26. Juli 2021

Sind Giesskannen wichtiger als Bücher?

Condorcet-Autor Roland Stark nimmt einen Sparbeschluss von SRF zum Anlass, grundsätzlich über die Bedeutung des Buches in Corona-Zeiten nachzudenken und wundert sich über rhetorische Auswüchse auf beiden Seiten.

Roland Stark, ehem. SP-Parteipräsident der Sektion Basel-Stadt, Heilpädagoge

Über 8000 Personen haben die Petition unterschrieben, in der gegen die Abschaffung der Sendung «52 beste Bücher» auf SRF2, ein als «Reform» kostümiertes Sparprogramm, protestiert wird. Darunter finden sich zahlreiche namhafte Autorinnen und Autoren: Herta Müller, Emil Steinberger, Peter von Matt, AlainClaude Sulzer, Peter Stamm, Ruth Schweikert, Sibylle Berg,Thomas Hürlimann, Adolf Muschg, Eva Menasse oder MartinSuter. Die taz kommentierte zutreffend, dass «die Planer und Exekutoren der qualitativen Verflachung in der kulturellen Grundversorgung durch die öffentlich-rechtlichen Medien (…) nicht bei der privaten Konkurrenz, sondern in den Chefetagen der eigenen Institution» sitzen. Unter diesen

Verflachung der kulturellen Grundversorgung

Umständen überrascht es nicht wirklich, dass Buchläden nach Ansicht des Bundesrats nicht zu denjenigen Geschäften gehören, die Güter «des kurzfristigen und täglichen Bedarfs» verkaufen dürfen. Offensichtlich sind Bratpfannen, Holzhämmer und Strumpfhosen für das Wohlergehen der Schweizer von grösserer Bedeutung als Bücher. Und ebenso deutlich ist in den letzten Wochen geworden, dass die Lobbyisten der Tourismushochburgen und der Skilift- und Seilbahnbetreiber wesentlich erfolgreicher operiert haben als der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV). Selbst die Bilder von dicht gedrängten Massen in Flims/ Laax, in den Flumserbergen oder in Davos mit der krassen Missachtung der Schutzkonzepte (Abstand, Masken) haben den Bundesrat und die Kantone nicht zur Besinnung gebracht.

Mit dem Buch bauen wir Hürden ab, es ermöglicht uns, unsere Perspektive zu wechseln und uns auf Gemeinsamkeiten zu besinnen.

 

Das Buch nährt

Der SBVV findet zu diesen Widersprüchen in einer Medienmitteilung die richtigen Worte: «Der Bundesrat bittet seit Monaten in jeder Pressekonferenz um Zusammenhalt im Land. Vierhundert Buchhandlungen im Tessin, in der Romandie und in der Deutschschweiz stehen im Dienst dieses Zusammenhalts. Weil sie Bücher anbieten – ein Gut des täglichen Bedarfs, das gerade jetzt ganz besonders benötigt wird. (…) Das Buch nährt und hält, es bildet und tröstet – es tut all das, was andere Güter des täglichen Bedarfs ebenso tun, von den Nahrungsmitteln bis zur Schnittblume. Mit dem Buch bauen wir Hürden ab, es ermöglicht uns, unsere Perspektive zu wechseln und uns auf Gemeinsamkeiten zu besinnen.» Von den Medien, Ausnahmen bestätigen die Regel, ist keine Unterstützung zu erwarten. Statt differenzierter Kritik an einzelnen Vorschriften werden pauschal Attacken mit der Schrotflinte abgefeuert. Markus Somm äussert den Verdacht, dem Bundesrat sei die eigene Reputation wichtiger als die Rettung von Menschenleben. Und sein Nachfolger am Aeschenplatz, Marcel Rohr, zu Beginn der Corona-Krise noch eine verlässliche Stimme der Besonnenheit, beschwört unterdessen ein Totalversagen: «Sämtliche Mediziner, Wissenschaftler, Virologen, Epidemiologen und Politiker wissen nicht, wie man die Seuche am  effizientesten bekämpft. Aber die meisten tun so, als wüssten sie es, weil man Unwissen nicht verkaufen kann.»

Marcel Rohr, Chefredaktor der BAZ: Totalversagen der Behörden?

Einige dieser «Versager» wirken (ehrenamtlich) in und für Basel. Ich weiss, dass ihnen der Rundumschlag die Laune gründlich verdorben hat: Manuel Battegay etwa, Chefarzt der Infektiologie& Spitalhygiene am Universitätsspital Basel, oder Prof. Marcel Tanner, Epidemiologe, Präsident der Akademien der Wissenschaften und ehemaliger Direktor des Tropeninstituts. Auch Anne Lévy, die Direktorin des Bundesamts für Gesundheitswesen (BAG), hat ihre Wurzeln in Basel. Wissenschaft und Politik tragen eine schwere Verantwortung. Ihr Tun oder Lassen entscheidet über Leben und Tod, auch über die Existenz Tausender Betriebe und Einzelschicksale. Viele Bestimmungen scheinen willkürlich, kaum einleuchtend. Wie Schnittblumen statt Bücher, Skizirkus statt Oma und Opa-Besuche. Für Alarmismus und Untergangsstimmung besteht trotz der gewaltigen Herausforderung kein Anlass. Gelassenheit ist gefragt. Und Geduld. Meine Empfehlung: ein guter Wein und ein spannendes Buch. Hilft immer.

Roland Stark, ehemaliger Partei- und Fraktionschef der SP Basel-Stadt

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