25. Oktober 2021

Bidens gebrochenes Versprechen: Schulen müssen die standardisierten Tests in diesem Frühjahr durchführen

Die US-amerikanische Pädagogin Diane Ravitch engagierte sich stark für die Präsidentschaft von Joe Biden. Nun musste sie eine erste Enttäuschung hinnehmen. Joe Biden hält an den Tests fest und möchte sie sogar im Jahr der Pandemie starten. Unverständlich sei das, findet Diane Ravitch und erklärt uns noch einmal die Testkultur in ihrem Land.

Diane Ravitch: Die Idee von Bob war, allen Menschen eine hochwertige Ausbildung zu garantieren.

Joe Biden versprach bei einem öffentlichen Bildungsforum in Pittsburgh im Wahlkampf unmissverständlich, dass er das Bundesmandat für standardisierte Tests beenden würde. Denisha Jones, Anwältin, Lehrerausbilderin, Vorstandsmitglied von Defending the Early Years und Network for Public Education, fragte den Kandidaten Biden, ob er standardisierte Tests abschaffen würde. Sehen Sie hier seine Antwort.

 

Nun krebst der frischgewählte Präsident in dieser zentralen Frage zurück. Die Tests würden wie geplant stattfinden. Dies ist eine große Enttäuschung, nicht nur, weil er damit sein Versprechen gebrochen hat, sondern auch, weil er diese standardisierten Tests inmitten einer Pandemie verfügt, die den Zugang zu Bildung noch ungleicher gemacht hat.

Die Ergebnisse beinhalten lediglich eine Punktzahl, die Aufschluss darüber gibt, wo die Schüler im Vergleich zueinander und im Vergleich zu den Schülern im ganzen Land und in der Nation rangieren.

Eine kleine Zusammenfassung für die europäischen Freunde

Für die europäischen Freunde (eingefügt Redaktion) hier noch einmal in Kürze, wie die Testverfahren ablaufen: Die Tests werden jährlich im März und Anfang April durchgeführt. Die Lehrer dürfen die Fragen nicht sehen. Die Testergebnisse werden im August oder September an die Schulen zurückgegeben. Bis dahin haben die Schüler oft andere Lehrer. Die neuen Lehrer sehen die Ergebnisse ihrer Schüler, aber sie dürfen nicht wissen, welche Fragen die Schüler richtig oder falsch beantwortet haben.

 

Die Lehrer sehen die Fragen nicht. Sie erhalten nur Ranglisten.

So erfahren die Lehrer nicht, wo die Schüler Nachhilfe brauchen oder welche Lektionen überarbeitet werden müssen.

Die Ergebnisse beinhalten lediglich eine Punktzahl, die Aufchluss darüber gibt, wo die Schüler im Vergleich zueinander und im Vergleich zu den Schülern im ganzen Land und in der Nation rangieren. Dies ist für die Lehrer von geringem Wert. Das ist so, als würde man mit Bauchschmerzen zum Arzt gehen. Die Ärztin gibt Ihnen eine Reihe von Tests und sagt, dass sie die Ergebnisse in sechs Monaten haben wird. Wenn die Ergebnisse vorliegen, sagt Ihnen die Ärztin, dass Sie im Vergleich zu anderen mit ähnlichen Schmerzen auf dem 45. Rang liegen, aber sie verschreibt Ihnen keine Medikamente, weil der Test nicht sagt, was Ihre Schmerzen verursacht hat oder wo genau sie liegen.

Solche Tests sind ein Segen für die Testgesellschaft. Für Lehrer und Schüler sind sie wertlos.

Korreliert mit der sozialen Zugehörigkeit

Eines zeigen die standardisierten Testergebnisse aber zuverlässig: Sie korrelieren hoch mit Einkommen und Bildung der Familien. Die Schüler aus wohlhabenden Familien erhalten jeweils die höchste Punktzahl. Diejenigen aus armen Familien erhalten die niedrigsten Werte. Das ist bei jedem standardisierten Test der Fall, egal ob es sich um einen staatlichen, nationalen oder internationalen Test, den SAT oder den ACT handelt. Manchmal erhalten arme Kinder hohe Punktzahlen, und manchmal erhalten Kinder aus wohlhabenden Familien niedrige Punktzahlen, aber das sind Ausreißer. Die standardisierten Tests verleihen den bereits Bevorteilten Privilegien und stigmatisieren diejenigen, die am wenigsten haben. Sie sind nicht und werden auch nie ein Mittel sein, um die Chancengleichheit zu fördern.

Leistungsunterschiede schliessen sich nie.

Darüber hinaus sind standardisierte Tests auf einer Glockenkurve normiert. Es wird immer eine untere und eine obere Hälfte geben. Die Leistungsunterschiede werden sich nie schließen, weil Glockenkurven das nie tun. Das ist ihr Design. Im Gegensatz dazu kann jeder, der volljährig ist, einen Führerschein machen, wenn er die erforderlichen Tests besteht. Der Zugang zu Führerscheinen basiert nicht auf einer Glockenkurve. Wäre dies der Fall, würden etwa 35 bis 40 Prozent der Erwachsenen nie einen Führerschein machen.

Und wer sollte die Tests schreiben? Die Lehrer sollten die Tests schreiben, basierend darauf, was sie im Unterricht vermittelt haben. Sie können sofort Antworten erhalten und wissen genau, was ihre Schüler verstanden haben und was nicht.

Fragen Sie die Lehrkräfte

Wenn Sie ein Elternteil sind, werden Sie nichts aus dem Testergebnis Ihres Kindes lernen. Es interessiert Sie nicht wirklich, wie es im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen in diesem oder einem anderen Bundesland abschneidet. Sie wollen wissen, ob es mit seinen Aufgaben Schritt hält, ob es sich am Unterricht beteiligt, ob es die Aufträge versteht, ob es sich für die Schule zu begeistern vermag oder wie es mit seinen Mitschülern zurechtkommt. Die standardisierten Tests werden keine dieser Fragen beantworten.

Wie aber kann man als Elternteil Antworten auf diese Fragen erhalten? Ganz einfach: Sie gehen zum Lehrer Ihres Kindes

Lehrkräfte sollen die Teste schreiben

Und wer sollte die Tests schreiben? Die Lehrer sollten die Tests schreiben, basierend auf dem, was sie im Unterricht vermittelt haben. Sie können sofort Antworten erhalten und wissen genau, was ihre Schüler verstanden haben und was nicht. Sie können eine Konferenz mit Johnny oder Maria abhalten, um durchzugehen, was sie im Unterricht verpasst haben, und ihnen helfen zu lernen, was sie wissen müssen.

Aber wie werden wir wissen, wie wir als Stadt, als Staat oder als Nation abschneiden? Wie werden wir über die Leistungsunterschiede Bescheid wissen und ob sie größer oder kleiner werden?

Relevante Informationen bereits vorhanden

All diese Informationen sind bereits in den Berichten des National Assessment of Educational Progress (NAEP) verfügbar, und noch viel mehr. Die Ergebnisse sind aufgeschlüsselt nach Bundesland, Geschlecht, Rasse, Behindertenstatus, Armutsstatus, Englischkenntnissen und vielem mehr. Etwa 20 Städte haben sich freiwillig gemeldet, um bewertet zu werden, und sie erhalten die gleichen Informationen.

Keines der Ziele wurde erreicht

Bei der Unterzeichnung von “No Child Left Behind-Akte”. Keines der Ziele erreicht.

Bald stehen die Neugenehmigung des Every Student Succeeds Act an. Es handelt sich dabei um das Nachfolgegesetz von «No Child Left Behind». Da sollten Sie wissen, was diese jährlichen Teste bewirkten. Zunächste einmal: Keine leistungsstarke Nation auf der Welt testet jedes Jahr alle Schüler der Klassen 3 bis 8.Und wir können mit Sicherheit sagen, dass das No Child Left Behind-Programm seinen Zweck, kein Kind zurückzulassen, nicht erfüllt hat.

Wir können auch mit Sicherheit sagen, dass das “Race to the Top”-Programm sein Ziel, die Testergebnisse der Nation “an die Spitze” zu bringen, nicht erreicht hat.

Wir können mit Sicherheit sagen, dass der Every Student Succeeds Act seinen Zweck sicherzustellen, dass jeder Schüler Erfolg hat, ebenfalls nicht erreicht hat.

Es ist an der Zeit umzudenken. Es ist an der Zeit, die schwere Hand der Bundesregulierung zu lockern und sich auf die ursprünglichen Ziele des Elementary and Secondary Education Act von 1965 zu besinnen: Finanzmittel an die bedürftigsten Schüler und Schulen zu verteilen, die professionelle Ausbildung von Lehrern zu unterstützen und die Bürgerrechte der Schüler zu sichern.

Die Bundesregierung sollte keine Tests anordnen oder den Schulen vorschreiben, wie sie sich zu “reformieren” haben, denn der Bundesregierung fehlt das Wissen, das Know-how oder die Erfahrung, um Schulen zu reformieren.

Die amerikanische Bildung wird sich verbessern, wenn die Bundesregierung tut, was sie am besten kann, und hochqualifizierten Lehrern und gut ausgestatteten Schulen erlaubt zu tun, was sie am besten können.

In dieser kritischen Zeit, in der wir über die schrecklichen Folgen der Pandemie hinausblicken, stehen die amerikanischen Schulen vor einem schweren Lehrermangel. Die Bundesregierung kann den Bundesstaaten helfen, die Mittel aufzubringen, um professionelle Gehälter für professionelle Lehrer zu bezahlen. Sie kann helfen, qualitativ hochwertige Vorschulprogramme zu finanzieren. Sie kann die Kosten für Mahlzeiten für Schüler übernehmen und helfen, Krankenschwestern in jeder Schule zu bezahlen.

Die amerikanische Bildung wird sich verbessern, wenn die Bundesregierung tut, was sie am besten kann, und hochqualifizierten Lehrern und gut ausgestatteten Schulen erlaubt zu tun, was sie am besten können.

Diane Ravitch

Der Text ist leicht gekürzt, hier können Sie den Originalbeitrag nachlesen:

Biden Administration’s Broken Promise: Schools Must Give Standardized Tests This Spring

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