9. Dezember 2019

In der Bildung hat Rousseau die Nase vorn

Die kontroverse Debatte um die Thesen des Psychiaters Michael Winterhoff hier auf dem Condorcet-Blog hat Felix Schmutz zu einer grundsätzlichen Betrachtung des Phänomens veranlasst. Diese führte ihn zum Philosophen Rousseau, einem Zeitgenossen von Condorcet. Allerdings ist Rousseau hier in der Deutschschweiz weitaus bekannter als unser Namensgeber.

Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)
Felix Schmutz, Baselland

Winterhoffs Buch «Deutschland verdummt» gibt zu Diskussionen Anlass. Felix Hoffmann fasst die Kritik des Kinderpsychiaters am «offenen Unterricht» zusammen, den dieser auf Projektionen der Erziehenden zurückführt. Alain Pichard beklagt an Winterhoffs polemischen Aussagen, dass sie empirisch zu wenig abgestützt seien und apokalyptisch daherkämen. In diesem Zusammenhang könnte es hilfreich sein, daran zu erinnern, woher die pädagogischen Ideen, die bei Winterhoff in der Kritik stehen, die heute aber Hochkonjunktur haben, wohl eigentlich stammen.

Der Ursprung der Reformen

  «L’homme est né libre, et partout il est dans les fers.» (Der Mensch ist frei geboren, dennoch liegt er überall in Ketten.) Mit diesem Satz eröffnet Jean-Jacques Rousseau seinen «Contrat social». Die fundamentale Zivilisationskritik, nach welcher der Staat, die gesellschaftlichen Konventionen, Kirche, Wirtschaft und Wissenschaft den Menschen seiner natürlichen Bestimmung entfremdet und nachhaltig versklavt haben, ist der eigentliche Ursprung einer wirkmächtigen Ideologie, welche die Pädagogik und andere Humanwissenschaften mehr prägt als empirische Forschung und langjährige Berufs- und Lebenserfahrung zusammen, selbst wenn vielen die Herkunft des Grundgedankens nicht wirklich bewusst ist.

Condorcet widersprach den Thesen Rousseaus vehement.

Überall dort, wo sich Mängel in der Schule bemerkbar machen, verfängt die Rousseausche Deutung, dass der Missstand auf einer grundlegenden und ungerechtfertigten Einengung menschlichen Potenzials beruhe, dass Kinder zu früh in die Erwachsenenwelt gezwungen würden. Und jedes Mal wird die Forderung erhoben, das zivilisatorische Joch abzuschütteln, Schule von den falschen Zwängen zu befreien. Politisch ausgehandelte und wissenschaftsbezogene Schulsysteme werden als Fesseln empfunden, die Kinder und Jugendliche nicht fördern, sondern versklaven.

Sünde und Emanzipation

Bedient werden zwei Grundeinstellungen der menschlichen Psyche: Einerseits das Gefühl der Schuldhaftigkeit, des Ungenügens, anderseits das Bedürfnis nach Emanzipation, nach Aufbruch in ein alternatives Leben. Rousseau selbst geisselte die Macht der Kirche, welche die Menschen als Träger der Erbsünde zu ewiger Schuld verdammte. Ironischerweise trug er dazu bei, dem Menschen eine neue Erbsünde aufzubürden, die sich von Generation zu Generation fortpflanzt: den Sündenfall der Zivilisation, der Entfremdung vom Natürlichen.

Rousseau: “Das Kind muss sich ohne Zwänge gemäss seinen natürlichen Anlagen und Interessen frei entfalten können.”

Konzepte wie dasjenige vom «selbstgesteuerten» und vom «intrinsischen Lernen», von der Eigenkonstruktion allen Wissens, von der Abschaffung der Hausaufgaben, der Noten, des gemeinsamen Unterrichts, der Leistungszüge und der Sonderbeschulung, vom Verzicht auf Lehrpläne, Fächer, geregelte Stundenpläne, von der «Entmachtung» der Lehrperson als Erzieherin und Vermittlerin, all das lässt sich auf die Rousseausche Vorstellung zurückführen, das Kind müsse sich ohne Zwänge gemäss seinen natürlichen Anlagen und Interessen frei entfalten können, um seine urtümliche Natur unverfälscht zu verwirklichen. Die Rolle der Gesellschaft kann nur darin bestehen, diesen Pflanzen den günstigsten Nährboden zur Verfügung zu stellen. Eingriffe sind nur dem Schutz des Kindes vor sich selbst zulässig.

Gewichtiger Einwand

 Was die Anhänger solcher Konzepte, die der Sündenbewältigung und der Emanzipation dienen, dabei vergessen:

  1. Kinder und Jugendliche werden wohl oder übel in eine bereits bestehende Welt geboren, deren Bedingungen sie unterworfen sind und in der sie sich interagierend entwickeln müssen, um daran teilhaben zu können,
  2. zur Entwicklung gehören das Erlernen von biologisch nicht fertig vorgegebenen Kenntnissen und Verhaltensweisen und die Notwendigkeit, dazu in geeigneter Weise und im geschützten Rahmen angeleitet zu werden,
  3. jedes pädagogische Konzept muss seinen Erfolg daran messen, inwiefern es gelingt, einerseits genügend Stütze und Anleitung zu bieten und andererseits in richtiger Dosierung stufenweise immer mehr Autonomie zu gewähren.
Aus einem Vortrag von Professor Bernard Schneuwly, Genf

Rousseau als Wegbereiter der Political Correctness

 Die Rousseausche Ideologie hat neben der Pädagogik auch andere Disziplinen erfasst, so beispielsweise die Gendertheorie (obwohl man Rousseaus Geschlechterbild heute als sexistisch beurteilen würde). Nach dieser Auffassung sind die Geschlechter ursprünglich gleichgewichtig und gleichberechtigt. Erst die zivilisatorischen Herrschaftsbedingungen, insbesondere die bürgerliche Gesellschaft, haben zu ungerechten Rollenzuweisungen geführt, die sich trotz formeller Gleichberechtigung bis heute hartnäckig halten. Das Sündenbewusstsein, das uns die Gendertheorie vermittelt, führt zu einem Bussverhalten, das sogar die Sprache zum Vehikel der Emanzipation durch genderneutrale Wortschöpfungen macht.

So ist denn politische Korrektheit im öffentlichen Diskurs ein Indiz dafür, wie sehr die Rousseau-Ideologie das Denken der liberalen Mainstream-Gesellschaft inzwischen dominiert. An diesem Denken prallt polemische, aber auch sachlich und wissenschaftlich fundierte Kritik bei den gegenwärtigen Eliten ab.

Nutzniesser der Ideologie und deren Umdeutung

Allerdings ist zu beobachten, dass sich wirtschaftliche Kreise der Ideologie in geschickter Weise bemächtigt zu haben scheinen. Der IT-Branche ist es gelungen, die Digitalisierung der Lebensverhältnisse vom Nimbus der Versklavung zu befreien und als Mittel der Emanzipation auszugeben. Sie hat die Verführbarkeit des Menschen dazu benützt, ihn gleichzeitig in völlige Cyberabhängigkeit zu bringen und ihm dennoch vorzugaukeln, eine nie geahnte Selbstbestimmung seiner menschlichen Natur erreicht zu haben.

Sündhaft ist der Mensch, der in analog-ganzheitlichen Bahnen denkt, der an bestehenden Formaten festhält, der Qualität und Moral an absoluten Massstäben misst, der ein persönliches, unverwechselbares Selbst der eigenen Person entwickelt, denn all dies hält ihn in psychischer Gefangenschaft und schränkt seinen Marktzugang ein.

Ein neues Denken deutet die Rousseau-Ideologie um: Sündhaft ist der Mensch, der in analog-ganzheitlichen Bahnen denkt, der an bestehenden Formaten festhält, der Qualität und Moral an absoluten Massstäben misst, der ein persönliches, unverwechselbares Selbst der eigenen Person entwickelt, denn all dies hält ihn in psychischer Gefangenschaft und schränkt seinen Marktzugang ein. Richtschnur der Emanzipation ist demgegenüber die digital-algorithmisch zerlegende Denkweise («computational thinking»), die fortwährende Anpassung der Massstäbe, der Glaube an die technische Lösbarkeit aller Probleme, die stetige Selbstoptimierung je nach Zeitgeist (verharmlosend als «lebenslanges Lernen» verkauft), die Befreiung von einem die Zeit überdauernden Selbstkonzept, der freie Zugang zum Markt.

 

 

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1 Kommentar

  1. In Anbetracht dessen, dass Rousseau seine fünf Kinder im Waisenhaus ablieferte, erscheinen seine Gedanken zur Kindererziehung eigenartig widersprüchlich. Nicht nur rückblickend erscheint dieses Vorgehen wenig kindgerecht, wurde es doch schon damals von Voltaire scharf kritisiert.Vielleicht erkannte Rousseau ja frühzeitig eigene Irrtümer. Möglicherweise im Sinne eines zu verhindernden Gesichtsverlustes muss es ihm dann aber offenbar schwerer gefallen sein, Ideen abzustossen als die eigenen Kinder.

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