29. November 2022

Die Fakten der Madame Le Pape Racine

Frau Le Pape Racine, eine glühende Anhängerin des Frühfranzösisch und Promotorin der wunderbaren Passepartout-Lehrmittelreihe, ärgerte sich fürchterlich über einen Artikel unseres Condorcet-Autors Alain Pichard in der lokalen Zeitschrift Biel-Bienne. Auf seinen Artikel, der auch im Blog aufgeschaltet ist (https://condorcet.ch/2022/10/fruehfranzoesisch-ein-amoklauf-im-bildungspolitischen-zentralmassiv/) reagierte sie mit einem langen Leserbrief. Bei einigen Aussagen lohnt es sich, den Faktencheck zu machen. Unser Condorcet-Autor Urs Kalberer hat dies übernommen.

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Frau Christine Le Pape Racine wirft Alain Pichard in ihrem Leserbrief “Besessenheit” vor und spricht von einigen “Ungenauigkeiten” in dessen Artikel. Unter anderem schrieb sie:

“Es gab wenige, keine zahlreichen Studien, die versuchten zu belegen, dass ein früher Fremdsprachenbeginn im fremdsprachlichen Können keinen nennenswerten Effekt haben würde. Es gibt hingegen national und interntional unzählige Studien, die den Nutzen aus verschiedenen Gesichtspunkten aufzeigen.”

Die Formulierung “die den Nutzen aus verschiedenen Gesichtspunkten aufzeigen” ist bewusst nebulös und soll verwedeln, was Fakt ist. Denn unabhängig, was Frau Le Pape Racine an “verschiedenen Gesichtspunkten” ins Feld führt, ist es eine Tatsache, dass es keine Studie gibt, die den Nutzen eines frühen Fremdsprachenbeginns belegt.

Wir helfen der Dame ein wenig auf die Sprünge. Hier sind alle bekannten Studien aufgeführt, die sich dieser Thematik angenommen haben.

Frühfranzösisch und Passepartout: ein kolossaler Flop

Vor 1998

Oller JW & Nagato N (1974) ‘The long-term effect of FLES: an experiment’ in: The Modern Language Journal 58 / 1: 15-19 „ … ältere Beginner können in fünf Jahren so viel lernen wie jüngere in elf Jahren.“

  • Burstall C, Jamieson M, Cohen S & Hargreaves, M (1974) Primary French in the balance Windsor: NFER. Die Leistungen der älteren Lerner waren durchgängig signifikant höher. Diese Langzeitstudie an 17’000 Schülern hatte zur Folge, dass das Programm zum frühen Fremdsprachenlernen an Schulen in England und Wales beendet wurde.
  • Singleton D (1989) Language acquisition: the age factor Clevedon: Multilingual Matters „Die Datenlage nach Vorteilen für jüngere Schüler in einem formalen Kontext ist extrem schwach.“
  • Spada N & Lightbown PM (1989) ‘Intensive ESL programs in Quebec primary schools’ in: TESL Candada Journal 7/1: 11-32

1998 – Gesamtsprachenkonzept. Der Einfluss der Neurologie wurde massiv überschätzt. Ausserdem wurde nicht differenziert, ob der Spracherwerb naturalistisch im fremden Sprachgebiet oder in der Schule geschieht.

  • Lightbown PM (2000) ‘Classroom second language acquisition research and second language teaching’ in: Applied Linguistics 21 / 4: 431-462 „ … das Alter, in dem der Unterricht beginnt, ist weniger wichtig als die Intensität des Unterrichts und der fortgesetzte Kontakt mit der Fremdsprache.“
  • Marinova-Todd SH, Bradford SH & Snow CE (2000) ‘Three misconceptions about age and L2 learning’ in TESOL Quarterly 34/1: 9-34 „ … die Qualität des Unterrichts, die Motivation der Schüler und die Sprachumgebung sind wichtigere Faktoren im L2-Erwerb als der Zeitpunkt des Beginns des L2-Unterrichts“
  • Singleton D (2001) Age and second language acquisition. „Die Vorstellung, die altersmässigen Unterschiede beim L2-Erwerb seien nur neurologisch bedingt und verliefen in zeitmässig genau abgesteckten Grenzen … wird je länger je unglaubhafter.
  • Cenoz J (2002) ‘Age differences in foreign language learning’ in: International Review of Applied Linguistics 135-136: 125-142 „ … Schüler, welche Englisch in der 6. Klasse begonnen haben, können nach sechs Jahren besser Englisch als Schüler, welche genau gleich viele Lektionen Englisch besuchten, aber in der 3. Klasse begonnen haben.“
  • Singleton D & Ryan L (2004) (2nd Ed) Language acquisition: the age factor Clevedon: Multilingual Matters „… bei gleicher Anzahl Lektionen übertreffen die Leistungen der älteren Beginner diejenigen der jüngeren Beginner signifikant.“

 

2004 – Beschluss Einführung Frühfremdsprachen

  • Kalberer U (2005) ‘Lernt man jünger wirklich besser?’ in: Neue Zürcher Zeitung 21. 6. 2005
  • Munoz C (ed) (2006) Age and the rate of foreign language learning Clevedon: Multilingual Matters.
  • Barcelona Age Factor Project. Lief während mehr als 20 Jahren und lieferte viele Einsichten zum optimalen Start des Fremdsprachenbeginns. Resultate:
    • Späteinsteiger übertreffen jüngere Einsteiger nach einer ähnlichen Anzahl von Unterrichtsstunden;
    • Unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten: jüngere Lernende langsamer, mit “beschleunigter Progression zwischen 11 und 13 Jahren, viel schneller als zwischen 14 und 16 Jahren″ (2006:31)
    • In schulischen Kontexten, in denen es kaum Möglichkeiten für implizites Lernen und Üben gibt, können ältere Lernende schneller eine weitere Sprache erwerben.
  • Kalberer U (2007) Rate of L2 Acquisition and the Influence of Instruction Time on Achievement. University of Manchester.

Aus Schweizer Sicht:

  • Amelia Lambelet, Raphael Berthele (2014) Alter und schulisches Fremdsprachenlernen : Stand der Forschung : Bericht des Wissenschaftlichen Kompetenzzentrums für Mehrsprachigkeit
  • Pfenninger, S. E. and D. Singleton. (2017). Beyond Age Effects in Instructional L2 Learning: Revisiting the Age Factor. Bristol: Multilingual Matters. ISBN: 9781783097616
  • Berthele, R. (2019). Policy recommendations for language learning: Linguists’ contributions between scholarly debates and pseudoscience. Journal of the European Second Language Association3(1), 1–11. DOI: http://doi.org/10.22599/jesla.50 

Fazit:

 24 Jahre nach Einführung des Gesamtsprachenkonzepts warten wir noch immer auf die erste Studie aus der Schweiz, die nachweist, dass sich der frühe Beginn ausgezahlt hat.

Frau Le Pape Racine flunkert.

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4 Kommentare

  1. “Flunkern” ist zu nett. Das ist indoktrinierend gelogen. Doch religiöse Eiferer haben noch immer Brände entfacht. Zum Glück stehen bei den Frühfremdsprachen genug Wassereimer bereit. Sie sind dazu gedacht solche aufflackernden Strohfeuer zu löschen und das Sprachbad zu ersetzen…

  2. Es ist schon deprimierend, wenn sich Fachhochschulen Dozierende leisten, die mit hartnäckiger Penetranz gegen alle Forschungsergebnisse im Irrtum verharren können und darüberhinaus von den autoritätsgläubigen Medien als Experten beigezogen werden, wo sie sich dann – wie im Falle Le Papes – mit ihren ziemlich wackligen Sprachkenntnissen erst noch unfreiwillig der Lächerlichkeit preisgeben.

  3. *alle bekannten Studien.
    Das stimmt nicht ganz, es handelt sich um eine Auswahl. Besonders empfehlenswert aus Schweizer Sicht sind die Studien von Berthele und Pfenninger.

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