Turnen und putzen mit ihren SchüerInnen 45 Minuten lang Bälle, Sprossenwand, Bändel, Barren.

Eine Lehrkraft schrieb in einem Kommentar denn auch bissig: «Turngeräte sind nach jedem Gebrauch zu reinigen? Lehrpersonen, die das umsetzen wollen, verzichten aufs Turnen und putzen mit ihren SchüerInnen 45 Minuten lang Bälle, Sprossenwand, Bändel, Barren, Kletterstangen und, nicht zu vergessen, den Hallenboden. Ich lade alle Inspektoren ein, mir mal eine coronakonforme Turnstunde vorzuführen. Nur schon in der Garderobe ist das Einhalten des Mindestabstandes oft unmöglich.»

Auch Lehrkräfte konzeptionieren gerne

Nun ist es ja keineswegs so, dass Konzepte von praxisfernen Gremien ausgeheckt und dann den ausführenden Schulen verordnet werden. Sehr oft legt sich «die Praxis», sprich das Kollegium, selber das Korsett eines Konzepts an – freilich meistens auf Weisung von oben. Eine Zeit lang arbeiteten unsere Schulen ganz besessen an mannigfachen Konzepten: Gesundheitskonzept, Gewaltpräventionskonzept, Ernährungskonzept, Leseförderungskonzept, Lagerkonzept, Kommunikationskonzept, Elternmitwirkungskonzept, Beurteilungskonzept, Notfallkonzept, Feueralarmkonzept, Digitalkonzept, Medienkonzept … Sie sind Thema etlicher Konferenzen, erfordern Arbeitszeit und füllen zuletzt die Schubladen in den Büros der Schulleitungen.

«Damit», so meine Worte, «haben wir die Velotouren beerdigt.»

Velotouren mit einem Erwachsenen pro 6 Schülern?

Vor ein paar Jahren arbeitete unser Kollegium an einem Outdoor-Konzept. Die Schulleitung hatte gerade viel Zeit, und in einer Nachbarschule hatte es einen Unfall auf einer Velotour gegeben. Und so geriet die Kollegen-Runde in Fahrt und ich als notorischer Konzeptmuffel in die Defensive. Das Kollegium legte sich personelle Ressourcen zu, über die es gar nicht verfügte. Eine Velotour beispielsweise sollte fortan eine erwachsene Begleitperson pro 6 Schutzbefohlene haben. Meine 24 SchülerInnen zählende Klasse hätte also neben mir noch 3 weitere erwachsene Begleitpersonen gebraucht. «Damit», so meine Worte, «haben wir die Velotouren beerdigt.»

Nun haben aber Konzepte die angenehme Eigenart, in den Schubladen zu verschwinden und vergessen zu gehen. Bereits nach drei Monaten vor unserem traditionellen Sporttag, dessen Sportstätte wir als ganze Schule mit dem Velo ansteuern, war das Problem der personellen Unterdotierung offensichtlich. Ich protestierte, nun völlig zum Schlitzohr mutiert, und verwies auf unser Outdoor-Konzept. «Wir müssen den Sporttag absagen», forderte ich eine versteinerte Schulleitung auf. Man nahm mich glücklicherweise nicht ernst, aber ebenso wenig akzeptierte man die Stupidität des Konzepts. Man dürfe, so der Tenor, solche Papiere nicht allzu ernst nehmen, beschied man mir. Es zähle der gesunde Menschenverstand. Und – man wisse ja, dass diese Konzepte eben für die Schublade seien. Man müsse sie einfach haben, wenn danach gefragt werde.

AG Mobbing-Konzept: überraschend nüchtern

Zurzeit arbeiten wir an unserer Schule an einem Mobbingkonzept, ausgelöst durch unsere Schulsozialarbeiterin, die das Gefühl hatte, Mobbing sei an unserer Schule ein grosses Problem. So setzte sich denn eine Arbeitsgruppe zusammen, zu der auch ich – kurz vor meiner Pensionierung – verknurrt wurde. Und natürlich wurden zu diesem komplexen Thema auch Fachpersonen konsultiert. An einer Zoomsitzung informierten uns zwei Mitarbeiterinnen der Berner Gesundheit über die Bedeutung des Begriffs, all seine möglichen Varianten und ihre diesbezüglichen Angebote. Erstaunlicherweise gelang es mir, die Buchung dieser Expertinnen zu verhindern. Überhaupt lässt sich die Arbeit an diesem neuen Konzept ertragen. Interessante Gespräche, wenig Alarmismus, gute Inputs. Es wird wohl nicht das letzte Konzept sein, dass ich in meiner im Sommer endenden Berufslaufbahn bearbeiten darf. Es steht noch das Schutzkonzept des zukünftigen Rentners bevor, der sein Kollegium in seinem Garten zu einer Abschlussparty einladen will. Aber da muss ich wohl noch auf das BAG-Konzept für den Monat Juni warten, worauf dann das Feinkonzept meiner kantonalen Erziehungsdirektion folgt.

Böse Zungen behaupten, dass meine Frau auch schon an einem Konzept arbeitet, das ihr helfen soll, mit dem frischgebackenen Rentner im Hause umzugehen.

 

 

 

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5 Kommentare

  1. Das “Konzept” hat offenbar das “Leitbild” abgelöst. Jeder Schulstandort brauchte plötzlich ein eigenes Leitbild. Am Weiterbildungstag teilte sich das Lehrpersonenplenum nach raffiniertem Plan der Schulleitung in Gruppen auf. Man beschrieb Plakate mit profunden Sätzen wie “den Lernenden mit Wertschätzung begegnen”, “diskriminierende Äusserungen im Gespräch aufarbeiten”, “wohlwollende, transparente Notengebung”. Dann beklebte man die Plakate, die einem besonders gefielen, mit Farbpunkten. Aus den Sätzen mit den meisten Farbpunkten wurde am nächsten Weiterbildungstag ein Textentwurf vorgestellt mit schönen, modischen und politisch absolut korrekten Sentenzen, betitelt “Leitbild”. Nach ausgiebiger Diskussion wurde der Text einstimmig verabschiedet. Das Papier hing prominent an der schulischen Anzeigetafel. Nach ein paar Wochen brauchte man Platz für die Resultate des Sportstages. Das Leitbild verschwand. Als jemand danach fragte, war es nicht mehr auffindbar. Niemand erinnerte sich mehr, was genau darin gestanden hatte. Kaum vergingen zwei Jahre, bis der neue Sachbearbeiter im ED die Devise ausgab, jeder Schulstandort brauche ein “Leitbild”. Und das Ganze begann von vorne. Leitbild oder Leidbild?

    1. Ja, ein interessantes Konzept. Liessmann meint dazu in seiner “Theorie der Unbildung” (München, 2008, S. 35): “Ein anderer … Irrtum besteht darin zu glauben, man könne … sich einfach auf das Lernen des Lernens beschränken, um später dann alles Mögliche lernen zu können. Es gibt aber kein Lernen ohne Inhalte. Die Forderung nach dem Lernen des Lernens ähnelt dem Vorschlag, ohne Zutaten zu kochen. Der Begriff des Lernens setzt ein Etwas immer schon voraus.”
      Frage an Herrn Feder: Hat die Schule nicht seit jeher den Auftrag, dass Kinder und Jugendliche etwas lernen, und ihnen mitzugeben, wie sie das am besten tun könnten? Wozu wäre die Schule sonst da? Kann ein banales Wortspiel (Das Lernen lernen) tatsächlich ein Bildungskonzept darstellen? Oder ist es ganz einfach unreflektierter Gedankenschrott?

  2. “Gedankenschrott”, ich meine das Wort selbst, bringt Geist und Materie zusammen. Anschaulich ein eher luftiges Gebilde.
    Die hier gemeinte abwertende Bedeutung würde ich für das “Lernen lernen” nicht gelten lassen. Kinder schaffen das in der Regel bei einer bestimmten Reife der Selbstüberwindung, einige haben es nicht nötig, andere brauchen Hilfe von denen, die beruflich etwas vom Lernen verstehen, von den Lehrerinnen und Lehrern. Ohne Didaktik, die Lehre vom Lernen, wären solche Kinder aufgeschmissen. Wenn jeder einfach so und aus sich heraus lernen könnte wie man lernt, wäre die Berufsgruppe der “Lehrer” überflüssig.

    Natürlich ist “Lernen lernen” kein Konzept, weder Leitbild noch Plan, aber es ist auf jeden Fall sinnvoll, den dahinter liegenden Hinweis zu verstehen: ein Verhältnis zum Lernen bekommen, wissen, wie Lernen gelingt. Das ist vielleicht der Anfang von Bildung, wenn das Lernen in der eigenen Suchrichtung losgeht und man anfängt Fragen zu stellen, denen man mehr und mehr nachgeht und sich plötzlich sicher auf Neuland orientiert. So gedacht hätte “Lernen lernen” wohl etwas mit Bildung zu tun. Ein “Bildungskonzept” geht aber weit darüber hinaus.

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