1. August 2021

Die Zeit macht Erziehung und Unterricht unberechenbar

Unterricht und Lernen detailliert zu planen, birgt die Gefahr, die Offenheit der Zukunft zu verbannen. Condorcet-Autor Walter Herzog mahnt uns in seinem Beitrag, die Wirkungserwartungen an unser pädagogisches Handeln zu mässigen.

Walter Herzog: Wirkungserwartungen von phantastischen Ausmassen.

Die Sprache, in der wir über Erziehung und Unterricht reden, ist reich an Bildern, die Erwartungen wecken, die uns leicht in die Irre führen. Handwerkliche, technische und gestalterische Metaphern wie Formung, Einwirkung, Übertragung oder Aufbau suggerieren, pädagogische Prozesse liessen sich planen und mit kalkulierbarer Sicherheit zum Ziel führen. Eine Bau- und Wegmetaphorik lässt das pädagogische Handeln als kontrollierbare Bewegung im Raum erscheinen. Daraus ergeben sich Wirkungserwartungen von phantastischem Ausmass. Familie und Schule scheinen zu Leistungen fähig zu sein, die sich am Massstab von industriellen Fertigungsprozessen messen lassen.

Irreführende Raummetaphorik

Besonders irreführend ist die Raummetaphorik, weil sie den Eindruck erweckt, Erziehung und Unterricht liessen sich in ihrem Verlauf von Anfang bis Ende überblicken. Ausgeblendet wird der zeitliche Charakter von Lehren und Lernen. Das Aufwachsen eines Kindes ist ein langwieriger Prozess, den im Voraus niemand zu kalkulieren vermag. Das Handeln von Eltern und Lehrpersonen folgt nicht einer räumlichen, sondern einer zeitlichen Logik, die den Handlungserfolg nur bedingt vorhersagen lässt. Erziehung und Unterricht sind wechselhafte und unstetige Phänomene, die missverstanden werden, wenn wir sie einer Raum­ und Blickmetaphorik unterwerfen.

Da wir die gelebte Zeit nicht zu überblicken vermögen, können wir immer nur vermuten, aber nie wissen, was uns die Zukunft bringen wird.

Erziehung und Unterricht zeitgemäss zu denken, ist allerdings nicht einfach. Denn auch von der Zeit haben wir eine räumliche Auffassung. Die Zeit unserer Uhren ist eine verräumlichte Zeit, die wir der Linearisierung unserer Erfahrung verdanken. Als metrische Zeit ist sie nicht gelebte, sondern berechnete Zeit. Soll die Zeit für das Verständnis pädagogischer Prozesse fruchtbar gemacht werden, muss sie daher als modale Zeit begriffen werden. Die modale Zeit beruht nicht auf einem kontinuierlichen und homogenen Fliessen, sondern gliedert sich in qualitativ differente Zonen, die wir nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden. In ihrer dreifachen Differenzierung entzieht sich die modale Zeit der synoptischen Gesamtschau. Da wir die gelebte Zeit nicht zu überblicken vermögen, können wir immer nur vermuten, aber nie wissen, was uns die Zukunft bringen wird.

Ohne Zukunft keine Sozialität

 

Die soziale Dynamik wird ausgeblendet.

Es ist die Offenheit der Zukunft, die wir von uns fernhalten, wenn wir unterstellen, Erziehung und Unterricht liessen sich überschauen und planen. Zu ungewiss, zu instabil und zu riskant scheint uns eine Wirklichkeit zu sein, die wir nicht zu beherrschen vermögen. Doch mit dem Ausschluss der modalen Zeit geht auch die Sozialität pädagogischer Prozesse verloren. Die Interaktionen, die sich zwischen Erziehenden und Zu-Erziehenden, Lehrenden und Lernenden abspielen, können durch Raum- und Blickmetaphern nicht erfasst werden, da diese immer nur den Standpunkt einer Seite zur Darstellung bringen. Die soziale Dynamik, die Erziehung und Unterricht zugrunde liegt, wird ausgeblendet, wenn wir die pädagogische Wirklichkeit auf ihre räumlichen Aspekte reduzieren.

Diese Ungewissheit ist grundsätzlich nicht beherrschbar, auch nicht mittels koerziver Techniken der Sozialintegration wie Macht, Gewalt, Unterdrückung oder Strafe.

Die Interaktionen in Familie und Schule führen zu unüberschaubaren Abläufen, die mit hoher Ungewissheit verbunden sind. Diese Ungewissheit ist grundsätzlich nicht beherrschbar, auch nicht mittels koerziver Techniken der Sozialintegration wie Macht, Gewalt, Unterdrückung oder Strafe. Gefragt sind vielmehr Medien der Gestaltung von sozialer Ordnung, die dem zeitlichen Charakter pädagogischer Wirklichkeit gerecht werden.

Unüberschaubare Abläufe, hohe Unsicherheit.

Sozialität und Gegenseitigkeit

Solche Medien liegen in Interaktionsformen vor, die eine reziproke Struktur aufweisen. Im Unterschied zu komplementären Beziehungen, die auf statischen Entsprechungen beruhen – wie Käufer und Verkäufer oder Täter und Opfer –, bilden reziproke Beziehungen dynamische Muster, deren Seiten ständig wechseln. Das gilt beispielsweise für Gespräche, Begegnungen oder Spiele. Es gilt auch für abstraktere Medien der Sozialintegration wie Vertrauen und Anerkennung. In allen diesen Fällen ist nicht vorhersehbar, was die Zukunft bringen wird – wie das Gespräch ausgehen wird, welchen Verlauf die Begegnung nehmen wird, wann das Spiel enden wird, ob das Vertrauen oder der Respekt von der Gegenseite erwidert werden.

Wir müssen bereit sein, auch die Unberechenbarkeit von Erziehung und Unterricht anzuerkennen und die Wirkungserwartungen an unser pädagogisches Handeln zu mässigen.

Aber genau solche reziproken Formen der Interaktion sind es, die pädagogisches Handeln überhaupt möglich machen. Das kann uns nur bewusst werden, wenn wir die räumliche Metaphorik, in der wir über Bildung und Erziehung reden, relativieren. In einer zum überschaubaren Raum erstarrten Welt gibt es keine Gegenseitigkeit. Nur in der Perspektive der modalen Zeit kann die Sozialität pädagogischer Prozesse begriffen werden. Dann aber müssen wir bereit sein, auch die Unberechenbarkeit von Erziehung und Unterricht anzuerkennen und die Wirkungserwartungen an unser pädagogisches Handeln zu mässigen.

 

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