«Leichte Sprache»: herablassend und dumm

Professor Mario Andreotti gilt bei uns als ein Anwalt der Sprachpflege. Die zunehmenden Bemühungen, leseuntüchtigen Bürgerinnen und Bürgern möglichst leichte Texte zu unterbreiten, sieht er skeptisch.

Mario Andreotti, Germanist, Kolumnist und Autor: Die Simplifizierung ist bedenklich.

Dass viele Jugendliche, aber auch Erwachsene grosse Mühe mit dem Lesen und Schreiben haben, d.h. selbst einfache Texte nicht verstehen und nicht schreiben können, ist hinreichend bekannt. Was das für das Schicksal jedes einzelnen Betroffenen bedeutet, kann sich ausmalen, wer überlegt, welche Rolle sprachliche Kompetenz in seinem eigenen Lebensalltag spielt. Daher kann es auf den ersten Blick nur verständlich sein, wenn immer mehr öffentliche Institutionen und Ämter dazu übergehen, ihre Informationen nicht nur in Normalsprache, sondern auch in sogenannt «leichter Sprache» herauszugeben, damit auch Menschen mit kognitiv bedingten Leseschwierigkeiten sie verstehen.

Trotzdem ist das Unterfangen bedenklich, und zwar sowohl aus linguistischer als auch aus sozialer Sicht. Nehmen wir die linguistische Sicht vorweg: Bei der «Leichten Sprache» geht es um eine gänzliche Reduktion der Standardsprache, ja um eine Simplifizierung der Sprache. So werden nur kurze Sätze verwendet, wobei jeder Satz lediglich eine Aussage enthält («Ich bin Hans Maier. Ich bin aus Bern. Jetzt wohne ich in Luzern.»). Und so werden Sätze in der Passivform («Susi wird begrüsst.»), aber auch der Konjunktiv (Man müsste mehr tun.») vermieden, wird der Genitiv in den meisten Fällen durch die präpositionale Fügung «von» ersetzt (nicht «der Besitz des Vaters», sondern «der Besitz vom Vater»). Selbst Metaphern, also bildstarke Ausdrücke, sind «verboten». Dabei wissen wir aus der kognitiven Linguistik, dass gerade Metaphern das Verständnis unserer komplexen Welt erleichtern. Wer hat schon eine wirkliche Vorstellung von einer Kernwaffenexplosion! Aber wenn ich dafür die Metapher «Atompilz» verwende, kann sich jeder ein Bild von der ungeheuren Wirkung einer solchen Explosion machen.

Witz, Ironie, Zweideutigkeiten und Metaphern gehen verloren.

Keine Frage: «Leichte Sprache» führt zu einer Verarmung unserer Sprache. Ironie, Witz und all die Zwischentöne, von denen Texte nun einmal leben, lassen sich nur schlecht oder gar nicht in sie übersetzen. Zudem macht die dauernde Wiederholung von Wörtern in der «leichten Sprache» («Max arbeitet im Büro. Das Büro ist im dritten Stock.») einen Text langweilig und damit gerade weniger leicht zugänglich. Aber nicht nur das: «Leichte Sprache» führt auch zu einer Verfälschung der Sprache. Einmal abgesehen davon, dass sich komplexe Inhalte kaum in «leichter Sprache» wiedergeben lassen, ist die Übersetzung von der Standardsprache in diese Sprachform stets mit einer Veränderung, ja mit einem Verlust an Information verbunden. Wer beispielsweise Aussagen auf das Nebeneinander von Hauptsätzen beschränken muss, kann keine Kausalbezüge mehr herstellen: «Hanna zieht nach Aarau, weil sie dort arbeitet».

Das führt zu einer höchst problematischen intellektuellen Zweiteilung unserer Gesellschaft und damit zwingend zu sozialer Diskriminierung.

Zu den linguistischen Bedenken treten soziale Vorbehalte: Die «leichte Sprache» wendet sich, wie eingangs bereits gesagt, an Menschen, die über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen. Das führt zu einer höchst problematischen intellektuellen Zweiteilung unserer Gesellschaft und damit zwingend zu sozialer Diskriminierung: Hier die sprachlich Gebildeten, dort die Sprachbehinderten.

Es darf nicht sein, dass jeder fünfte Jugendliche die Schule ohne ausreichende sprachliche Kenntnisse verlässt.

Gutes Deutsch ist verständliches Deutsch

Viel nützlicher und vor allem nichtdiskriminierend wäre allgemein eine verständliche Sprache. Angesprochen sind dabei vor allem die öffentlichen Institutionen und Ämter, deren Texte häufig in Fachausdrücken und Fremdwörtern schwelgen oder sich in Schachtelsätzen verstricken, so dass man sie kaum noch versteht. Ihnen muss immer wieder in Erinnerung zu gerufen werden, dass gutes Deutsch verständliches Deutsch ist. Und wenn schon Kritik angebracht ist, dann auch am Deutschunterricht an unseren Schulen, in dem vor lauter Stoffhuberei für das Kerngeschäft, das Einüben von Lese- und Schreibkompetenz, oft kaum mehr Zeit bleibt. Es darf nicht sein, dass jeder fünfte Jugendliche die Schule ohne ausreichende sprachliche Kenntnisse verlässt.

«Leichte Sprache als» Ausweg aus dem Dilemma? Wohl kaum, denn es braucht sie nicht. Sie liest sich wie eine Parodie auf behinderte Menschen, die wohlmeinend daherkommt.

Prof. Dr. Mario Andreotti

Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor («Eine Kultur schafft sich ab»)

 

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1 Kommentar

  1. Im Beitrag von Andreotti kann ich der ersten Hälfte bedenkenlos folgen. Seine Analyse ist für mein Dafürhalten, treffsicher und deshalb sachlich korrekt. Die Schlussfolgerungen im zweiten Teil seines Beitrages, halte ich allerdings für zu oberflächlich. Es fehlt völlig der historische Kontext. Dieser sah bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts vor, dass insbesondere Menschen mit einer geistigen Behinderung, die nur über rudimentäre Kompetenzen im Lesen und Schreiben verfügen, dadurch eine erhöhte Partizipation am gesellschaftlichen Leben haben können, wenn viele Texte eben etwas einfacher geschrieben wären. Es ging damals ausschliesslich um diese Gruppe von Menschen. Daraus entwickelte sich dann die sogenannte ‘Einfache Sprache’, die nun auch für andere Gruppierungen in der Gesellschaft angewendet wird oder werden muss. Das scheint mir wirklich auch fragwürdig zu sein. In dem von mir beschriebenen Kontext macht aber einfache Sprache wirklich Sinn. Ich habe mehrere Jahre eine Gruppe von erwachsenen, geistig behinderten SchauspielerInnen um die halbe Welt begleitet und wie oft habe ich es erlebt, dass ich im deutschen Sprachraum Übersetzerdienste leisten musste und wie tat ich das: mit einer einfach Sprache, weil meine Gegenüber ansonsten nur ‘Bahnhof’ verstanden hätten.

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