20. Oktober 2020

Setze den Stein nach der Richtschnur!

Vieles geschieht in den Schulen, sehr vieles. Der Betrieb ist intensiv, und es wurde eifrig reformiert. Ob das viele auch wirkt? Das evaluieren nationale Vergleichsresultate. Warum aber dauert ihre Publikation so lange?

Mit enormem Aufwand wurde das Schweizer Schulsystem in den letzten 20 Jahren reformiert und verändert: klassenübergreifendes, altersdurchmischtes Lernen AdL, selbst-orientiertes Lernen SOL sowie offene Lehr- und Lernformen, Frühenglisch und Mittelfrühfranzösisch, Integration und Inklusion, Qualitätsmanagement und geleitete Schulen, HarmoS und Lehrplan 21 heissen einige Stichworte.

20 Jahre Reformarbeit ohne Wissen um Wirkung

Es sind Hunderte von Reformprojekten. Doch es gibt, so der Bildungsökonom Stefan Wolter, Leiter der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, „so gut wie keine wissenschaftlichen Studien über ihre Wirkung.“ Und der anerkannte Bildungsevaluator Urs Moser, Universität Zürich, fügt bei: Der Nutzen der gross aufgebauten Sonderpädagogik im Rahmen der schulischen Integration ist „absolut diffus“.[1] Im Klartext: Man kennt die Effekte nicht. Das überrascht und erstaunt. Dabei lägen für gewisse Fächer konkrete Lernleistungs-Resultate vor, die nationalen Bildungsziele. Doch sie wurden bis heute nicht publiziert, obwohl mehrfach angekündigt.

Nationale Evaluation zur Leistungskontrolle

Seit 2011 gibt es die sogenannte Überprüfung der Grundkompetenzen ÜGK. Diese Tests kontrollieren jeweils bestimmte Bereiche der Volksschule. Die ÜGK soll sichtbar machen, wie viele Schülerinnen und Schüler die nationalen Bildungsziele (Grundkompetenzen) erreichen. Darauf haben sich die Kantone geeinigt. Sie leisten damit einen Beitrag zur Harmonisierung der obligatorischen Schule; das ist ganz im Sinne der Bundesverfassung und des Bildungsartikels von 2006.

An den nationalen Tests beteiligen sich zufällig ausgewählte Schülerinnen und Schüler aus allen Kantonen. Überprüft werden jeweils eine Jahrgangsstufe und ein Ausschnitt aus den Bildungszielen. 2016 waren es die Mathematik-Kenntnisse am Ende der obligatorischen Schulzeit. Die gesamtschweizerische Evaluation vom Mai 2017 überprüfte in verschiedenen sechsten Klassen die jeweilige Schulsprache und die erste Fremdsprache. Teilgenommen haben je rund 23 000 Schülerinnen und Schüler. Für das gesamte Evaluationsprojekt sind 6,75 Millionen Franken eingeplant.

Die Realität als Seismografin der Schweizer Bildungspolitik

Vor etwas mehr als einem halben Jahr erschien der 335-seitige „Bildungsbericht Schweiz 2018“.[2] Die Publikation ist über 1.1 kg schwer und 335 Seiten dick. Sie zählt mehr als 500 bildungspolitische Fragen und Phänomene auf; umfangreiche Statistiken und Grafiken untermauern die Ziffern und Chiffren. Nur zu den Ergebnissen der nationalen Bildungsziele lässt sich nichts finden. Kein Wort und keine Tabelle verweisen auf die evaluierten schulischen Leistungen von 2016 und 2017, obwohl sie seit März 2018 vorliegen. Das überrascht. Gewisse Kantone sträubten sich gegen eine Publikation der Testresultate, hiess es auf Anfrage. Versprochen sind sie nun auf den 24. Mai 2019.

Warum dauert es so lange?

Die Publikation musste verschoben werden, „damit bei der Erstpublikation eine differenzierte Interpretation unter erweitertem Einbezug von Kontextvariablen auf kantonaler Ebene möglich wird“.[3] Soweit die Auskunft der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK. Das ist sibyllinisch verklausuliert, erklärt aber die lange Wartezeit nicht.

Die Frage stellt sich: Wie geht man bei der EDK mit den Resultaten dieser Quervergleiche um? Und wird der Schwellenwert vor oder erst nach dem Test und dem Eingang der Ergebnisse festgelegt? Man weiss es nicht und rätselt. Der aussenstehende Beobachter erinnert sich an eine simple Handwerksregel. Vor bald 2000 Jahren prägte der griechische Schriftsteller Plutarch in seinem „Reglement über die die Anerkennung von Fortschritten in der Selbsterziehung“ den einfachen Satz: „Setze den Stein nach der Richtschnur, nicht die Richtschnur nach dem Stein.“[4]

Die alte Sokratische Frage

Zuerst die Richtschnur, erst dann der Stein! Plutarchs Grundsatz lässt sich kaum auf den Umgang mit den nationalen Vergleichstests übertragen. Die verzögerte Publikation, der Einsatz einer Task-Force unter der Leitung des St. Gallers Bildungsdirektors Stefan Kölliker (SVP) und die Aussage des EDK-Generalsekretariats, man wolle „nicht einfach ein Ranking nach Kantonen erstellen“, lassen viele Schlüsse zu.

Wie dem auch sei: Die tägliche Arbeit in der Schule, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, bleibt entscheidend – und von den Evaluationsergebnissen der EDK unbetroffen. Sie erneuert lediglich die alte Sokratische Frage, die sich jede Lehrerin, jeder Lehrer stellen muss: „Und was wird er, der Schüler, am Ende davon haben, wenn er – zu Dir in die Schule geht?“

Diese Frage ist zeitlos gültig; sie gilt für alle Schülerinnen und Schüler. Genau um diese Frage aber geht es, wenn die Grundkompetenzen überprüft werden. Doch warum dauert es so lange? Pädagogisch richtig kann man nur handeln, wenn man unmittelbar handelt und zügig Feedback gibt. Das weiss jede gute Lehrerin, das ist jedem gewissenhaften Pädagogen bewusst.

 

Carl Bossard

 

[1] Martin Beglinger, „Das ist vernichtend“, in: NZZ, 31.08.2018, S.53.

[2] Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung.

[3] Kari Kälin, Was lernen unsere Kinder? Der grosse Schultest der Kantone hat Verspätung, in: Schweiz am Wochenende, 7.4.2019.

[4] Plutarch, Quomodo quis suos in virtute sentiat profectus 75 F.

 

Verwandte Artikel

Worthülsen: Heute die Sache mit dem Qualitätsmanagements

Redaktionsmitglied und Conodorcet-Autor Felix Hoffmann nimmt sich eine weitere rhetorische Worthülse vor: Das Qualitätsmanagement. Qualitätsmanagement gilt als Königsdisziplin, um Unternehmen, Universitäten, Schulen, Krankenhäuser und Verwaltungen auf Vordermann zu bringen. Vor Risiken und Nebenwirkungen warnt Felix Hoffmann. Stattdessen weist er auf eklatante Widersprüche hin.

Humboldt richtig lesen

In seinem Plädoyer für die Kompetenzorientierung berief sich Professor Markus Wilhelm (Zu oft wird der Bildungsbegriff im gymnasialen Schulalltag gleichgesetzt mit Wissensvermittlung, 5.10.2020) auf Wilhelm Alexander Humboldt, was in den Kreisen der Condorcet-Leser und -leserinnen für Erstaunen sorgte. Die Redaktion veröffentlicht hier im Voraus einen Textausschnitt von Professor Bernard Schneuwly, in welchem er die Grundidee des Humboldtschen Bildungsideals zusammenfasst. Der ganze Text wird unseren Leserinnen und Lesern demnächst präsentiert.

1 Kommentar

  1. Das Zögern der EDK, mit den Ergebnissen der nationalen Vergleichstests herauszurücken, hat einen sehr schalen Beigeschmack. Muss die Wahrheit allenfalls noch etwas “aufbereitet” werden, damit sie ins Bild der erfolgreichen Neuerungen der letzten zehn Jahre passt? Es ist gut, dass wachsame Schulfachleute wie Carl Bossard auf die fehlende Transparenz bei der Festlegung der Anforderungen hingewiesen haben. Es ist doch recht eigenartig, wenn Tests bezüglich der Bewertung erst nachträglich geeicht werden. Doch warten wir ab, was uns die EDK in ein paar Tagen dazu mitteilen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.