25. Oktober 2021

Warum ich mich nicht aus Spass durchs Leben gendere

Jasmin Frey, Sozialpädagogin aus Basel, antwortet unserem Condorcet-Autor auf dessen Kritik an der Gendersprache (Gendersprache: Hundertprozentig korrekt, gerecht, aber seelenlos öde. 19.5.21). Die aktuelle Sprache ist für sie ausschliessend, das Neue fliessend, human und kreativ.

Jasmin Frey, Sozialpädagogin in Basel: Es geht nicht um Pedanterie, sondern um Empathie, Respekt und Gleichberechtigung.

Sprache lenkt unsere Wahrnehmung der Welt, sie konstruiert Realitäten, formt unser Bewusstsein. Dies belegen immer mehr Studien. Und sie beeinflusst in grossem Masse unsere Wahrnehmung der Geschlechter. Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden (Nennung der männlichen und weiblichen Form, zum Beispiel «Ingenieurinnen und Ingenieure» statt nur «Ingenieure»), schätzen die meisten befragten Kinder traditionell männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen.[1] In einer Welt, in der der nicht-behinderte, cis-hetero weisse Mann immer noch als Normalfall gilt, fühlen sich viele, die nicht in dieses Schema passen, ausgegrenzt, ausgeblendet, unsichtbar gemacht. Selbst Männer können durch eine Sprache, die überholte und zum Teil schädliche Geschlechterstereotypen reproduziert, unter Druck gesetzt werden. Das generische Maskulinum wird in der deutschen Sprache häufig verwendet mit dem Argument, Frauen seien mitgemeint. Ausserdem würde sich die Nennung von Männern und Frauen negativ auf die Lesbarkeit von Texten auswirken. Beides ist wissenschaftlich widerlegt.[2] Auch Sprache beeinflusst die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und wenn Frauen nicht explizit genannt werden, werden sie auch nicht mitgedacht. Das Spektrum der Geschlechter geht über Mann und Frau hinaus, auch non-binäre und intersex Menschen existieren in unserer Gesellschaft, obwohl sie im alltäglichen Sprachgebrauch kaum mitbedacht und angesprochen werden.

Die Schule ist der Ort, an dem ein Grossteil der Persönlichkeitsentwicklung stattfindet.

Kinder die nicht der Norm entsprechen, kommen unter Druck.

Gerade im Bereich von Schule und Bildung kann der gendersensiblen Sprache eine grosse Bedeutung beigemessen werden. Die Schule ist der Ort, an dem ein Grossteil der Persönlichkeitsentwicklung stattfindet. Dazu gehört die Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung. Sie ist aber auch ein Ort, an dem Jugendliche, die nicht der (cis-hetero) Norm entsprechen, die vorgeblich geschlechtsuntypische Verhaltensweisen zeigen oder gleichgeschlechtliche Eltern haben, Diskriminierungen und Gewalt ausgesetzt sind.

Das Verwenden der richtigen Pronomen für Transgenderpersonen ist Suizidprävention.

Wenn Schulen nicht in der Lage sind, Machtverhältnisse aufzubrechen, können eine Verinnerlichung von Abwertung, Rückzug, Depression und Selbstmord(versuche) die Folge sein. Das Verwenden der richtigen Pronomen für Transgenderpersonen ist Suizidprävention. So wichtig ist die Rolle, die Sprache und Geschlecht spielen. Nicole Kastirke und Jochem Kotthaus konstatieren, dass die Schule als Institution derzeit keinen besonders geeigneten Rahmen bietet, um diskriminierungs- und angstfrei eine gesunde sexuelle Identität zu entwickeln.[3]  Gerade wir Pädagog*innen können unseren Teil dazu beitragen, dies zu ändern.

Der Gender_gap, das Gender*sternchen, Binnen-I oder Doppelpunkt sind Möglichkeiten, Formulierungen inklusiver zu gestalten.

Es handelt sich um Vorschläge.

Eine gendersensible Sprache ist eine, die alle anspricht und sichtbar macht. Dabei geht es nicht um Pedanterie oder Perfektion, sondern um Empathie, Respekt und Gleichberechtigung. Sprache ist etwas Lebendiges, das sich verändert und entwickelt. Das gendergerechte Deutsch gibt es (noch) nicht, genauso wenig wie die gendergerechte Gesellschaft, in der es keine Diskriminierung und Marginalisierung gibt. Sie lässt sich auch nicht von heute auf morgen erfinden und umsetzen. Der Gender_gap, das Gender*sternchen, Binnen-I oder Doppelpunkt sind Möglichkeiten, Formulierungen inklusiver zu gestalten. Vielfach können gegenderte Bezeichnungen durch geschlechtsneutrale oder kreative Formulierungen ersetzt werden. Diese Option ist schliesslich als einzige auch barrierefrei, denn Sonderzeichen können für Screenreader, wie sie von Personen mit einer Sehbehinderung verwendet werden, ein Problem darstellen.

Alle Menschen, die eine Sprache sprechen und dadurch an ihr teilhaben, verändern sie. Die aktuelle Sprache ist exklusiv und benachteiligend. Das, finden viele, soll sich ändern. Ich versuche, wie viele andere Menschen, mich gendersensibel auszudrücken, um meinen Teil zur Sprachentwicklung beizutragen. Ich bin mir sehr bewusst, welchen Einfluss meine Ausdrucksweise auf die Kinder und Jugendlichen, mit denen ich arbeite, haben kann. Sie entscheidet, ob man mir vertraut, sich bei mir sicher, akzeptiert und ernstgenommen fühlt. Der Wandel hin zu einer inklusiveren Gesellschaft wird nicht durch Sprache allein bestimmt, doch sie ist ein nicht unbedeutender Teil davon.

So hat zum Beispiel bis jetzt niemand ernsthaft das Wort Menschin oder Mitgliederin einzuführen versucht. Hier wehren sich die Schreibenden gegen Missstände, die sie selbst erfunden haben.

Natürlich gibt es auch diejenigen, die solche Bemühungen zu anstrengend, radikal oder irritierend finden und sie gerne «den anderen» überlassen, während sie es sich auf dem Podium der eigenen Privilegien gemütlich machen. Die Kommentarspalten im Internet und die Kolumnen von Zeitungen sind voll von Männern, die sich persönlich angegriffen fühlen, wenn sich für einmal nicht alles nur an ihnen orientiert. Die sich gegen Exzesse wehren, die so nicht existieren. So hat zum Beispiel bis jetzt niemand ernsthaft das Wort Menschin oder Mitgliederin einzuführen versucht. Hier wehren sich die Schreibenden gegen Missstände, die sie selbst erfunden haben. Meine Hoffnung ist, dass auch sie sich trauen, ihre eigene Haltung kritisch zu hinterfragen und versuchen, die Welt aus anderen Perspektiven als der eigenen zu sehen. Dass sie zuhören und Raum geben, wenn andere von ihrer gelebten Realität erzählen. Dass sie positiver Veränderung doch zumindest nicht im Wege stehen, wenn sie schon nichts dazu beitragen möchten, weil ihnen das alles zu belanglos und pedantisch vorkommt und es ihrer Meinung nach dringendere Probleme gibt (um die sie sich freilich in aller Regel auch nicht kümmern möchten).

Abschliessen möchte ich mit einem Zitat der Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky:

Lera Borodytsky: Sprachliches Erbe hinterfragen.

„Ich hoffe, dass uns das Wissen darüber, wie Sprache unser Bewusstsein formt, die Möglichkeit eröffnet, unsere Gedanken und Wirklichkeiten stärker zu hinterfragen. Sie sind ja durch Sprache und Kultur konstruiert – und wir haben sie von unseren Vorfahren mitbekommen. Dieses Erbe sollten wir mehr hinterfragen, und nicht diesem ‚naiven Realismus‘ folgen, der besagt, dass alles, was ich erlebe – und wie ich es erlebe –, die wahre Wirklichkeit ist. Das würde nämlich bedeuten, dass alle anderen falsch liegen – und das ist nicht richtig. Ich hoffe, dass Menschen über Sprache und das Wissen darüber lernen und erfahren können, dass die Dinge anders sein können; dass sie sich öfter fragen, ob sie die Dinge nicht auch aus einer anderen Perspektive betrachten könnten, und dies dann auch tun, weil es sie verändern und die Welt für sie zu einem größeren Ort mit mehr Möglichkeiten machen wird.“[4]

In diesem Sinn wünsche ich allen Leser*innen des Condorcet-Blogs die Erkenntnis, dass «jedes Sehen perspektivisches Sehen ist» (Friedrich Nietzsche) und die Bereitschaft, möglichst viele Perspektiven zuzulassen.

Jasmin Frey, Sozialpädagogin, Basel.

[1] Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. Social Psychology, 46, 76-92.

[2] https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gleichberechtigung-in-der-sprache-nur-wer-von-frauen-spricht-meint-sie-auch.39a3ca8e-d760-4eac-a9ad-c50ca1e64966.html

[3] Kastirke, Nicole / Kotthaus, Jochem (2014). Jugendliche Sexualität und sexuelle Identität. In: Jörg Hagedorn (Hrsg.) Jugend, Schule und Identität. Selbstwerdung und Identitätskonstruktion im Kontext Schule. Springer Verlag.

[4] https://www.forbes.at/artikel/wirklichkeiten-konstruieren.html

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8 Kommentare

  1. Die faktische Nötigung zu einer gendergerechten Sprache führt gerade nicht hin zu einer “inklusiveren Gesellschaft”, sondern zum genauen Gegenteil, wie wir heutzutage in der oft gehässigen aggressiven Auseinandersetzung um das massiv aufgebauschte Thema erfahren können.

  2. Diskriminierungen aller Art vermeiden zu wollen, scheint in einer modernen Gesellschaft nur allzu gerechtfertigt zu sein. Was aber geschieht, wenn eine scheinbare Nicht-Diskriminierung der einen zur Benachteiligung der anderen führt?
    Der High Court des Vereinigten Königreichs entschied kürzlich zugunsten einer jungen Frau, die sich als Jugendliche zu einer „Geschlechtsumwandlung“ entschieden hatte, und diese Entscheidung heute bereut. Nun wird in Grossbritannien Folgendes gefordert: „Auf Basis dieses richtungsweisenden Urteils muss die Regierung Massnahmen ergreifen, um sämtliche Transgender-Anleitungen aus Schulen und Sozialämtern zu entfernen, um Kinder zu schützen“ und jegliche weitere Vermittlung dieser Ideologie als „Tatsache“ an Kinder zu verhindern, denn die Wurzel der Gender-Ideologie sei „die Leugnung des biologischen Geschlechts“.
    In Frankreich ist das bereits Realität. Nach Diskussionen haben sich dort die Behörden für ein Verbot der Gendersprache an Schulen entschieden. Die Kinder seien mit dem Genderstern schlicht überfordert. Auch unsere Kinder und Jugendliche haben von Gesetzes wegen ein Anrecht darauf, in der Schule neutral unterrichtet und vor Indoktrinationen geschützt zu werden.

  3. Ein kluger und bermerkenswerter Beitrag, herzliche Gratulation der Autorin und dem Blog, der diese Debatte ermöglicht.

  4. Vielen Dank, liebe Frau Frey für Ihren wunderbaren und klugen Artikel! ICh finde auch: Sprache soll und muss reflektiert werden. Mit Sprache werden Wertungen ausgedrückt. Das zeigen ja schon nur Begriffe wie ‘dämlich’ und ‘herrlich’. Oder auch der Umstand, dass ein weiblicher Koch in meinem Umfeld auf keinen Fall Köchin genannt werden will, weil dahinter eben eine Wertung steckt. Dies, obwohl viele Köchinnen landein landaus jeden Tag ehrenamtlich Grossartiges leisten. Verrückt, nicht?
    Sprache sollte darum durchaus auch immer wieder reflektiert werden. Und selbst wenn frau findet, dass sie beim generischen Maskulinum ja Frauen mitmeint, könnte sie doch aus Sensibilität gegenüber anderen über ihren Schatten springen und dies auch explizit zum Ausdruck bringen. Kann das wirklich so schwierig und gefährlich sein?

  5. Das Anliegen einer gendergerechten Sprache löst bei einigen Alters-und Geschlechtsgenossen aus meiner Umgebung grosse Emotionen aus. Das sollte ihnen zu denken geben, tut es aber nicht. Sie beklagen sich stattdessen lieber über die “aggressive Auseinandersetzung” um das “massiv aufgebauschte Anliegen”. Wer beide Artikel liest, kann selbst beurteilen, welcher der beiden dazu beiträgt, die Frage einer gendergerechten Sprache emotional aufzuladen.

  6. Nach einem Vortrag, der beim breiten Publikum offensichtlich gut ankam, bin ich als Referent von einer Teilnehmerin mit den Worten kritisiert worden: “Wer wie Sie nicht konsequent die Doppelnennung Schülerinnen und Schüler in einem Referat verwendet, dem höre ich gar nicht mehr richtig zu.” Ich war ziemlich irritiert, denn die Anliegen der Mädchen kamen in meinem Vortrag in keiner Weise zu kurz.

    Offensichtlich ging es der Kritikerin nicht um den Inhalt, sondern um das Einhalten eines formalen Anliegens. Mir jedoch war der Fluss des Vortrags wichtiger, damit das Publikum meinen Ausführungen leichter folgen konnte. Selbstverständlich habe ich in allen Fällen, wo das Geschlecht eine Rolle spielte, die weiblichen Formen verwendet.

    Das sture Beharren auf Doppelnennungen in allen Situationen macht unsere Sprache schwerfällig und lenkt vom Wesentlichen ab. Berechtigten feministischen Anliegen erweist die neue Prinzipienreiterei einen Bärendienst und verärgert alle, die Wert auf eine gut verständliche und kreative Sprache legen.

  7. Heute Abend, 31.5.2021, ca. 17.45 Uhr im Regionaljournal Basel, sprach ein Sprecher der Bekleidungsbranche und sagte (ohne Ironie, sondern bierernst): “die Vorgesetztinnen und Vorgesetzten”. Kann im Podcast nachgehört werden. In einem Regionaljournal vor ca. 2 Jahren meinte der Radio-Journalist Eichkorn: “die Mitgliederinnen und Mitglieder”. Kursleiter*innen, an die Arbeit!

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