24. Januar 2021

Die neoliberalen Gutmenschen – eine Glosse

Condorcet-Autor Georg Geiger über einen peinlichen Alibi-Akt seines Bildungsdirektors.

Georg Geiger, Gymnasiallehrer in Basel

Festtagsgrüsse des Regierungsrates Conradin Cramer, Vorsteher des Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt

Nein, wirklich, daran kann man nichts kritisieren. Mutig ist es, und echt menschlich: Da tritt doch der Basler Regierungsrat Conradin Cramer die Hälfte seiner Redezeit beim Überbringen der Festtagsgrüsse an Chellal Hayat ab. Wer ist Chellal Hayat? Sie ist als Reinigungskraft tätig. Sie putzt frühmorgens und spätabends die Schulzimmer der Basler Gewerbeschule. Sie darf die Ansprache beginnen. Sie steht links vorne im Bild, CC (= Conrdin Cramer) rechts hinten mit Maske, offenbar gefilmt in historischen Räumlichkeiten. Und sie erhält von den 184 Sekunden mit 85 Sekunden fast die Hälfte der Redezeit! Da zeigt sich eben der Respekt, den CC vor dieser Frau und ihrer Arbeit hat. «J’aime mon traivail et je pense c’est un metier très noble.»Mit diesen Worten beginnt Frau Hayat von ihrer Arbeit zu erzählen, die in der Coronazeit so wichtig geworden sei, denn es gehe um den Schutz der Kinder und Jugendlichen. Und sie schliesst mit den Worten: «Je vous souhaite des journées agréables et reposantes.» Dann gibt’s einen Schnitt.

J’aime mon traivail et je pense c’est un metier très noble.

Conradin Cramer, Vorsteher des Erziehungsdepartmenents Basel-Stadt lobt die Lehrkräfte.

Nun steht CC links vorne und Chellal Hayat mit Maske im Hintergrund. Und der Regierungsrat spricht vom «grossartigen Job», den die Lehrerinnen und Lehrer in diesem schwierigen Jahr gemacht haben. Er spricht vom beeindruckenden Einsatz der Eltern für ihre Kinder. Und am meisten freuen ihn die Kinder und Jugendlichen mit ihrer Vergnügtheit und ihrer unbändigen Lebenslust. Seltsamerweise nimmt er in keiner Weise Kontakt auf mit Frau Hayat und es gibt auch kein Dankeschön ans Putzpersonal. Die hatten ja ihren Auftritt, ein Dankeschön wäre wohl des Guten zu viel.

Ich erinnere mich, wie vor 20 Jahren die Schule geputzt wurde, an der ich immer noch arbeite. (Um welche es sich handelt, darf ich leider nicht sagen!) Das war eine Putzequipe von selbstbewussten Italienerinnen und Spanierinnen. Sie kamen in der Pause am späten Nachmittag jeweils in unser Raucherzimmer, tranken einen Kaffee, rauchten eine Zigi und tratschten mit uns.

Die Jugendlichen wissen nicht mehr, wie die Menschen heissen, die täglich ihren Dreck wegräumen. Und sie wissen auch nicht, wie miserabel diese Leute bezahlt werden.

Sie hatten Namen und man kannte sich. Nun, das ist lange her. In der Zwischenzeit sind die Putzinstitute mehrmals ausgewechselt worden. Aus Spargründen vermeidet der Staat die Nachtzulagen. Deshalb huschen nun frühmorgens namenlose junge Frauen und Männer gestresst durch die Gänge. Sie kommen wohl aus Sri Lanka, aus Afrika und dem Balkan. Sie haben keine Namen mehr. Sie verschwinden lautlos, bevor die Schüler*innen auftauchen. Die Jugendlichen wissen nicht mehr, wie die Menschen heissen, die täglich ihren Dreck wegräumen. Und sie wissen auch nicht, wie miserabel diese Leute bezahlt werden.

Seit Jahren wird im Leitmedium des Schweizer Bürgertums, der NZZ,  der «linke Gutmensch» abschätzig und penetrant lächerlich gemacht. Wenn man sich diesen peinlichen Auftritt des noblen liberalen Regierungsrates CC anschaut, dann muss man feststellen, dass es auch so etwas wie den neoliberalen Gutmenschen geben muss.

Aber bitte, bilden Sie sich selbst ein Urteil!

https://www.youtube.com/watch?v=h8BKcZUX5c0&feature=youtu.be

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