3. März 2024

Ein Roboter als Klassenkamerad

Die kleinen Geräte mit Kamera und Mikrofon bringen den Unterricht aus dem Klassenzimmer ins Kinderzimmer. Wie die Roboter länger erkrankten Schülerinnen und Schülern helfen können, beschreibt Gastautorin Ariane Lindenbach im nachfolgenden Beitrag.

Er ist nicht besonders groß, wie ein sitzender Dackel vielleicht, und mit seiner weißen Plastikhülle eher unscheinbar. Und dennoch ist der Avatar AV I eine große Unterstützung und wohl in den jeweiligen Klassenzimmern derzeit die Attraktion. Denn die mit Kamera und Mikrofon ausgestatteten Avatare ermöglichen es Schülerinnen und Schülern, die krankheitsbedingt lange fehlen, von Zuhause oder dem Krankenhaus aus aktiv am Unterricht teilzunehmen und mit ihren Mitschülern zu kommunizieren. Dank des kleinen weißen Roboters bleiben sie so Teil der Klassengemeinschaft, auch wenn sie über Monate oder sogar ein ganzes Schuljahr ausfallen.

Mehr als nur eine optische und akustische Verbindung

“Sprechen kann er auch, er kann auch mit dem Nachbarn flüstern”, erzählt Uli Rödl. Er leitet das Medienzentrum für Schule und Bildung und hat die beiden Avatare angeschafft. Das Medienzentrum ist eine Einrichtung des Landkreises Fürstenfeldbruck und hat die Aufgabe, sämtliche Schulen mit Medien aus dem Bildungsbereich zu versorgen. Wie Rödl unterstreicht, können die Roboter noch viel mehr, als nur eine akustische und einseitig optische Verbindung zwischen zwei beliebig weit voneinander entfernten Personen herzustellen: “Er kann sich auch melden, dann leuchtet oben am Kopf ein blaues Licht. Und er kann auch Emotionen zeigen über die Augen.”

250 Avatare für rund 1500 betroffene Schulkinder

Der AV I ist ein so genannter Telepräsenz-Roboter, da er die Anwesenheit – in diesem Fall im Unterricht – einer abwesenden Person ermöglicht. Mittels Kamera, Mikrofon und der weiteren technischen Ausstattung zur Datenübertragung übermittelt der AV I Bilder und Geräusche live aus dem Klassenzimmer auf ein iPad mit spezieller App, das im Besitz des erkrankten Kindes ist; dieses bedient den Avatar. Das Medienzentrum verleiht beides als Gesamtpaket. Die betroffenen Familien müssen sich an den Kosten nicht beteiligen. In ganz Deutschland gibt es mehr als 250 AV I der norwegischen Firma “No Isolation”, weltweit knapp 2000. Im Jahr 2020 nutzten ihn deutschlandweit etwa 1500 Schulkinder. Wie groß der Bedarf im Landkreis bei den 25 000 Schülern ist, kann Rödl aktuell nicht abschätzen – bei längeren Erkrankungen sind Prognosen ohnehin schwierig.

Schnupperangebot zum Austesten

Vor der Anschaffung der Avatare hatte der Leiter des Medienzentrums bei den Schulen nach längeren krankheitsbedingten Ausfällen gefragt. 80 Prozent hatten damit bereits Erfahrungen. Aktuell weiß Rödl allerdings nicht, wie lange die beiden Avatare von ihren jetzigen Nutzern benötigt werden. Ohnehin seien sie eher als eine Art Schnupperangebot für die Schulen gedacht, erläutert er den Ansatz des Medienzentrums. Sollten die Schulen beim Ausprobieren feststellen, dass sie auch so einen Roboter gebrauchen könnten, müssen sie ihn selbst anschaffen. Der AV I samt iPad kostet 3500 Euro sowie jährlich 1000 Euro für den technischen Support.

“Die Mitschüler haben den Avatar gleich ins Herz geschlossen”

Jedenfalls ermöglicht der 2016 auf den Markt gekommene Avatar eine ganz neue Form des Schulbesuchs für kranke Schülerinnen und Schüler. Und das ist sehr erfreulich, haben die Pandemiejahre doch gezeigt, wie wichtig der Schulbesuch nicht nur für die Wissensvermittlung ist, sondern mindestens in gleichem Maß auch für die soziale und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. “Wir sind begeistert, dass wir die Möglichkeit erhalten haben, diesen Avatar auszuleihen”, schreibt die Rektorin der Philipp-Weiß-Grundschule. “Das Kind, das die Schule im Moment leider nicht besuchen kann, bekommt so den Unterricht zeitgleich und aus erster Hand mit. Der Schüler steht in direktem Austausch mit der Lehrkraft und den Mitschülern, kann Fragen stellen und aktiv am Unterricht teilnehmen. Er bleibt in der Klassengemeinschaft integriert. Auch die Mitschüler haben den Avatar gleich ins Herz geschlossen und gehen ganz selbstverständlich damit um.”

Hersteller: “Deutliche Verbesserung des Wohlbefindens”

Dank AV I bleiben langzeiterkrankte Schülerinnen und Schüler in regelmäßigem Kontakt mit ihrer Klasse, im Idealfall nehmen sie wie alle anderen am gesamten Unterricht teil – nur eben nicht in physischer Präsenz. Über den Avatar können sie sehen, sprechen und mit ihren Mitschülern interagieren. Laut dem Hersteller No Isolation zeigen die Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer, “dass eine ansprechbare ,physische Präsenz’ in der Schule in Form unseres Avatars zu einer deutlichen Verbesserung des Wohlbefindens führt”. Das wiederum unterstütze den Genesungsprozess und helfe dabei, dass die Abwesenden in aller Regel schneller wieder in ihre Klassengemeinschaft zurückkehren könnten. Überhaupt, so zeigen erste Studien, erleichtert der Avatar seinen Nutzern nach einer langen Phase der Abwesenheit die Rückkehr in ihre Klasse.

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Im Kanton Basel-Stadt hat ein Komitée von Lehrpersonen eine Initiative zur Einführung von Förderklassen eingereicht. Die Integration aller Schülerinnen und Schüler werde von immer mehr Lehrkräften in Frage gestellt. Mit dabei unser Condorcet-Autor und ehemaliger SP-Parteipräsident der Stadt Basel, Roland Stark. Der Bericht von Gastautor Michael Zollinger ist in der Zeitschrift “profil” erschienen, dem Magazin der Schulverlag plus AG.

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