21. Oktober 2020

Ein Fragebogen, der viele Fragen auslöst

Ein Fragebogen, der einem die Sprache verschlägt, eine mutige Antwort, die tief blicken lässt und die Befürchtung, dass hier eine Blaupause entsteht für eine Installierung eines durchdigitalisierten Unibetriebs. Frau Astrid Baumann, Verfasserin des Brandbriefs zu den sinkenden Mathematikleistungen, hat uns ihre Antwort an die Verfasserin des Fragebogens zugestellt! Wir empfehlen unseren Leserinnen und Lesern dringendst, den Link anzuklicken.

Der Fragebogen als Blaupause?
Astrid Baumann, Initiantin des Brandbriefes Warnt schon seit Jahren vor der Mathematikschwäche in Deutschland.

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Stock-Homburg

Von unserem Dekanat erhielt ich den Link zu Ihrem Fragebogen:

https://lamapoll.de/corona-COFIT4U-university_survey/de/

Ich wollte mir die Mühe machen, ihn auszufüllen, da ich doch einiges zum digitalen Semester mal loswerden wollte. Leider hat sich eine Schleife ergeben bei der Abfrage: »Wünschen Sie sich alle Veranstaltungen in Präsenzform?« Das hatte ich uneingeschränkt mit »ja« beantwortet. Als Nächstes kam die Frage »digitale Vorlesung mit Videoaufzeichnungen vs. Direktübertragung?« Da habe ich logischerweise nichts angekreuzt, da ich mir alles in Präsenz wünsche. Als ich dann nach ca. dem ersten Fünftel auf die nächste Seite weiter wollte, hieß es, ich hätte ein Pflichtfeld nicht ausgefüllt, und ich kam wieder zurück zum Anfang. Deshalb habe ich entnervt aufgegeben.

Besonders irritiert hat mich die Frage, ob ich denn Langeweile gehabt hätte in dem Corona-Semester?

Langeweile?

Ich fände es schöner, wenn Sie persönliche Berichte sammeln würden, denn der Fragebogen – jedenfalls das, was ich von ihm gesehen habe – erfasst viele Aspekte dieses komplexen Semesters, das jetzt hinter uns liegt, nicht. Besonders irritiert hat mich die Frage, ob ich denn Langeweile gehabt hätte in dem Corona-Semester? Die Frage zeugt nicht von Wertschätzung der enormen Anstrengung, die es anfangs brauchte, alles auf die Beine zu stellen.

(…)

Ihr Fragebogen erweckte bei mir ganz den Eindruck, als wäre dieses digitale Semester der Auftakt zu weiteren Semestern, die nie mehr verpflichtend die Präsenzveranstaltung für alle Dozierenden beinhalten werden.

Prof. Dr. Ruth Stock-Homburg ist seit 2006 Inhaberin des Fachgebiets Marketing und Personalmanagement an der Technischen Universität Darmstadt.

Blaupause für weitere digitale Semester?

Ihr Fragebogen erweckte bei mir ganz den Eindruck, als wäre dieses digitale Semester der Auftakt zu weiteren Semestern, die nie mehr verpflichtend die Präsenzveranstaltung für alle Dozierenden beinhalten werden. Sie versuchen dafür Szenarien zu entwickeln, obwohl an den Hochschulen noch gar keine Diskussion darüber stattgefunden hat, ob die Lehrenden und die Studierenden das auf Dauer wollen. Corona ist derweil in Deutschland am abklingen, und trotzdem gibt es offenbar an keiner Hochschule einen Plan B für das nächste Semester, der zurück zum kompletten Präsenzunterricht führen könnte. Dabei gibt es doch schon etliche Erfahrungswerte über hohe Abbrecherquoten bei Fernstudiengängen (MOOCS etc.)

Besonders schockierend finde ich auch Ihre Frage, ob man humanoide Roboter für Klausuraufsichten befürworten würde.

Humanoide Roboter als Prüfungsaufsicht?

Besonders schockierend finde ich auch Ihre Frage, ob man humanoide Roboter für Klausuraufsichten, ferner, ob man eine Impfpflicht für Lehrpersonen befürworten würde. Als hochsensible Person würde ich mich nicht als Versuchskaninchen für einen erstmals gentechnisch erzeugten Impfstoff zur Verfügung stellen. Müsste ich deshalb mit dem Verlust meiner Stelle rechnen? Oder dürfte ich nur noch aus der Ferne unterrichten, mit ausschließlich digitalem Draht zu den Studierenden?

Ich möchte das alles im Kollegenkreis diskutieren und nicht allein mit einem Fragebogen festlegen, vor dem nur ich sitze und der mit psychologischen Doppelverneinungen etc. gespickt ist, damit angeblich möglichst alles objektiv beurteilbar ist.

Sie werden sich vielleicht fragen: Die Alte geht doch in den Ruhestand, warum kratzt sie das noch? Antwort: Ich habe Enkel, die irgendwann vielleicht studieren werden, und ich wünsche mir, dass Sie großartige Hochschullehrerinnen und -lehrer mit Vorbildfunktion und Forschungsbegeisterung bekommen, und nicht nur deren Videos.

Jetzt möchte ich die für meine Situation und die Situation meiner Studierenden vordringlichsten Dinge als Resumee des Corona-Semesters ansprechen:

1) Mein Gesundheitszustand: Mit 65,5 Jahren habe ich ein äußerst stabiles Immunsysytem; (…).

Augenprobleme durch starken Computergebrauch?

Mein Schwachpunkt sind dagegen meine schlechten Augen, praktisch von Geburt an. (…). Deswegen war ich schockiert, dass mir so plötzlich – wie  allen Beteiligten – einfach Computerarbeitsplätze „verordnet” wurden in diesem Corona-Semester. Vor allem auch die Studierenden mussten jetzt stundenlang auf Bildschirme starren. Wussten Sie, dass für Bildschirmarbeitsplätze sehr strenge Verordnungen gelten? Dass man z. B. regelmäßig Pausen machen muss, was schon bei einer 90-minütigen Live-Vorlesung nicht gegeben ist!?

Stattdessen wurde nur immer streng überprüft, ob die Corona-Regeln eingehalten wurden. So habe ich eine Tätigkeit aufgedrückt bekommen, die so viel Bildschirmarbeit beinhaltet, wie ich mit meinen Augen nie mehr machen wollte. Emails zu schreiben ist dabei für mich noch das Angenehmste, weil ich 10-Finger-blind-schreiben kann.

2) Die Situation meiner Studierenden:

Mathematik-Defizite an den Unis machen Vorkurse nötig

Sicherlich haben auch Sie in Ihren Fächern bzw. generell die systemgemachten Mathematikdefizite der Studienanfänger bemerkt und bei Ihren mathematikbasierten Vorlesungen berücksichtigen müssen. Die Studienanfängerinnen und -anfänger kommen also mit den nur allmählich aufholbaren Defiziten aus dem Mittelstufenstoff der Schulzeit an die Hochschulen und sollen sich jetzt die Mathematik im Wesentlichen im Eigenstudium erarbeiten – ein Unterfangen, für das sämtliche Voraussetzungen fehlen. Deswegen hatte ich schon zu Beginn des Semesters angemahnt, dass das digital nicht machbar ist, zumal auch die Mathematik-Vorkurse wegen Corona ausgefallen waren.

Ich habe wöchentlich in Dateiform ein Vorlesungspensum hochgeladen, Übungsaufgaben gegeben und in der nächsten Woche Musterlösungen eingestellt. Außerdem habe ich etliche bereits vorhandene Mathematik-Erklärvideos empfohlen, die namhafte Kolleginnen und Kollegen ins Netz gestellt hatten. Ab der sechsten Woche konnte ich die Ausnahmegenehmigung erwirken, Live-Vorlesungen anzubieten mit Tafel und Kreide, was für die Mathematik das bevorzugte Medium ist, selbstverständlich zusätzlich zum digitalen Programm. Dies in zwei Gruppen nacheinander mit demselben Vorlesungsstoff, aus Platzgründen (Corona-Abstand).

Diese Vorlesungen wurden von den Erstsemestern, die kommen konnten, auch dankbar angenommen. Viele hatten aber einen zu weiten Weg, um das zusätzlich zum digitalen Programm zu realisieren, weil sie ja keine Studentenbude in der Nähe gemietet hatten. Daran scheiterte auch das Bilden von Zweier-Live-Lerngruppen. Einige Studienanfängerinnen und -anfänger besassen nicht einmal einen eigenen Computer, sondern nur ein Handy. Dadurch war die Möglichkeit, per WhatsApp Fragen an die Tutorinnen und Tutoren zu stellen, am Anfang eine gute Hilfe. Auch wurden meine Dateien in der WhatsApp-Gruppe hochgeladen. Es stellte sich aber schnell heraus, dass viele Erstsemester frühzeitig abgesprungen sind und dass die WhatsApp-Gruppe prinzipiell zu groß war für die gewaltigen Unterschiede bei den Vorkenntnissen der Studierenden.

Flipped classroom: Funktioniert nur bedingt

Ich stellte im Laufe des Semesters noch ganz viel Übungsmaterial und alte Klausuren mit Ergebnissen auf die Plattform. Davon profitierten die Wiederholenden deutlich, das muss man sagen. Es kamen viele positive Rückmeldungen. Aber das erste Erarbeiten von Mathematikstoff anhand von Unterlagen oder Videos, sog. „Flipped Classroom”, funktioniert in der Regel nicht zufriedenstellend, das hat schon Prof. Loviscach von der Hochschule Bielefeld festgestellt. Er hat schon jahrelang vor Corona dieses Modell erprobt und Erfahrungen damit gesammelt, er ist diesbezüglich der Pionier.

Konkret habe ich nur einen Studenten, der es fast ausschließlich mit dem digitalen Programm geschafft hat, sich den Stoff selbst anzueignen. Er hat vier Live-Vorlesungen zusätzlich besucht.

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Stock-Homburg, von meiner digitalen Veranstaltung wollte ich Ihnen doch einmal berichten, da es in Ihrem Fragebogen kein Modell dieser Art gab.

Massives Anwachsen der Bürokratie: Befehlsempfänger für Aufgaben formaler Art

3) Abschließend noch eine weitere Beobachtung, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe: Seit Beginn meiner Lehrtätigkeit im Jahr 1987 hat sich das System der Unterstützung der Lehre an den Hochschulen total gewandelt. Hatten in den neunziger Jahren Sekretärinnen noch die Aufgabe, einem Tipparbeiten abzunehmen, so schreiben sie jetzt fast nur noch Emails, was man beachten oder welche formalen Aufgaben man erledigen soll. Man ist also Befehlsempfängerin für Aufgaben formaler Art geworden – z. B., sich irgendwo in Listen einzutragen etc. –  und muss eigentlich sehr viel von der früheren Sekretärinnenarbeit erledigen. Mit dem digitalen Semester ist dieser Effekt exorbitant angewachsen. Z. B. habe ich gestern zwei Stunden lang 250 Klausurblätter in Umschläge eingetütet. Die Anweisungen für meine Mathematik-2-Klausur an die Studierenden, die ich ja nur in dieser Form des Hochladens in einer Datei geben kann, nenne ich Ihnen als Beispiel für den zusätzlichen Arbeitsaufwand in einem Anhang. Es wird eine riesige Klausur in der Messehalle 11, wobei man noch froh sein kann, dass es dank der Connection eines Kollegen einen Kontakt zur Messe gab, um die Klausurdurchführung im Juli für unsere Hochschule dort zu ermöglichen. Im Vorfeld war ein enorm zeitintensives Abstimmen der Aufsichten etc. nötig.

Konnte mein Fach nicht pflegen

Damit hoffe ich, Ihnen einen realistischeren Einblick in mein Corona-Semester gegeben zu haben, als es der Fragebogen ermöglicht hätte. Langeweile ist also nicht aufgekommen, das werden Sie bemerkt haben. Vielmehr konnte ich mein Fach nicht pflegen, d. h., ich hatte nicht die üblichen zwei Stunden pro Tag für die Beschäftigung mit Mathematik, wie es z. B. ein Musiker oder eine Sportlerin auch braucht. Auch in der Mathematik ist dieses geistige Training nötig, um auf dem Stand der Wissenschaft zu bleiben oder sich Neues auszudenken. Und das wird mit fortschreitender Digitalisierung immer schwieriger.

Das Problem ist zerhackte Zeit, keine Zeit am Stück mehr zu haben. Auch das wird in Ihrem Fragebogen nicht thematisiert.

Fazit zur Digitalisierung:

Zu hohe Arbeitsdichte im Simultanausführen von vielen organisatorischen Details, sowohl auf Seiten der Studierenden als auch der Lehrenden, Verlust der realen Lehrer-Schüler-Beziehung wie auch der realen Bekanntschaften der Studierenden untereinander. Das bedingt auch auf Dauer einen Verlust an Möglichkeiten zur Nachwuchsförderung, sollte sich alles nur noch in der schönen neuen digitalen Welt abspielen. Private Anbieter von Live-Unterricht für die Betuchten werden aus dem Boden sprießen. Alle diese Effekte sollten Sie bedenken, bevor Sie so ganz sorglos Roboter-Helfer für die Bildung ins Spiel bringen.

Mit freundlichen Grüßen

Astrid Baumann

 

 

Verwandte Artikel

Wer sich anstrengt, kann hier etwas erreichen

Ein Artikel aus dem Jahre 2006 machte den Condorcet-Autor Alain Pichard schweizweit bekannt. In der Weltwoche schrieben drei linke Lehrkräfte und er über die realen Probleme, welche die Schule mit der Integration fremdsprachiger Kinder bekundete. Er wurde zeitweise zum Buhmann der Linken. Der in einer Brennpunktschule in Biel tätige Lehrer bezeichnetete sich aber stets als “Anwalt der Migrantenkinder”. Er wolle, dass sie etwas lernen. Und das heisst “Fördern und Fordern”. 14 Jahre später scheint sich seine Überzeugung durchgesetzt zu haben. Zum Vorteil aller!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.