18. August 2022

Was hat De Saussure mit dem Fremdsprachenerwerb zu tun?

Frau Barbara K. Müller und Condorcet-Autor Felix Schmutz liefern sich einen Diskurs über den Fremdsprachenerwerb. Eine Kontoverse im besten Condorcet-Geist.

Felix Schmutz, Baselland:
Ihr Standpunkt ist angesichts der riesigen Menge an Forschung schlicht nicht haltbar.

Liebe Frau Müller,

Gerne möchte ich auf Ihre im Kommentar geäusserte Kritik antworten

1. De Saussure kam zu meiner Studienzeit in allen Linguistik-Proseminaren vor, auch bei den Germanisten, denn De Saussure ist der Begründer des Strukturalismus, ja eigentlich der synchronen Sprachwissenschaft und der Semantik. Allerdings sind drei Begriffe wesentlich: langage (die menschliche Fähigkeit zur Sprache), langue (das abstrakte Einzelsprachensystem), parole (die reale sprachliche Äusserung) (vgl. z.B. Peter Ernst, Germanistische Sprachwissenschaft, UTB basics, 2004). In der Semantik schärfte Saussure den Blick für signifant und signifé, etc. Dass dies “im Deutschen ausgeblendet wird” ist schlicht nicht wahr. Allerdings haben sich Strukturalismus und Semantik natürlich weiterentwickelt. So schuf der heute hoch betagte Noam Chomsky in den 1950er Jahren die Begriffe Kompetenz (entspricht langage) und Performanz (entspricht parole), mit denen er die für die Computertechnologie entwickelte “Generative Transformationsgrammatik” erfand, mit deren Hilfe jede Sprache der Welt auf eine “Tiefenstruktur” zurückgeführt werden sollte, von der aus das Computerprogramm dann einen Text in jede beliebige andere Sprache (= Oberflächenstruktur) verwandeln konnte. Dies ist letztlich die Grundlage für die heutigen Übersetzungsprogramme.

Meine Frage an Sie ist nun lediglich: Was hat De Saussure mit dem Fremdsprachenerwerb und der entsprechenden Forschung zu tun?

  1. Sie setzen weiterhin den späteren Fremdsprachenerwerb mit dem frühen Erstsprachenerwerb gleich. Wie können Sie diese Behauptung aufrecht erhalten, wenn die Evidenz (Forschung wie Erfahrung) dagegen spricht? Ihr Standpunkt ist angesichts der riesigen Menge an Forschung schlicht nicht haltbar.
  2. Schon im nächsten Satz widersprechen Sie sich selbst. Die Laute werden offensichtlich mit dem Erstsprachenerwerb (die Forschung sagt: schon vor dem Sprechbeginn) gelernt. D.h. Schon die Lautung muss später anders gelernt werden. Gerade da zeigt sich die Sprachbegabung: Leute mit schauspielerischer Begabung können die “native speakers” fast perfekt nachahmen. So würden Sie meiner Frau nicht anhören, dass sie nicht Baslerin von Geburt ist, obwohl sie mit Zürcher Dialekt aufgewachsen ist und erst als Erwachsene in die Region gekommen ist. Bei anderen bleibt es bei einer “parole approximative”, die jedem verrät, welches seine Erstsprache ist, selbst wenn er Wortschatz und Grammatik sehr gut beherrschen sollte. Beispiel: Mein ehemaliger Englischprofessor in Basel, Rudolf Stamm, ein anerkannter Shakespeare-Forscher. Seine Vorlesungen waren Baseldeutsch mit englischen Wörtern und Strukturen, jeder Student und jede Studentin artikulierte idiomatischer!
  3. Der Test mit der Kunstsprache ist sinnvoll, weil er alle Probanden vor die gleiche experimentelle Situation stellt, keinem Erstprachigen einen Vorteil verschafft. Solche Tests werden auch zur Ermittlung der sprachlichen Intelligenz eingesetzt.
  4. Aus den Hypothesen zum Sprachenlernen lassen sich sehr wohl didaktische Ideen gewinnen, denn die Leute, die sie entwickelten, wählten jeweils einen Ansatzpunkt, der in gewissen Zusammenhängen durchaus fruchtbar sein konnte. So ist zum Beispiel das Task Based Language Teaching eine sehr effiziente Übungsform. Allerdings setzt sie andere Verstehens- und Übungsphasen voraus. Wenn sie, wie bei Passepartout viel zu früh eingesetzt wird, werden die Kinder überfordert und der Gewinn bleibt auf der Strecke. Falsch ist also lediglich, wenn eine Hypothese didaktisch verabsolutiert wird.
  5. Mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen mag kognitiv Begabten zunächst sehr einleuchten. Allerdings ist es sehr, sehr anspruchsvoll. Auch unsere Lehrer haben selbstverständlich auf Wort- oder Strukturverwandtschaften hingewiesen. Z.B. Der Englischlehrer: “She wanted us to burn the letter.” entspricht der lateinischen ACI-Kontruktion: “Ceterum censeo Carthaginem delendam esse.” Ob hingegen Primarschulkinder, die mit allerelementarsten Dingen kämpfen, schon wissen müssen, dass “gâteau” das fränkische “wastl” ist oder wie die Verneinung mit ne … pas in Suaheli gebildet wird, ist wohl stark übertrieben. Da muss erst noch jemand erklären, was das konkret für den Spracherwerb (das Sprechen der Fremdsprache) bringen soll. Im Übrigen ist vergleichende Sprachwissenschaft ein hochkomplexes Gebiet.

Mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen mag kognitiv Begabten zunächst sehr einleuchten. Allerdings ist es sehr, sehr anspruchsvoll.

  1. “Erfolgreich in Sprache zu sein, ist keine Begabung.” Das ist eine reine Behauptung, für die sie keinen wissenschaftlich fundierten Beleg anführen können. Allerdings gibt es genügend Evidenz für das Gegenteil: Siehe schon nur Punkt 3. Bei Berthele, Idry et al. können sie nachlesen, welche Faktoren in welchem Masse zum Erfolg beitragen und inwiefern auch Begabung hineinspielt.
  2. Der genetische Beitrag an die Fähigkeiten wird heute nicht mehr angezweifelt: So wie Körpergrösse, Augenfarbe, Krankheiten, etc. auf genetischen Anlagen und nichterblichen (erworbenen) Ursachen beruhen, trifft dies auch auf die Fähigkeiten zu: musikalisches Talent, sportliche Fähigkeiten, mathematischer Durchblick, Zeichentalent. Und natürlich trifft das auch auf die Eignung, Sprachen zu lernen zu. Wie hoch der jeweilige Anteil von Erbe und Umwelt (nature or nurture) ist, hängt von den Messverfahren und Berechnungen ab (vgl. Dieter E. Zimmer, Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung, 2012). Das heisst übrigens alles nicht, dass Kinder und Jugendliche nicht gefördert werden können, wenn sie nur mässige Begabung mitbringen. Das ist dann das didaktische Geschick der Lehrperson, das nötig ist, um die Betreffenden zu motivieren, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu entwickeln.
  3. Intelligenz und Sprachvermögen. Hier klingt für mich die Diskussion um die Sprachbarriere an: Je nach sozialem Status unterscheiden sich die Kinder bezüglich “restringiertem” und “elaborierten” Kode (Bernstein). Allerdings konnte gezeigt werden, dass die Kodes kein Indiz für Intelligenz darstellen. Kinder mit restringiertem Kode äussern sich situationsbezogen, knapp, mit Gesten und Verweisen, Kinder mit elaboriertem Kode äussern sich situationsunbhängiger, sie verpacken die Inhalte in komplexere sprachliche Gestalt. Beide können jedoch gedanklich dasselbe leisten. Plappern und Schweigen sind an und für sich auch noch kein Indiz für kognitive Fähigkeiten, sie sind zunächst Ausdruck von Intro- oder Extraversion: Beide können kognitiv stark oder schwach sein.

Mit freundlichen Grüssen

Felix Schmutz

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