Leseschwäche

Lesemisere – es braucht eine sorgfältige Analyse

Es sei – so die Autorin Eliane Perret – hinlänglich bekannt, dass heute eine grosse Anzahl von ihnen nicht über ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen verfügen, um den privaten und beruflichen Alltag selbstständig und befriedigend gestalten zu können. Wir bringen Ihnen ihre unaufgeregte Analyse.

Die PISA-Studie, wie immer man sie auch qualitativ bewerten mag, hat es wiederum gezeigt: Die Lesefertigkeit der Schweizer Jugendlichen nehmen stetig ab. In unserer Gesellschaft ist man unzählige Male am Tag mit Schrift und Text konfrontiert. Wer nur mit Mühe eine Text entziffern kann und kaum oder gar nicht versteht, was drin steht, ist nicht nur in seinem Lebensalltag und -zielen eingeschränkt, sondern auch in seiner Selbsteinschätzung ein wertvoller und gleichwertiger Mensch zu sein zutiefst betroffen.

Bereits um die Jahrtausendwende war der Anteil von Jugendlichen mit sehr schwachen Lesefähigkeiten mit 12 Prozent Besorgnis erregend. 2014 zählte man im Bundesamt für Statistik (BfS) 800’000 betroffene Menschen und befürchtete eine Zunahme in den nächsten Jahren. Den seither getroffenen Massnahmen lagen offensichtlich eine unsorgfältige Analyse und fehlgeleitete Massnahmen zugrunde – auch jetzt!

Einmal mehr: der Föderalismus

Wie nicht anders zu erwarten, kam der Föderalismus wieder auf die Anklagebank und es wurde nach einheitlichen, «von oben» diktierten Massnahmen gerufen. Eine Strategie hin zum Zentralismus, die mit und seit der Volksabstimmung 2006 zum Bildungsartikel verfolgt wird. Abgesehen davon, dass die Leselernmethoden und auch der Leseunterricht nicht an den Kantonsgrenzen wechseln und mit der Einführung des Lehrplans 21 sowieso angeglichen wurde, ist die noch verbliebene Kantonshoheit im Bildungsbereich nach wie vor ein Garant dafür, dass auf die Gegebenheiten und Bedürfnisse der jeweiligen Kantone ausgerichtet und schnell und gezielt Massnahmen ergriffen werden könnten.

Psychologin und Heilpädagogin Eliane Perret: “Eine Verbesserung ist nicht in Sicht.”

Migrantenkinder – schon aber

Eine weitere Erklärung richtet den Fokus auf die zunehmende Zahl von Kindern, die nicht Deutsch als Erstsprache haben. Natürlich steht damit ein pädagogisches Problem an, denn sie brauchen fundierte Deutschkenntnisse und nicht Fragmente verschiedener Sprachen. Das war lange Zeit durch speziell dafür eingerichtete Klassen gegeben, in denen Kinder, die neu in unser Land kamen, einen gründlichen, aufbauenden Unterricht in der neuen Sprache hatten. Heute müssen sich die meisten von ihnen von Anfang an mit einigen Stunden zusätzlichem Deutschunterricht in einer Regelklasse zurechtfinden, was für sie einen Mangel an Chancengerechtigkeit und eine Belastung für die Schulklasse bedeutet. Diese Argumentation übersieht aber auch die mangelnden Deutschkenntnisse auch bei den Kindern, die hier aufwachsen und Deutsch als Erstsprache lernen.

Es fehlen anregende Lernprozesse

Weiter hört man auch, dass die Heterogenität in den Klassen die Ursache des Problems sei. Als Lösung wird differenzierender Unterricht vorgeschlagen. Das negiert die Realität der heutigen Klassen, denn individualisierendes Lernen ist in den meisten Schulzimmern schon lange Realität. Hintergrund sind entsprechende Theorien oder besser Ideologien, erzwungen durch die sogenannte Integration aller Kinder in der Regelklasse – und ist gerade eine der Ursachen der Lesemisere. Wenn Kinder vereinzelt ihre Lernprogramme abarbeiten sollen, so verhindert gerade dies einen sprachlich anregenden Lernprozess. Es fehlen die Modellwirkung sprachgewandter Kinder und ein Übungsfeld des gemeinsamen, anregenden Gesprächs und Lesens – kurz das Lernen von- und miteinander, entscheidend für einen gelingenden Lese- und Sprachlernprozess.

Denkblockaden in der Analyse

Wenn tatsächlich eine Lösung der Lesemisere gefunden werden soll, dann müssten bestimmte Denkblockaden überwunden werden. Eine davon ist die Unantastbarkeit des digitalen Lernens. Schwedens Bildungsbehörden hatten vor einiger Zeit den Mut, Forschungsergebnisse ihres renommierten Karolinska-Forschungsinstitutes ernst zu nehmen und die bisher als Unterrichtsmittel üblichen digitalen Geräte, allen voran die Tablets, aus den Schulzimmern der Primarschüler zu entfernen und zu Schulbüchern zurückzukehren. Das fand in unseren Medien und offensichtlich auch bei unseren Bildungspolitikern wenig Gehör. Sie blieben beim längst überholten Argument, damit die Kinder auf die Welt von morgen vorbereiten zu wollen.

Die Lesemethoden unter die Lupe nehmen

Um die Lesemisere in der Schweiz zu beheben, müssten auch heisse Eisen angefasst werden: Vernachlässigt wurde bisher, dass Leseschwächen und -störungen oft verursacht sind durch untaugliche, mittlerweile im Ausland teilweise verbotene Methoden, mit denen sich Kinder falsche Lernstrategien und Fehler aneignen, die später nur noch schwer zu korrigieren sind. Viele Jugendliche, die heute die PISA-Tests machten, mussten noch mit Jürg Reichens Methode «Lesen durch Schreiben» lesen lernen, ähnliche Methoden sind auch heute noch üblich.

Kein weiterer Zuckerguss

Die nächste PISA-Untersuchung kommt bestimmt. Über deren Sinn und vor allem bildungspolitische Zielsetzung endlich zu diskutieren, wäre das eine. Sicher aber werden die Resultate nicht besser werden, wenn die «heissen Eisen» nicht angepackt werden.

 

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