29. Oktober 2020

Plädoyer für ein eigenständiges Fach Geschichte

Dr. phil. René Roca, Gymnasiallehrer für Geschichte in Basel und Leiter des Forschungsinstituts direkte Demokratie, legt in diesem Beitrag dar, warum es das eigenständige Fach Geschichte immer noch braucht.

René Roca: Geschichtsunterricht hat eine integrative Wirkung.

Der Lehrplan 21 (LP 21) ist nun bis auf den Kanton Aargau in der gesamten Volksschule der Deutschschweiz eingeführt. Dazu gehören auf der Oberstufe (Sek I) auch Sammelfächer. Nun gibt es also in den meisten Kantonen unter anderem anstatt Geschichte und Geographie das Sammelfach „Räume, Zeiten, Gesellschaften“ (RZG). Schweizer Geschichtsdidaktiker werden dafür zu Recht von ausländischen Kollegen ausgelacht. Das Fach Geschichte verschwindet, obwohl es für die Volksschule das zentrale Fundament für unser direktdemokratisches politisches System legt und eine wichtige integrative Funktion besitzt, gerade auch für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund.

Das Fach Geschichte verschwindet, obwohl es für die Volksschule das zentrale Fundament für unser direktdemokratisches politisches System legt und eine wichtige integrative Funktion besitzt, gerade auch für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund.

Wissen ist kein Sammelsurium

Der Wert des traditionellen, historisch gewachsenen Fächerkanons, dazu gehört auch das eigenständige Fach Geschichte, kann nicht genug betont werden. Er ist eine Frucht unserer Wissenschaftsgeschichte. Resultat ist eine Struktur des Wissens, die an Schulen, aber auch in Bibliotheken und den Universitäten sofort augenfällig wird. Das Wissen ist kein Sammelsurium, das einfach unter einem beliebigen Begriff neu „zusammengestellt“ werden kann. Ein interdisziplinäres Arbeiten ist erst möglich, wenn strukturiertes Grundlagenwissen vorhanden ist. Speziell an der Oberstufe der Volksschule, aber auch schon an der Primarschule ist es nötig, dass kontinuierlich historisches Wissen vermittelt wird.

Nur noch Fragmente

 

Der kompetenzorientierte Lehrplan 21 ebnete den Weg.

Aktuelle Stoffpläne für das Fach RZG in diversen Kantonen zeigen, dass konkret im Unterricht „Geschichte“ nur noch in einzelnen Fragmenten erkennbar ist, deren Gewichtung – ausser ein paar verbindlichen Inhalten – nicht festgelegt, sondern in das Ermessen der einzelnen Lehrpersonen gelegt ist. Verzichtet man so auf den Begriff „Geschichte“, so verzichtet man auf die Spezifik historischen Denkens. Wenn primär ein thematischer und damit meist willkürlicher Zugang zu Geschichte gemacht wird, geht das zulasten eines Bewusstseins von Chronologie und Orientierung in der Zeit. Geschichtsbewusstsein und historisches Denken bleiben auf der Strecke. Die letztlich Leidtragenden sind die Schülerinnen und Schüler. Noch ist Zeit mittels kantonalen Initiativen diesen Unsinn zu stoppen (siehe Kanton Baselland) und das Fach Geschichte wieder als eigenständiges Fach an der Oberstufe zu führen.

 

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Peter Sloterdijk bezeichnete ihn als Andre Rieu der Philosophie, der FAZ-Redaktor und Buchautor Jürgen Kaube bezichtigte ihn der intellektuellen Schlampigkeit. Aber Richard David Precht lässt sich nicht bremsen. In einem grossen Interview in der NZZam Sonntag (18.8.19) wiederholt er im Wesentlichen die Thesen, die er in seinem Buch: “Anna, die Schule und der liebe Gott” schon dargelegt hat. Die Condorcet-Redaktion fasst zusammen:

1 Kommentar

  1. Das Fach Geschichte braucht einen kräftigen Anschub

    Im stark beladenen Sammelfach RZG lässt sich vermutlich besser kaschieren, dass für den Bereich Geschichte gerade einmal eine Wochenstunde übrig bleibt. Doch wie konnte das überhaupt passieren, dass ein für eine lebendige Demokratie grundlegendes Fach beim neuen Lehrplan zwischen Stuhl und Bank gefallen ist?

    Ungewollt zum Niedergang beigetragen hat eine didaktisch verunsicherte Lehrerschaft, die stark zögerte, sich für das Fach einzusetzen, weil geschichtlicher Stoff oft zu viel Stallgeruch des Nationalen hatte und die vorgeschlagenen Alternativen bei den Schülern nicht richtig ankamen. Das Fach aber lebt von spannenden Geschichten, die den Jugendlichen erlauben, sich in den Zeitgeist einer Epoche zu versetzen. Leider hat der Wechsel von den alten Heldengeschichten zu ganz realen Dramen mit gesellschaftlicher Relevanz erst zögerlich begonnen. Stattdessen langweilen sich viele Schüler bei langen Analysen und akademischen Fragestellungen.

    Gute Geschichtslektionen sind von der Vorbereitung her gesehen aufwändig, doch der tiefe aktuelle Stellenwert des Fachs und die niedrige Lektionenzahl machen ein grosses Engagement fragwürdig. In keinem nationalen oder internationalen Schultest werden geschichtliche Fachkenntnisse überprüft. Das Fach ist für die Bildungsforschung uninteressant, weil der messbare Bereich wenig ergiebig ist. Das ist aber keine Entschuldigung, um den Geschichtsunterricht dermassen abzuwerten.

    Das Fach braucht eine Lobby, um aus dem Schattendasein herauszukommen. Gefordert sind Politikerinnen und Politiker, die an einer geschichtlichen und politischen Grundbildung unserer Jugend interessiert sein müssten. Auch den professionellen Historikern kann es nicht gleichgültig sein, wenn ein grosser Teil unserer Jugend über unsere Vergangenheit nur noch bruchstückhaft im Bild ist. Mit der Diskussion um das Stimmrechtsalter 16 ist die Gelegenheit günstig, um den aktuellen Geschichtsunterricht in der Volksschule in den Fokus zu rücken. Ein kräftiger Anschub von aussen könnte helfen, den festgefahrenen Karren wieder in Fahrt zu bringen.

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