2. März 2024
Smartphones in der Schule

Handys raus aus der Schule!

Jonathan Haidt ist Sozialpsychologe und Professor an der Stern Business School in New York. Er forscht unter anderem darüber, wie soziale Medien zu psychischen Erkrankungen bei Teenagern, zur Fragmentierung der Demokratie und zur Auflösung einer gemeinsamen Realität beitragen. Nach seiner Meinung beeinträchtigen Smartphones die Aufmerksamkeit, das Lernen und die sozialen Beziehungen. Er fordert, sie aus den Klassenzimmern zu verbannen. Dieser Beitrag erschien im Juni 2023 in der Zeitschrift “The Atlantic” und wird hier in gekürzter Form publiziert. Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Seaman.

Im Mai 2019 wurde ich eingeladen, an meiner alten High School in Scarsdale, New York, einen Vortrag zu halten. Vor diesem traf ich mich mit dem Schulleiter und seinen wichtigsten Verwaltungsmitarbeitern. Ich erfuhr, dass die Schule – wie die meisten High Schools in Amerika – mit einem starken Anstieg psychischer Erkrankungen unter ihren Schülern zu kämpfen hatte. Die Hauptdiagnosen waren Depressionen und Angststörungen, einschliesslich einer zunehmenden Zahl von Selbstverletzungen; Mädchen waren besonders gefährdet. Mir wurde gesagt, dass die psychischen Probleme bereits bei der Ankunft der Schüler in der neunten Klasse vorhanden wären. Als sie aus der Mittelschule kamen, waren viele Schüler bereits ängstlich und depressiv. Viele waren auch schon nach ihren Handys süchtig.

Gastautor Jonathan Haidt

Zehn Monate später wurde ich eingeladen, an der Scarsdale Middle School einen Vortrag zu halten. Auch dort hörte ich das Gleiche: Die Probleme mit der psychischen Gesundheit hatten sich in letzter Zeit stark verschlimmert. Schon als die Schüler aus der Grundschule in die sechste Klasse kamen, waren viele von ihnen ängstlich und depressiv. Und viele waren bereits süchtig nach ihren Handys.

Schwindende psychische Gesundheit

Für die Lehrer und Verwaltungsangestellten, mit denen ich sprach, war dies kein Zufall. Sie sahen eindeutige Zusammenhänge zwischen der zunehmenden Handysucht und der schwindenden psychischen Gesundheit, ganz zu schweigen von sinkenden schulischen Leistungen. Ein gemeinsames Thema in meinen Gesprächen mit ihnen war: Wir alle hassen Handys. Es war ein ständiger Kampf, die Schüler während des Unterrichts vom Handy fernzuhalten. Die Aufmerksamkeit der Schüler zu erlangen, war noch schwieriger, weil sie permanent abgelenkt und von Natur aus ablenkbar schienen. Dramen, Konflikte, Mobbing und Skandale spielten sich während des Schultages ständig auf Plattformen ab, auf die das Personal keinen Zugriff hatte. Ich fragte, warum sie die Handys während der Schulzeit nicht einfach verbieten konnten. Sie sagten, zu viele Eltern wären verärgert, wenn sie ihre Kinder während des Schultages nicht erreichen könnten.

Seit 2019 hat sich viel verändert. Die Argumente für handyfreie Schulen sind jetzt viel stärker. Wie Zach Rausch und ich dokumentiert haben, haben sich die Beweise für eine internationale Epidemie psychischer Erkrankungen, die um 2012 begann, vermehrt.

Ebenso wie Beweise dafür, dass diese Erkrankungen zum Teil durch die sozialen Netzwerke und den plötzlichen Umstieg auf Smartphones in den frühen 2010er-Jahren verursacht wurden. Viele Eltern erkennen jetzt die Abhängigkeit und Ablenkung, die diese Geräte bei ihren eigenen Kindern verursachen; die meisten von uns haben erschütternde Geschichten über selbst­destruktives Verhalten oder gar Selbstmordversuche bei den Kindern unserer Freunde gehört. Kürzlich hat der Sanitätsinspektor der Vereinigten Staaten eine Warnung ­herausgegeben, dass Social Media “ein tiefgreifendes Risiko für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen darstellen können”.

 

“Sollten wir den Schultag handyfrei machen? Würde dies die Zahl der Depressionen, Ängste und Selbstverletzungen verringern? Würden sich dadurch die Bildungsergebnisse verbessern?”

 

Wir haben nun auch mehr Präzedenzfälle: viele weitere Beispiele von Schulen, die während des Schultages völlig telefonfrei geworden sind. Für Eltern und Pädagogen ist nun die Zeit gekommen, sich zu fragen: Sollten wir den Schultag handyfrei machen? Würde dies die Zahl der Depressionen, Ängste und Selbstverletzungen verringern? Würden sich dadurch die Bildungsergebnisse verbessern? Ich glaube, dass die Antwort auf all diese Fragen “Ja” lautet.

Was Handys Kindern in der Schule antun

Denken Sie einmal darüber nach, wie schwer es für Sie ist, bei der Arbeit am Computer bei der Sache zu bleiben und einen Gedankengang aufrechtzuerhalten. E-Mails, SMS und Benachrichtigungen aller Art bieten Ihnen ständig die Möglichkeit, etwas zu tun, das einfacher ist und mehr Spass macht als das, was Sie gerade tun. Wenn Sie älter als 25 Jahre alt sind, haben Sie einen voll ausgereiften Frontalkortex, der Ihnen hilft, Versuchungen zu widerstehen und sich zu konzentrieren, und dennoch haben Sie wahrscheinlich immer noch Schwierigkeiten, dies zu tun. Stellen Sie sich nun ein Telefon in der Hosentasche eines Kindes vor, das alle paar Minuten mit der Aufforderung brummt, etwas anderes zu tun, als aufzupassen. Das Kind hat keinen reifen Frontalkortex, der ihm hilft, bei der Sache zu bleiben.

Unabhängig von den Regeln, die eine Schule dagegen aufstellt, haben viele Studien ergeben, dass Schüler während des Unterrichts häufig auf ihr Handy schauen und, wenn es ihnen möglich ist, SMS empfangen und versenden. Ihre Konzentration wird oft und leicht von Unterbrechungen durch ihre Geräte gestört. In einer Studie aus dem Jahr 2016 gaben 97 Prozent der Studenten an, dass sie ihre Telefone während des Unterrichts manchmal für andere Zwecke als für den Unterricht nutzen. Fast 60 Prozent der Studenten verbrachten demnach mehr als 10 Prozent der Unterrichtszeit an ihrem Handy, meist mit SMS. Viele Studien zeigen, dass Schüler, die ihr Handy während des Unterrichts benutzen, weniger lernen und schlechtere Noten erhalten.

 

“Alle Kinder verdienen Schulen, die ihnen helfen zu lernen, feste Freundschaften zu pflegen und sich zu geistig gesunden jungen Erwachsenen zu entwickeln. Alle Kinder ver­dienen eine Schule ohne Telefon.”

 

Sie werden vielleicht denken, dass es sich hierbei um korrelative Ergebnisse handelt – vielleicht sind die intelligenteren Schüler einfach besser in der Lage, der Versuchung zu widerstehen? Vielleicht, aber Experimente mit zufälliger Zuweisung zeigen auch, dass die Benutzung eines Telefons oder der blosse Anblick eines Telefons oder der Empfang einer Benachrichtigung die Schüler zu schlechteren Leistungen veranlasst.

Aber Smartphones lenken die Schüler nicht nur von der Schule ab, sondern auch voneinander. Eine Weise, wie Telefone unseren Beziehungen schaden, ist das “Phubbing” (eine Abkürzung für “Phone Snubbing”), wenn eine Person ein Gespräch unterbricht, um auf ihren Bildschirm zu schauen. Untersuchungen zeigen, dass dies die Intimität und die wahrgenommene Qualität sozialer Interaktionen beeinträchtigt. Es überrascht nicht, dass Menschen, die am stärksten von ihren Smartphones abhängig sind, auch die grössten Phubber sind, was erklären könnte, warum Menschen, die Telefone und/oder soziale Medien am intensivsten nutzen, auch am deprimiertesten und am einsamsten sind.

Vergegenwärtigen Sie sich die Worte der MIT-Professorin Sherry Turkle: Wegen unserer Telefone “sind wir für immer woanders”, schreibt sie in ihrem Buch “Reclaiming Conversation”. Wenn wir wollen, dass Kinder präsent sind, gut lernen, Freunde finden und sich in der Schule wohlfühlen, sollten wir Smartphones und soziale Medien so lange wie möglich aus dem Schulalltag heraushalten.

Was bedeutet “telefonfrei”?

Nach Angaben des National Center for Education Statistics galten 2020 in 77 Prozent der US-Schulen Handyverbote. Aber diese hohe Zahl scheint sich auf eine sehr niedrige Messlatte zu beziehen: Sie schliesst jede Schule ein, die den Schülern sagt, dass sie ihre Telefone während des Unterrichts nicht benutzen dürfen – es sei denn, sie werden für den Unterricht verwendet. Das ist nicht wirklich ein Verbot, eher ein nicht durchsetzbarer Wunsch. Eine solche Politik garantiert Streit zwischen Lehrern und Schülern und sie bedeutet, dass es besonders in den Klassen, in denen der Lehrer vom endlosen Spiel der Handykontrolle müde geworden ist, immer Kinder gibt, die auf ihre Telefone schauen, die in ihrem Schoss oder in ihren Büchern versteckt sind. Solange manche Kinder während des Schultages posten und simsen, erhöht sich der Druck auf alle anderen, ihre Handys während des Schultages zu checken. Niemand möchte der Letzte sein, der weiss, worüber alle anderen texten.

Andere Länder sind den USA in der Telefonpolitik voraus. Frankreich hat 2018 die Verwendung von Mobiltelefonen auf dem Schulgelände bis zur neunten Klasse verboten (obwohl das Gesetz den Schülern erlaubt, ihre Telefone in ihren Taschen oder Rucksäcken aufzubewahren, so dass die Schüler ihre Telefone immer noch heimlich benutzen). Im australischen Bundesstaat New South Wales wurde die Nutzung von Mobiltelefonen in Grundschulen verboten und wird bald auch in weiterführenden Schulen verboten werden, wobei die Schulen selbst entscheiden können, wie sie die Verbote umsetzen.

 

“Andere Länder sind den USA in der Telefonpolitik voraus. Frankreich hat 2018 die Verwendung von ­Mobiltelefonen auf dem Schulgelände bis zur neunten Klasse ver­boten.”

 

Mehr amerikanische Schulen – oder eher alle Schulen – sollten sich zu genuin handyfreien Zonen entwickeln. Wie würde das in der Praxis aussehen? Ich denke, es ist hilfreich, sich Telefonbeschränkungen auf einer Skala von 1 bis 5 wie folgt vorzustellen:

Stufe 1:

Die Schüler können ihre Telefone während des Unterrichts herausnehmen, aber nur, um sie für den Unterricht zu benutzen.

Stufe 2:

Die Schüler können ihre Telefone behalten, dürfen sie aber während des Unterrichts nicht aus ihren Taschen oder Rucksäcken nehmen.

Stufe 3:

Die Schüler legen ihre Handys zu Beginn jeder Unterrichtsstunde in eine Wandtasche oder ein Ablagefach und nehmen sie am Ende der Stunde wieder heraus.

Diese drei Stufen scheinen die am häufigsten von amerikanischen Schulen verwendeten zu sein. Ich glaube, dass die ersten beiden nahezu nutzlos sind. Viele Schüler haben nicht die Impulskontrolle, um sich selbst davon abzuhalten, ihr Handy während des Unterrichts zu überprüfen, wenn es in Reichweite ist. Stufe 3 ist etwas besser für das Lernen, weil sie das Telefon aus der Tasche holt, aber ihre Auswirkungen auf das soziale Leben in der Schule könnten schlechter sein: Ein wahrscheinliches Ergebnis dieser Praxis könnte sein, dass die Schüler die Zeit zwischen den Unterrichtsstunden damit verbringen, schweigend auf ihr Handy zu schauen, um den Kick zu erhalten, der ihnen im Schulzimmer 50 Minuten lang verwehrt wurde. Wenn sie sich dann mit Freunden unterhalten, schenken sie diesen nur einen Bruchteil ihrer vollen Aufmerksamkeit.

Gehen wir also weiter:

Stufe 4:

Abschliessbare Taschen (wie die des Herstellers Yondr). Die Schüler müssen ihr Telefon bei der Ankunft in der Schule in ihre persönliche Tasche legen, die dann mit einem Magnetstift verschlossen wird (wie die Diebstahlsicherungsetiketten in Bekleidungsgeschäften). Die Schüler behalten die Tasche bei sich, können sie aber erst am Ende des Schultages entsperren, wenn sie Zugang zu einem magnetischen Entsperrungsgerät erhalten.

Stufe 5:

Handy-Schliessfächer. Die Schüler schliessen ihre Handys bei ihrer Ankunft in der Schule in ein sicheres Fach mit vielen kleinen Fächern ein. Sie behalten ihren Schlüssel und erhalten erst wieder Zugang zu den Handy-Schliessfächern, wenn sie die Schule verlassen.

Durch diese beiden Praktiken verstösst jeder Schüler, der während des Schultages mit einem Telefon erwischt wird, eindeutig gegen die Richtlinien. Dies sind die einzigen beiden Massnahmen, die zu telefonfreien Schulen führen können und am ehesten erhebliche Vorteile in Bezug auf Bildung, Soziales und psychische Gesundheit bringen, da sie die einzigen Ansätze sind, die den Schülern sechs oder sieben Stunden pro Tag Zeit ohne ihr Telefon gewähren.

Eine Schule, in der es keine Handys mehr gibt, müsste sich immer noch überlegen, was sie mit Laptops, Tablets und Computern im Klassenzimmer macht. Die Schüler würden sicherlich jedes internetfähige Gerät nutzen, um Textnachrichten zu versenden und zu empfangen und um ihre Social-Media-Konten zu erreichen. Letztes Jahr habe ich alle Bildschirme – sogar Laptops für Notizen – aus allen meinen Universitätskursen verbannt, und am Ende jedes Semesters waren sich die Studenten einig, dass dies den Unterricht für sie verbessert habe. Aber auch ohne ein Laptop-Verbot sind diese grösseren Geräte leichter zu handhaben und stören nicht so sehr wie Smartphones die sozialen Interaktionen ausserhalb des Unterrichts.

 

“Eine Schule, in der es keine Handys mehr gibt, müsste sich immer noch überlegen, was sie mit Laptops, Tablets und Computern im Klassenzimmer macht. Die Schüler würden sicherlich jedes internetfähige Gerät nutzen, um Textnachrichten zu versenden und zu empfangen und um ihre Social-Media-Konten zu erreichen.”

 

Wie Eltern die Vorteile verstärken können

Kommunikation ist grundsätzlich eine gute Sache. Als Mobiltelefone in den 1990er-Jahren aufkamen, wurden sie von Millennials mit Begeisterung angenommen. Diese Telefone werden heute als “Klapphandys” oder “Dumbphones” bezeichnet, weil sie keinen Internetbrowser oder internetfähige Apps hatten. Man könnte sie auch als “Kommunikationstelefone” bezeichnen, denn sie wurden entwickelt, um die Kommunikation mit anderen Menschen zu erleichtern. Und genau dafür haben die Millennials sie benutzt: um ihre Freunde anzurufen und ihnen SMS zu schicken, oft um zu besprechen, wie und wann sie sich persönlich treffen können. Als die Millennials Teenager waren, war ihre psychische Gesundheit gut – etwas besser als die der Generation X vor ihnen und viel besser als die der Generation Z nach ihnen (wie Jean Twenge in ihrem neuen Buch «Generations» schreibt). Dumbphones sind hilfreich, nicht schädlich.

Smartphones sind da ganz anders. Sie können für die Kommunikation genutzt werden, aber sie haben tausend andere Anwendungen, von denen viele sorgfältig entwickelt wurden, um die Aufmerksamkeit eines Kindes zu gewinnen und zu halten. Ich halte es für unklug und unnötig, Kindern Smartphones als erste Telefone zu geben. Wenn die meisten Eltern ihrem Kind erst in der Oberstufe ein Smartphone geben und bis dahin nur Dumbphones zur Verfügung stellen würden, würde dies die Vorteile der Telefonsperre in den Schulen verstärken.

Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien auf mindestens 16 Jahre anheben

Wir sind nicht hilflos, denn die Krise der psychischen Gesundheit von Teenagern schreitet voran, und die Zahl der Depressionen, Angstzustände und Selbstverletzungen nimmt weiter zu. Es wäre grossartig, wenn Social-Media-Plattformen ihr eigenes Mindestalter von 13 Jahren für die Eröffnung von Konten durchsetzen würden, aber alles deutet darauf hin, dass sie dies nicht tun werden, es sei denn, sie werden von der Politik dazu gezwungen. Es wäre grossartig, wenn der US-Kongress sie dazu zwingen würde, und in der Tat werden derzeit mehrere entsprechende Gesetzesentwürfe geprüft. Noch besser wäre es, wenn das Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien auf mindestens 16 Jahre angehoben würde. Die Lösungen für diese Krise sind breit gefächert, und einige müssen möglicherweise den Staat einbeziehen.

 

“Die Krise der psychischen Gesundheit von Teenagern schreitet voran, und die Zahl der Depressionen, Angstzustände und Selbstverletzungen nimmt weiter zu.”

 

“Es hat mir sehr geholfen”, sagte eine Schülerin der San Mateo High School in Kalifornien gegenüber NBC News, nachdem ihre Schule abschliessbare Taschen eingeführt hatte. “Vorher habe ich mich immer an der Seite meines Tisches zusammengerollt, mein Handy gecheckt und allen geschrieben. Aber jetzt gibt es für uns nichts mehr, was wir anschauen oder tun können, ausser mit unserem Lehrer zu reden oder aufzupassen.”

Alle Kinder verdienen Schulen, die ihnen helfen zu lernen, feste Freundschaften zu pflegen und sich zu geistig gesunden jungen Erwachsenen zu entwickeln. Alle Kinder verdienen eine Schule ohne Telefon.

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschift “Der Monat” erschienen

Verwandte Artikel

Heinrich Pestalozzi – Pionier der politischen Pädagogik

Ist Pestalozzi in Vergessenheit geraten oder passt er nicht mehr zu unserem Zeitgeist? Hat er uns nichts mehr zu sagen? Haben wir alle seine Hausaufgaben gelöst? Ist die revisionistische Geschichtsschreibung in den pädagogischen Elfenbeintürmen, die neben Pestalozzi u.a. auch die „unwissenschaftlichen“ Lehrerseminare angreift, mehr als blosse Selbsterhöhung? Peter Aebersold sucht die Antworten.

In der Gestaltungsfreiheit der Lehrerinnen und Lehrer liegt der Schlüssel zum Schulerfolg

Condorcet-Auto Hanspeter Amstutz, mittlerweile pensionierter Volksschullehrer aus dem Kanton Zürich, Mitbegründer der Starken Volksschule Kanton Zürich, arbeitet seit Jahrzehnten daran, die Schule gegen unsinnige Reformen zu verteidigen und sie somit wieder auf die Füsse zu stellen. Alle zwei Wochen geben er und seine Mitstreiter eine Sammlung interessanter Bildungsartikel aus der schweizerischen Presslandschaft heraus. Diese werden jeweils mit einem Newsletter angekündigt. Wir weisen immer auf diesen Newsletter in unserem Lila-Kasten “Unsere Starken” hin. Für einmal aber wollen wir Ihnen, liebe Condorcet-Leserinnen und -Leser, den Newsletter als Condorcet-Beitrag in der ganzen Länge zur Verfügung stellen. Es ist unser Obulus an die einmalige Schaffenskraft dieses Pädagogen und Menschenfreundes, aber auch eine Anerkennung an die Leistung seiner Mitstreiter. Einige der vorgestellten Artikel finden Sie auch auf unserem Blog, die anderen können auf der Webseite der “Starken Schule Zürich” heruntergeladen werden.

3 Kommentare

  1. Konzentrationsfähigkeit ist ein Schlüssel zum Schulerfolg. Wer sich über eine längere Zeit auf eine Sache konzentrieren kann, kommt voran. Doch nun wächst eine Schülergeneration heran, welche einem Trommelfeuer an Informationen aus unzähligen Kanälen ausgesetzt ist, wie dies im Verlauf der Geschichte der Menschheit noch nie der Fall war.

    Wenn Schüler in ihrer Freizeit täglich fünf und mehr Stunden vor den Bildschirmen diverser digitaler Geräte verbringen, hinterlässt dies deutliche Spuren. Sie sind im Modus der Dauererwartung von Nachrichten im Netz, Buben sind im Sog von Belohnungsketten der Computerspiele und manche holen sich übelste Informationen über das Weltgeschehen aus dem Netz. Wo zuhause wenig erzieherische Kontrolle besteht, leiden Jugendliche oft an Schlafmangel und gehen erschöpft in die Schule.

    Unsere ganze Gesellschaft ist gefordert, pädagogische Gegenmassnahmen zu treffen. Viele Eltern haben längst kapituliert und den Mut verloren, den Umgang ihrer Kinder mit den Handys klar zu regeln. Die schönen Ratschläge aus Elternzeitschriften erreichen meist nur diejenigen Eltern, die sich ohnehin kritisch mit dem Gebrauch moderner Medien auseinandersetzen. Doch es sind noch zu wenige, um eine starke Bewegung auszulösen.

    Bekanntlich kann man gesellschaftliche Probleme nicht lösen, indem man der Schule die Reparatur überlässt. Doch bei einem Handyverbot an Schulen könnte ohne grossen Aufwand ein starkes Zeichen mit grosser Wirkung erzielt werden. Mit dieser Massnahme erhalten Kinder und Jugendliche eine Schutzzone, die sie für eine gesunde psychische Entwicklung dringend benötigen. Sind die Schülerhandys während eines Schultags verschlossen deponiert, erleben Teenager das reale Geschehen im Unterricht und in den Schulpausen wieder unmittelbarer. Das Denken dreht sich nicht mehr um neue Meldungen aus dem Netz, sondern um das dynamische Miteinander beim Lernen im Klassenverband oder um lebendige Diskussionen in der Pausengruppe.

    Noch vor wenigen Jahren erregten Versuche mit einem Handyverbot an Schulen bei fortschrittlich denkenden Menschen Kopfschütteln. Doch der Wind hat sich unterdessen gedreht. Wer die stürmische Entwicklung im Kommunikationsbereich mitverfolgt hat, wird die Gefahren für junge Menschen nicht länger wegwischen können. Zunehmende Aufmerksamkeitsdefizite in längeren Lernphasen können milde Formen, Erschöpfungszustände gravierendere Auswirkungen eines digitalen Suchtverhaltens sein. Eine handyfreie Schule signalisiert der Gesellschaft, dass sich ein Schulteam verantwortungsbewusst für die psychische Gesundheit der Jugend einsetzt. Anerkannt gute Schulen mit einer Kultur des ermutigenden Lernens haben nichts zu befürchten, wenn sie für einmal mit einem Verbot einen pädagogischen Meilenstein setzen.

  2. Handyfreie Schulen sind sehr zu begrüssen. Viele Kinder sind bereits in der Grundschule handy- bzw. gamesüchtig. Die Zeit, welche die Kinder ohne ihre Handys in der Schule zubringen müssen, ist deutlich geringer als die übrige Zeit der privaten Handynutzung. Vergleiche ich das mit einem starken Raucher, der während des gesamten Vormittags nicht rauchen darf, wirken sich Entzugserscheinungen sehr rasch aus: Fahrigkeit, Nervösität, Aggressivität, Unfähigkeit zur Konzentration. Also geht das einem Grossteil der Schülerinnen und Schüler bereits in der Grundschule so. Viele Symptome, die uns Lehrkräfte dann zu Abklärungen beim SPD bewegen, könnten auch auf die Auswirkungen des Handyentzugs zurückgeführt werden. Prävention beginnt im Elternhaus und kann durch die Schule nur partiell unterstützt werden.

  3. Gute Analyse – klare Schlüsse. Der Schaden, den diese “Kasterl” anrichten, ist offenbar gewaltig.
    Eine kleine Korrektur: Schon seit längerem versenden und empfangen Kids keine SMS mehr…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert