25. September 2022

Tausendkünstler*in

Immanuel Kant warnt in seiner «Grundlegung zur Metaphysik der Sitten» davor, zu viele Geschäfte zugleich zu treiben. Denn wo «jeder ein Tausendkünstler» sei, da würden «die Gewerbe noch in der größten Barbarei» liegen. Dagegen hätten alle «Gewerbe, Handwerke und Künste» durch «die Verteilung der Arbeiten gewonnen», um sie besser und mit mehr Leichtigkeit leisten zu können.

Die Figur des Tausendkünstlers geistert durch alle Epochen und alle Berufsgruppen. Seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert sind Wissenschaftler besonders anfällig für diese Form der Barbarei. Das Psychoprofil ist relativ einfach: Wir haben einen begabten Physiker, Biologen, Hirnforscher, Arzt, Soziologen oder Philosophen, der auf seinem angestammten Fachgebiet Grosses leistet und im Erfolg dann plötzlich vergisst, zu unterscheiden, was er wirklich weiss und was nicht.

Die Undiszipliniertheit ist unterschiedlich ausgeprägt. Im harmloseren Fall beschränkt sich der moderne Tausendkünstler auf den Wissenschaftsbetrieb. Er will eine Einheitswissenschaft, Antworten auf alle Welträtsel, eine Weltformel. Im schlimmeren Fall zeigt sein Verhalten eine politische Note. Der Tausendkünstler beschliesst, die Gesellschaft zu therapieren. Moral und Bildung sind beliebte Kampfplätze. Seine Zukunftsversprechen zielen auf das Ganze. Er wirbt etwa für einen neurowissenschaftlichen Masterplan, um die Gesellschaft von Kriminellen zu säubern oder Kinder für die Leistungsgesellschaft fit zu machen. Im Extremfall steigert sich der Tausendkünstler ins Revolutionäre. Er propagiert nun die Erlösung von Weltproblemen, etwa von der sozialen Ungerechtigkeit oder dem menschlichen Leiden.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war das Tausendkünstlertum eine klassische Männerdomäne. Heutzutage ergänzt die Tausendkünstler*in die Szenerie. Im Kern bleiben die Allmachtsphantasien die gleichen, links wie rechts, männlich wie weiblich wie divers. Kants Empfehlung bleibt darum aktuell: Verteilung der Arbeiten. Das bedeutet mehr Debatten, mehr Kompromisse, aber auch mehr Qualität und weniger Barbarei.

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