19. Oktober 2021

Bildungsziel: sprachliche Ausdrucksfähigkeit

Unser Denken vollzieht sich sprachlich. Doch dieses Können kommt kaum von selbst. Es will intensiv geschult sein – auch in der Schule. Ein Plädoyer fürs Üben und Ermutigen, aufgezeigt an einem Bilderbuch, vorgetragen von Condorcet-Autor Carl Bossard. Dieser Beitrag ist übrigens der 500ste in anderthalb Jahren.

Carl Bossard: Die Vorstellung von Normalität hat sich verändert.

 

Illustration von Antoni Boratyński, in: Monika Feth (2018), Der Gedankensammler. Frankfurt am Main: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH. Erstmals erschienen 1993 im Patmos Verlag.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

An einem ganz bestimmten Ort lebt ein Gedankensammler.[1] Grantig, so heisst der Mann, der leicht gebeugt geht. Er trägt eine alte Schirmmütze und einen abgenutzten Rucksack. Jeden Morgen zieht er los, streift durch die Strassen der Stadt und lauscht. Grantig sammelt Gedanken: fröhliche Gedanken und traurige. Kluge Gedanken und dumme. Laute Gedanken und stille. Lange Gedanken und kurze. Eigentlich sind ihm alle Gedanken wichtig. Obwohl er natürlich seine Lieblingsgedanken hat. Doch das lässt er sich nicht anmerken, damit er die anderen nicht verletze. Gedanken seien da sehr empfindlich, sagt er sich.

Zu Gedanken anregen, sie ordnen und erweitern

Die gesammelten Gedanken trägt Herr Grantig im Rucksack behutsam nach Hause. Dort sortiert und ordnet er sie. Wie ein guter Gärtner lässt er sie nachreifen und setzt sie später sorgfältig in die Erde. Die Gedanken entfalten sich, blühen auf und zerfasern sich beim Morgendämmern in winzig kleine Teile. Mit dem ersten Windhauch entschweben die Gedankenblumenteilchen; sie kehren in die Köpfe der Menschen zurück. So entwickeln sich neue Gedanken. Ganz unterschiedliche. Vielfältige.

Gute Lehrerinnen und Lehrer regen mit Fragen zum Denken an, lassen ihre Kinder und Jugendlichen Gedanken sammeln, lassen sie ordnen und anreichern – genau wie Grantig.

Grantig ist kein Unikum. In vielem gleicht eine Lehrperson dem geduldigen Gedankensammler Grantig. Für ihn bedeutet die Stadt ein grosses Gedankenareal. In Analogie dazu bildet das Klassenzimmer ein Sprachareal. Gute Lehrerinnen und Lehrer regen mit Fragen zum Denken an, lassen ihre Kinder und Jugendlichen Gedanken sammeln, lassen sie ordnen und anreichern – genau wie Grantig. So erhalten die Gedanken Farbe, Form und Gestalt.

Den Gedanken eine genaue Gestalt geben

Sich klar ausdrücken können, konzis und präzis: Das kommt nicht von selbst.

Jeder Gedanke hat einen Körper, die Sprache. Das tönt zwar banal. Doch den eigenen Gedanken einen präzisen Körper geben, die prägnante Sprache, das ist gekonntes Handwerk und anspruchsvolle Aufgabe zugleich. Diese Aufgabe stellt sich immer wieder: beim Übergang von der Idee zum gesprochenen Wort, vom Gedachten zum konkreten Text, beim Finden und Formulieren des passenden Gedankens und des richtigen Satzes. Konfuse Gedankenflüge werden klarer, wenn sie sich der Grammatik und Semantik aussetzen müssen.

Sich klar ausdrücken können, konzis und präzis: Das kommt nicht von selber. Es ist eine eminent pädagogische Aufgabe und fordert die Lehrpersonen. Mit den Kindern und Jugendlichen dieses Können aufbauen braucht Impulse und Geduld, benötigt Übung und bedarf der Ermutigung. Es ist intensive Arbeit an der Sprache. Und Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken, wie uns Friedrich Dürrenmatt wissen lässt. Denn jeder Gedanke entsteht erst mit seiner sprachlichen Fassung. Klar gedacht, heisst sprachlich gut herausgearbeitet – und gut gesprochen oder genau geschrieben, heisst klar gedacht.

Denn jeder Gedanke entsteht erst mit seiner sprachlichen Fassung.

Kern der Bildung: Ausdrucksfähigkeit

Denken vollzieht sich sprachlich. Und durch Sprache gelangt man zum Verstehen. Das gilt für alle Fächer. Die Kernsprache Deutsch will darum geübt sein. Konsequent und unnachgiebig. Gerade auch bei Kindern aus weniger privilegiertem Elternhaus oder bei Jugendlichen mit fremdsprachlichem Hintergrund! Doch in der (Über-)Fülle der Fächer und der Dichte des konkreten Schulalltags fehlt dazu vielfach die Zeit. Das Sprachtraining Deutsch kommt zu kurz. Zu viel anderes muss mit zu wenig Zeit durchgenommen und behandelt sein – auch das ohne die notwendige Tiefe, ohne das unerlässliche Konsolidieren, Automatisieren und Anwenden. So bleibt manches an der Oberfläche. Man surft darüber hinweg.

Die Politik hat vor lauter Befriedigung von Partikularinteressen den Fokus auf den Kern jeder Bildung verloren: die Ausdrucksfähigkeit. (NZZ am Sonntag, Peer Teuwsen 1.11.20)

„Lernt endlich Deutsch!“, beschwor darum die NZZ am Sonntag vor Kurzem. Und sie konkretisierte knapp und konzis: „Die Politik hat vor lauter Befriedigung von Partikularinteressen den Fokus auf den Kern jeder Bildung verloren: die Ausdrucksfähigkeit.“[2] Statt dessen führten die Bildungsdepartemente Allerweltsfächer wie Religion, Kulturen und Ethik ein und überfrachteten seit Jahren die Primarschulkinder mit Frühfranzösisch und -englisch, obwohl die Resultate, gelinde gesagt, zweifelhaft seien, gab die NZZaS zu bedenken.

 Das Ringen um sprachliche Präzision

Mathematik heisst formulieren und begründen

Wie wichtig gute Deutschkenntnisse sind, zeigt sich beispielsweise auch in der Mathematik. Viele Aufgaben sind heute textgebunden und alltagsbezogen. Das sogenannte mathematische Modellieren lädt zum Reden über Mathematik ein, zum Argumentieren und Begründen. „Das Ringen um sprachliche Präzision bei der Beschreibung mathematischer Konzepte ist essenziell, um Mathematik zu verstehen“, betont die Hochschullehrerin Susanne Prediger.[3] Sie forscht an der Technischen Universität Dortmund zum Mathematikunterricht.

Ein Unterricht, der das Sprachverständnis ausbildet und das Verstehen komplexer Probleme fördert, erzielt grössere Lernfortschritte als herkömmliche Lernformen. Die Mathematikerin Susanne Prediger konnte dies in mehreren empirischen Studien nachweisen. Denken vollzieht sich sprachlich.

Sprache üben wie ein Musikinstrument

Alles ist und alles geschieht eben in der Sprache; ohne sie hat nichts Bestand, meint der Schriftsteller und intellektuelle Querkopf Martin Walser. Vielleicht etwas gar pointiert formuliert. Doch Walser weist zu Recht darauf hin, wie wichtig Sprache ist. Darum müssen wir diesem subtilen Instrument Sorge tragen und es auch üben wie eine junge Geigerin ihre Violine. Man kann mit und an der Sprache scheitern. Beispiele gibt es genügend – aus Betrieben, Berufsschulen, Universitäten.

Ihre Schülerinnen und Schüler zu präziser Ausdrucksfähigkeit führen zählt zu ihren wichtigsten Aufgaben. Heute mehr denn je.

So erzählt der Rechtswissenschaftler Alain Griffel, Ordinarius an der Universität Zürich: „Kürzlich habe ich ein Gerichtsurteil gelesen, vermutlich verfasst von einem jungen Gerichtsschreiber, von dem selbst ich als Jurist die entscheidende Passage nicht verstanden habe.“[4] Das ist leider kein Einzelfall. Griffel fügt bei: „Ein fähiger Jurist arbeitet mit der Sprache wie der Chirurg mit dem Skalpell – und nicht mit einem Brotmesser.“ Die Rechtswissenschaftliche Fakultät reagiert und führt ab Herbst 2021 für Erstsemestrige einen obligatorischen Kurs zum wissenschaftlichen Schreiben ein. Selbstverständliches ist abhandengekommen!

Gedanken sichtbar machen – über Sprache

„Gäbe es die Gedankensammler nicht, gäbe es irgendwann auch keine Gedanken mehr“, schmunzelt Herr Grantig am Schluss des inspirierenden Bilderbuches. Und er könnte den Gedanken auch keine Form, keine Farbe, keine Gestalt mehr geben, sei beigefügt. Genau dazu anleiten müssen Lehrerinnen und Lehrer. Ihre Schülerinnen und Schüler zu präziser Ausdrucksfähigkeit führen zählt zu ihren wichtigsten Aufgaben. Heute mehr denn je.

[1] Monika Feth, Antoni Boratyński (2018), Der Gedankensammler. Frankfurt am Main: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag GmbH.

[2] Peter Teuwsen (2020), „Lernt endlich Deutsch!“, in: NZZaS, 01.11.2020, S. 57.

[3] Thomas Kerstan (2020), Mit Liebe rechnen, in: DIE ZEIT, 15.10.2020, S. 38.

[4] Joel Bedetti (2020), Deutsch, aber leider nicht deutlich, in: NZZaS, 27.09.2020, S. 4 (Beilage Bildung).

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Das ging aber schnell. Der Artikel von Hans Joss (“Wie und wem Schule schadet…”, 14.12.19) führte zu energischem Widerspruch. Condorcet-Autor Felix Schmutz mahnt in seiner Replik, die Stärken unseres Systems nicht aus den Augen zu verlieren. Falsche Laufbahnentscheide lassen sich in unserem System viel leichter korrigieren.

2 Kommentare

  1. Sprache gibt Gedanken eine Form, eine Farbe, ja eine Gestalt. Meisterhaft versteht es Carl Bossard, auf anschauliche Weise den abstrakten Vorgang des Denkens direkt mit der Sprache in Verbindung zu bringen. Der Autor weist aber auch unmissverständlich darauf hin, dass erst durch die gründliche Arbeit an der Sprache Klarheit im Denken entsteht.
    In der Volksschule glaubte man durch didaktische Wundermethoden diesen Lernprozess abkürzen zu können. Doch was bei unseren Schülern dabei herausgekommen ist, zeigen die miserablen Resultate im PISA-Deutschtest und die berechtigten Klagen über fehlende Präzision im sprachlichen Ausdruck in vielen Anwendungsbereichen. Carl Bossards Essay ist ein würdiger Jubiläumstext, der zu einem Überdenken der ausufernden Lehrplanziele anregt.

  2. Jeder Denkprozess hat die Sprache als Voraussetzung. – Kein Wunder, nimmt die allgemeine Denkfähigkeit ab.
    Ja, Herr Bosshard, wer wollte Ihnen nicht zustimmen!? Ich frage nur: Wenn die Schule Schülern die Sprache beibringt, so gut, wie Sie das jedem Kind wünschen, warum braucht dann die nächste Generation Kinder die Schule noch? Verblöden denn erwachsene Menschen, nachdem sie die Schule verlassen haben? Warum setzen Sie so sehr auf Lehrer und nicht auf Eltern? – Da lese ich doch, wer z.B. einem Kind etwas beibringen könne beweise damit, dass er selber die Sache beherrsche. Was machen denn Erwachsene mit sooo viel Gelerntem? Warum verknurrt man Kinder in die Schule, um zu lernen, wo doch Pädagogen sich einig sind darin, dass Schulen kein besonders geeigneter Lernort seien? – Wichtig sei auch noch, so liess ich mir sagen, dass Gelerntes etwas mit dem praktischen Leben zu tun haben sollte, damit es ein Kind gerne lernen will. Ich habe die Schule vor mehr als fünfzig Jahren verlassen und stimme jenem provokanten Satz zu: Das meiste habe ich nicht in der Schule gelernt.

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