26. Februar 2020

Leseförderung: Das Projekt 15×15

Mehr Beispiele aus der Praxis haben sich einige Leserinnen und Leser des Bildungsblogs gewünscht. Alain Pichard beginnt mit einem Beispiel aus dem Oberstufenzentrum Orpund, an dem er unterrichtet. Er war es auch, der dieses Projekt “erfunden” hat. Hier sein Bericht!

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Alain Pichard, Sekundarlehrer in Orpund, Mitglied der GLP, Mitherausgeber der Zeitschrift Einspruch, Mitinitiant der Aktion 550gege550.

Am OSZ-Orpund ertönt viermal hintereinander die Pausenglocke, mitten in der Lektion. Die Schülerinnen und Schüler, wo immer sie sich auch befinden, wissen, was sie zu tun haben. Sie legen ihre gerade benötigten Utensilien beiseite, die Lehrerin hört auf zu erklären, der Turnlehrer geht zu seiner Tasche, der Hauswart in sein Büro. Alle haben sie das gleiche Ziel. Sie holen sich ein Buch, richten sich ein und beginnen zu lesen. Und das gesamte Oberstufenzentrum versinkt anscheinend in einen Tiefschlaf, so ruhig wird es im Gebäude.

Es werden Herzen gebrochen, Dämonen besiegt und zwischendurch wird auch gelacht

Natürlich ist das Wort «Tiefschlaf» völlig fehl am Platz. Die Schülerinnen und Schüler, ihre Lehrkräfte, das Hauspersonal, sie alle begeben sich auf Reisen. Es werden Herzen gebrochen, Dämonen besiegt, Helden sterben, zwischendurch wird auch kräftig gelacht. Wer jetzt durch das Schulhaus wandelt, sieht Erstaunliches. In der Turnhalle liegen die Schülerinnen am Boden oder auf den grossen Matten, im Werkraum sitzen sie mit ausgestreckten Beinen an die Heizkörper gelehnt auf dem Boden, in der Schulhausküche liegen sie teilweise auf den Tischen. Und alle lesen sie. Die Schülerinnen und Schüler, die Sekretärin, der Hauswart, das Putzpersonal.

Nach 15 Minuten ertönt der viermalige Gong wieder. Schluss, Ende, das Leben im Schulhaus nimmt seine übliche Geschäftigkeit wieder auf. Es wird wieder gerechnet, geschrieben, gesägt, Basketball gespielt oder gekocht. 15 Minuten lang aber haben sich über 200 Personen einem Buch hingegeben. 15 mal wiederholt sich dieses Ritual, zu unterschiedlichsten Zeiten. Einmal frühmorgens, dann mitten drin. Ab und zu am Nachmittag oder kurz bevor die Mittagsglocke ertönt. 15 Mal!

Leseprojekt am OSZ-Orpund

Es muss keine Rechenschaft abgegeben werden, es wird auch nicht nachgefragt. Die SchülerInnen mussten einzig zu Beginn dieses Leseförderungsprojekts angeben, welches Buch sie lesen. Keine grossen Vorgaben, aber es muss ein literarisches Buch sein, kein Sachbuch, kein Comicband. Billiger Schundroman, Horrorgeschichten, Liebesdramen, Abenteuer und Geschichtsnovellen, alles liegt drin. Die Namenslisten mit den gewählten Titeln werden in der Eingangshalle aufgehängt. Die Schulbibliothek stellt zwar ihre Sammlung zur Verfügung, meistens werden aber Bücher von zu Hause mitgebracht. Wenn ein Schüler einmal ein Buch vergisst, gibt ihm die entsprechende Lehrkraft ein Ersatzbuch. Bei zweifelhaften Vorschlägen fragt die Lehrkraft nach, was aber nur sehr selten passiert. Während zwei Monaten ertönt die literarische Glocke 15 mal und unterbricht so den «courant normal».

Es gibt danach keine Evaluation, keine Rechtfertigungen über das Gelesene, keine Vorträge. Dreimal haben wir dieses Projekt nun schon durchgeführt. Keine Frage: Die Schülerinnen und Schüler lieben es.

Ein kleiner Schönheitsfehler haftet dem Anlass gleichwohl an. Den Lehrkräften werden die Termine im Vorfeld mitgeteilt: Sie wissen ja, mitten in einem Test sind diese Unterbrüche unangenehm. Aber die Lehrkräfte stehen unter strengster Geheimhaltungspflicht. Und es besteht auch eine Mitmachpflicht. Auch für Sekretariat und Hauspersonal. Wehe, wenn im Leserausch die Kaffeemaschine im Lehrerzimmer ertönt. Was mit Abtrünnigen passiert, kann man sicher in einigen der gewählten Bücher nachlesen.

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