2. Oktober 2022

Diese Schlussfolgerung geht zu weit. Eine Replik auf Peter Aebersolds Artikel

Condorcet-Autor und Redaktionsmitglied unseres Blogs Daniel Goepfert erkennt zwar die von Peter Aebersold dargestellten historischen Verdienste der jungen Schweiz an, widerspricht aber den Schlussfolgerungen und vor allem dem Vergleich zur heutigen Schule energisch. Auch die Rolle Pestalozzis, so Daniel Goepfert, sei eine andere.

Daniel Goepfert, ehem. SP- und Grossratspräsident der Stadt Basel, Mitglied der Condorcet-Redaktion.

Es ist sicher angebracht, die historischen Verdienste der Helvetischen Republik und der noch jungen Schweiz im Bereich der Bildung den heutigen Leserinnen und Lesern bewusst zu machen. Jedoch der Vergleich und die Schlussfolgerungen zur heutigen Schule ärgern mich. Kollege Aebersold meint, man könne „die Prügelstrafe, autoritäre Wertvorstellungen, Lehrerinnenzölibat usw.“ der Schule des 19. Jahrhunderts zwar kritisieren, heute seien wir aber daran, die tragenden Säulen der Volksschule zu schleifen, was für ihn offensichtlich schwerer wiegt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand in eine Klasse mit 100 Schülern oder Schülerinnen zurück möchte. Ich selbst erinnere mich daran, wie ich an den Haaren hochgezogen wurde und wünsche das niemandem. Der systematischen Prügelstrafe entging ich dank meiner späten Geburt.

In weiten Strecken glich der Unterricht in der Volksschule des 19. Jahrhunderts eher einer Dressur als einem Unterricht, wie wir ihn heute verstehen.

Der systematischen Prügelstrafe entging ich nur dank meiner späten Geburt.

In weiten Strecken glich der Unterricht in der Volksschule des 19. Jahrhunderts eher einer Dressur als einem Unterricht, wie wir ihn heute verstehen. Auch kann keine Rede davon sein, dass die Lehren von Pestalozzi den Schulbetrieb bestimmten. Seine Schriften wurden durchaus gelesen, aber eine Implementierung in alle Volksschulen wäre schon nur aufgrund des Föderalismus in der Schweiz nicht möglich gewesen. Mit den Worten von Professor Jürgen Oelkers: „Pestalozzis Anstalt ist durch Methodenbücher bekannt geworden, die die tatsächliche Praxis jedoch nie bestimmt haben“ (Regionale Schulentwicklung und die Modernisierung des Bildungswesens, UZH 2015, S.4). Welches Erbe hinterlässt uns also die Volkschule des 19. Jahrhunderts?

Die Schule muss allen zugänglich und kostenlos sein, das Wissen muss den Glauben ersetzen. Hinter diese Prinzipien stelle ich mich gerne, aber eben nicht hinter die Praxis.

Verwandte Artikel

Stellungnahme zum neuesten Beitrag auf dem Condorcet-Blog „Ueli Maurer im Sprachbad ertrunken“ von Roland Stark

Sehr geehrter Herr Pichard, sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion des Condorcet-Blogs Wir haben uns alle sehr auf den Condorcet-Blog gefreut. Das Projekt ist mutig und sehr wichtig. Endlich eine sachliche Auseinandersetzung über die brennenden Fragen der Volksschule – haben wir gehofft. Der polemische Beitrag von Roland Stark lässt uns aber Böses ahnen. Er […]

Die Analyse eines Blabla-Dokuments

Hans Joss, Bern, ist ehemaliger Sekundarlehrer, studierte Psychologie und war jahrelang wissenschaflticher Leiter „Langzeitfortbildungen bei der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern“ Er war Präsident des Vereins „Lesen und Schreiben“ und ist ein versierter Kenner des finnischen Schulsystems. Immer wieder besucht er dieses Land und leitet auch Reisegruppen ins Herz des finnischen PISA-Wunderlands. Mit Hingabe kämpft er gegen den Illetrismus in der Schweiz, den er als eigentlichen Skandal bezeichnet. Hans Joss ist eingeschriebenes Mitglied der Berner SP.
In seinem Beitrag seziert er das Papier des Verbands der schweizerischen Volkshochschulen zum Thema „Erwerb und Erhalt von Grundkompetenzen Erwachsener“ Das Papier ist am 30. März 2019 veröffentlicht worden. Hans Joss zeigt uns auf, warum der Kampf gegen den Illetrismus in der Schweiz nicht vorwärtskommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.