11. August 2020

Lettres waldorfiennes: Die Rolle des Erzählens

Unser Gastautor Hubert Geissler schickte uns diesen Text aus Italien, dem Land der Mythen und Erzählungen. Der Autor kokettiert bewusst mit der Metapher “Aus der Zeit gefallen” und erinnert an den Wert des Erzählens.

Kinderzentriert unterrichten: Jeder darf sein, was er will.
Hubert Geissler: Hattie hätte sicher nichts dagegen.

Mit der Coronakrise scheint sich eine Entwicklung anzubahnen, die den zunehmenden Einsatz digitaler Medien im Unterricht fast unabdingbar macht. Sei es die Angst vor einer zweiten Welle oder die vor dem Auftauchen einer neuartigen Pandemie: Die Erfahrungen während der Schulschließung erzwingen offensichtlich die nunmehr fast kritiklose Hinnahme eines Fernunterrichts und lassen die traditionelle Lehrerinnen-Schülerkommunikation veraltet und obsolet aussehen.

Das Verständnis von Schule als eine Institution reiner Wissensvermittlung im Gegensatz zu einer Auffassung von Pädagogik als eine Kombination von Wissen und Erziehung befördert diesen Trend. Notengebung und Berechtigungszuweisung durch Abschlüsse erfordern im Sinne einer Chancengleichheit eine zunehmende Standardisierung des Unterrichtsmaterials: Und was könnte gleichförmiger sein, als dasselbe Lehrvideo für alle. Handfeste ökomische Interessen der einschlägigen Firmen und ihrer Lobbyisten lassen die digitale Zukunft der Schule wahrscheinlicher werden, wenn sich nicht „gallische Dörfer”, wie auch dieser Blog, kritisch dazu äußern.

Standardisierung weit fortgeschritten

Dabei ist diese Standardisierung ohnehin schon weit fortgeschritten: Immer kleinteiliger ausgearbeitete Lehrpläne, in denen Ziele und „Kompetenzen“ detailliertestens beschrieben sind, werden ergänzt durch das ausufernde Angebot von Schulbuchverlagen, die Lehrmittel, Arbeitsmaterial und vorgefertigte Prüfungen zuhauf anbieten, aufs genaueste auf die Vorgaben der Schulbürokratie abgestimmt.  Auch im Internet wird man von Arbeitsblättern zu jedem Lernthema geradezu erschlagen.

Schon das  Wort „Erzählung“ klingt halbwegs nach Lagerfeuer in der Wildnis, „outdated“ und fast komisch.

Ich erinnere mich an eine antiquierte Definition von Bildung und Schule: Diese seien die von einer älteren Generation an die nächstjüngere weitergegebene Erzählung über die „Welt“. Schon das  Wort „Erzählung“ klingt halbwegs nach Lagerfeuer in der Wildnis, „outdated“ und fast komisch.

Genau das ist aber ein wichtiges Element der Waldorfpädagogik, vor allem, aber nicht nur, im Unterstufenbereich. Als Unterstufe bezeichne ich hier im Waldorfjargon die Klassenlehrerzeit von der 1. bis 8. Klasse, in der das Gros des Unterrichts von einer Lehrperson bestritten wird.

Altersgerechte Abfolge

Die Abfolge der Standardthemen ist wie folgt: Märchen, Fabeln und Legenden, Altes Testament, Nordische Mythologie, griechische Mythologie, europäische Geschichte, fremde Völker und zuletzt Biographien.

Die Logik dieser Reihung wird jedem sofort einleuchten: Es handelt sich um eine altersgerechte Folge von Geschichten, vom Märchenhaften, über das Mythische zum Historischen und Individuellen. Eine archetypisch vorausgesetzte Entwicklung soll dabei erzählend unterstützt werden, Identifikationsmöglichkeiten werden angeboten. Von einer einfachen Differenzierung in Gut und Böse mit einem Happy End geht es zu Schilderungen konfliktafter individueller Entwicklungen.

Gewöhnlich steht der Erzählteil am Ende des sogenannten Hauptunterrichts, der die ersten zwei Stunden des Tages füllt. Erzählen wird von den Schülerinnen und Schülern gewöhnlich als eine Art von Belohnung erlebt; Fortsetzungen, oder in frühen Klassen Wiederholungen, werden gespannt erwartet.

Diese Belohnungsfunktion des Erzählens funktioniert sogar noch in der Oberstufe. Der Satz, „wenn wir das  Pensum schaffen, erzähl ich euch noch eine Schnurr aus meinem Leben“ verfehlt selten seine Wirkung. Dabei können die Inhalte durchaus kulturhistorisch auf humorvolle Weise relevant sein. Themen, die in ihrer Absurdität in meiner Praxis immer gut ankamen, waren zum Beispiel das Telefonieren in den 70er Jahren, die Sockenkiste in meiner Studenten-WG oder auch der Grenzübertritt durch die DDR nach Berlin. Das sind für heutige Schülerinnen und Schüler Berichte aus einer versunkenen Welt.

Ein Nebeneffekt dieses Erzählens ist sich er auch der des Zuhören Lernens.

Eine glücklich verbrachte Schulzeit ist ein entscheidender Faktor für eine positive Lebenshaltung.

Ein Nebeneffekt dieses Erzählens ist sicher auch der des Zuhören Lernens. Zuhören ist eine Fähigkeit; ihr Fehlen  wird nicht selten beklagt. Es fragt sich aber, wo sie denn systematisch eingeübt wird. Natürlich ist potentiell erzählen können ein Faktor der Professionalisierung des Lehrberufs und ich vermute, dass er in der Ausbildung keine allzu große Rolle spielt. In der schulischen Praxis tut er das aber sicherlich, wobei eine effizienzorientierte Auffassung von Unterricht darauf eher wenig Wert legen würde. Es gibt eine Aussage von Rudolf Steiner, die mir wichtig erscheint. Er sagte einmal sinngemäß, dass das moderne Leben in seiner zunehmenden Komplexität an die Resilienz der Menschen derartige Anforderung stellen würde, dass eine glücklich verbrachte Schulzeit ein entscheidender Faktor für eine positive Lebenshaltung sei.

Hier wird plötzlich „Glück“ ein Faktor im Schulbetrieb, nicht nur Wissenszuwachs.

In meinen Kindheitserinnerungen finden sich solche Glücksmomente, die vom Geschichtenhören herrühren: Von der dramatisch erzählten biblischen Geschichte unseres in dem Punkt genialen Ortspfarrers bis zu Luis Trenkers Berggeschichten, so ziemlich dem einzigen, was man regelmäßig im Fernsehen sehen durfte.

Natürlich ist Erzählen der Prototyp lehrerzentrierten Unterrichts: Aber wie man liest, hat selbst Herr Hattie nichts dagegen.

Hubert Geißler

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