8. März 2021

Jetzt kann «Mille feuilles» entsorgt werden

Der Condorcet-Blog veröffentlicht hier einen Beitrag von Thomas Dähler, Journalist, der am 19.2.21 in der Basler Zeitung erschienen ist. Die Redaktion des Condorcet-Blogs weist daraufhin, dass die Basler Zeitung in den vergangenen Jahren den kritischen Stimmen gegen dieses unmögliche Lehrmittel immer Raum gegeben hat.

Thomas Dähler, Journalist der BAZ: Von Beginn weg gescheitert

Mit dem einst hochgepriesenen «Sprachbad» bei den ersten Französisch-Gehversuchen der Drittklässler ist es jetzt definitiv vorbei: Ab kommendem Schuljahr steht mit «ça roule» ein neues Französischlehrmittel bereit, das auf die Alltagssprache und einen systematischen Aufbau von Wortschatz und Grammatik baut. Zugelassen ist das neue Lehrmittel bereits in den Kantonen Basel-Stadt, Baselland und Solothurn; Bern dürfte in Kürze folgen.

Das neue Lehrmittel beendet einen zehn Jahre andauernden Streit um die Fremdsprachendidaktik. Die Absichten der Promotoren von «Mille feuilles», die Schülerinnen und Schüler mit einem täglichen «Sprachbad» anstelle des Paukens von Vokabeln und Grammatik an die Fremdsprache heranzuführen, scheiterten von Beginn weg. Ihre Sprachkenntnisse liessen bei allen Tests zu wünschen übrig.

Abstimmung in Baselland

Doch ungeachtet der warnenden Stimmen hielten die Experten in den kantonalen Bildungsdirektionen jahrelang an «Mille feuilles» fest. Die Front bröckelte erst, als im Kanton Baselland im November 2019 ein Volksentscheid die Abkehr von der ideologisch motivierten Sprachmethode erzwang, welche die sechs Frühfranzösisch-Kantone einst mit dem Staatsvertrag «Passepartout» eingeführt hatten.

Besiegelt wurde das Schicksal von «Mille feuilles» schliesslich mit den vernichtenden Resultaten der Studie über die Französischkenntnisse des ersten Frühfranzösischjahrgangs, welche nach Abschluss seiner obligatorischen Schulzeit erhoben wurden.

Besiegelt wurde das Schicksal von «Mille feuilles» schliesslich mit den vernichtenden Resultaten der Studie über die Französischkenntnisse des ersten Frühfranzösischjahrgangs, welche nach Abschluss seiner obligatorischen Schulzeit erhoben wurden. Selbst diese Resultate hatten Vertreter des Bildungsestablishments in den Kantonen unter dem Deckel zu halten versucht. Offiziell wurden die Resultate der von der Universität Freiburg durchgeführten Studie nie präsentiert. Auf die Erstellung eines Schlussberichts verzichteten die Erziehungsdirektoren wohlwissentlich.

Mit der bevorstehenden Einführung von «ça roule» kann jetzt «Mille feuilles» entsorgt werden. Das neue Lehrmittel für die 3. bis 6. Klasse der Primarschule ist im Verlag Klett und Balmer erschienen und wurde von einem Autorenteam aus mehreren Kantonen entwickelt, die allesamt über Unterrichtspraxis auf verschiedenen Schulstufen verfügen.

Wortschatz aus dem Alltag

Der Verlag hat das Lehrmittel in einem Video vorgestellt. Darin zeigen die Lehrerinnen Heidi Meyer und Nadine Widmer-Truffer zusammen mit einer dritten Klasse aus Biel, wie sich der Unterricht damit gestaltet.

Nadine Widmer-Truffer: Gut aufgebaut

Der Aufbau sei gut strukturiert, «altersgerecht und sehr spannend», sagt Nadine Widmer-Truffer. Spiele und Lieder motivierten die Kinder, der Wortschatz werde systematisch aufgebaut und nehme vor allem den Alltag der Kinder auf. Grammatik werde von Anfang an in den Unterricht eingebaut. Besondere Rücksicht nehme «ça roule» auf schwächere Schülerinnen und Schüler, während für die Klassenbesten Zusatzmaterial bereitstehe, das diese selbstständig bearbeiten könnten.

Der Verlag weist auch darauf hin, dass Französischlehrkräfte ohne eine spezielle Zusatzausbildung mit dem neuen Lehrmittel unterrichten können. Zum Lernmaterial für die Schülerinnen und Schüler gibt es auch ein Begleitheft für Lehrerinnen und Lehrer sowie Musterlernkontrollen, die auf verschiedene im Lehrplan geforderte Kompetenzen fokussieren.

Auslese aus den Kommentaren zu dem BAZ-Artikel:

Emil Keller

Dreissig Millionen hat die Entwicklung dieses ideologisch motivierten Bekehrungsversuchs gekostet! Es wäre wünschenswert, die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen!

Sascha Lang

Ich hoffe nun aber auch ganz schwer, dass einige Köpfe rollen werden. Es kann ja nicht sein dass ein solch wichtige Entscheid falsch gefällt wird ob schon dauernd Warnungen ausgesprochen worden. Und dieser Warnung kamen nicht von irgendwo her, sondern von der Front. Dieses bürokratische Getue, welches seit einigen Jahren wieder wuchert, muss verschwinden.

Gerold Müllerhans

Jetzt stellt sich die Frage ob die Eltern nun auf die Lehrer Druck machen müssen oder ob diese es selber einsehen und raschmöglichst umstellen. Mein Sohn hat drei Jahre mit Sprachbad verschwendet. Es wäre erfreulich wenn er wenigstens im sechsten Schuljahr noch etwas von dieser schönen Sprache lernen könnte.

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