30. Juli 2026

Humboldt richtig lesen

In seinem Plädoyer für die Kompetenzorientierung berief sich Professor Markus Wilhelm (Zu oft wird der Bildungsbegriff im gymnasialen Schulalltag gleichgesetzt mit Wissensvermittlung, 5.10.2020) auf Wilhelm Alexander Humboldt, was in den Kreisen der Condorcet-Leser und -leserinnen für Erstaunen sorgte. Die Redaktion veröffentlicht hier im Voraus einen Textausschnitt von Professor Bernard Schneuwly, in welchem er die Grundidee des Humboldtschen Bildungsideals zusammenfasst. Der ganze Text wird unseren Leserinnen und Lesern demnächst präsentiert.

Willhelm von Humboldt richtig lesen

In seinem äußerst einflussreichen Text über die „Wirksamkeit des Staates“ schreibt Humboldt folgende oft zitierte Sätze:

Der wahre Zweck des Menschen […] ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung. Allein außer der Freiheit erfordert die Entwicklung der menschlichen Kräfte noch etwas andres, obgleich mit der Freiheit eng verbundenes, Mannigfaltigkeit der Situationen. (Humboldt 1960 [1792], S. 64)

Hier erscheint Bildung allgemein als Aufgabe für jeden Menschen, nämlich Entwicklung der menschlichen Kräfte. Für deren Erreichen sind zwei Bedingungen notwendig:

  1. Freiheit, das heißt Wegfall aller Zwänge, die mit Sklavenherrschaft und Feudalsystem zusammenhängen. Moderne Staatsbürgerschaft und das Recht auf Selbstbestimmung sind Voraussetzung der Selbstentwicklung.
  2. Mannigfaltigkeit der Situationen, die die Entwicklung verschiedener Fähigkeiten in Auseinandersetzung mit der Natur und der Kultur ermöglichen.

Humboldts Arbeit als Bildungspolitiker führte ihn dazu, das Problem anzugehen, wie denn Bildung für alle zugänglich gemacht werden kann (Lenhart 2009).   In seinem Projekt eines Lehrplans unterscheidet Humboldt dafür zwei Arten von Schulen:

Alle Schulen aber, deren sich nicht ein einzelner Stand, sondern die ganze Nation oder der Staat für diese annimmt, müssen nur allgemeine Menschenbildung bezwecken. Was das Bedürfnis des Lebens oder eines einzelnen seiner Gewerbe erheischt, muss abgesondert und nach vollendetem allgemeinen Unterricht erworben werden. Wird beides vermischt, so wird die Bildung unrein, und man erhält weder vollständige Menschen noch vollständige Bürger einzelner Klassen. (Litauischer Lehrplan, Humboldt 1969 [1809], S. 188)

Es sind allein die allgemeinbildenden Schulen als  staatliche  Institutionen, die die Bildungsidee des vollen Menschentums ermöglichen, da sie „reine“ Bildung garantieren und nicht auf Nützlichkeit ausgerichtet sein müssen.

Humboldt bestimmt auch die Lehrgegenstände, die dieser Bildungsidee entsprechen und die aus drei Hauptbereichen entstammen: dem linguistisch-literarischen, dem historischen (sowohl Geschichte als auch Naturgeschichte) und dem mathematischen Hauptbereich. Entscheidend ist dabei:

Dieser gesamte Unterricht kennt daher auch nur Ein und dasselbe Fundament. Denn der gemeinste Tagelöhner, und der am feinsten Ausgebildete muss in seinem Gemüt ursprünglich gleich gestimmt werden, wenn jener nicht unter der Menschenwürde roh, und dieser nicht unter der Menschenkraft sentimental, chimärisch, und verschroben sein soll […]. (in Humboldt 1969 [1809], S. 189)

Dieser Text ist dem längeren Artikel von Professor Schneuwly “Schulfächer: Vermittlungsinstanzen von Bildung” entnommen. Er erschien in der “Zeitschrift für Erziehungswissenschaft im Februar 2018 und wurde uns vom Autor zur Verfügung gestellt. Der ganze Artikel  wird zurzeit in der Redaktion aufbereitet.
image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Ein Essay über die Erziehlehre “Levana” des deutschen Schriftstellers und Pädagogen Jean Paul Friedrich Richter (1763-1825) – Teil 1

Levana ist in der römischen Mythologie die Schutzgöttin der Neugeborenen, deren Beistand angerufen wurde, wenn ein neugeborenes Kind dem Vater zu Füssen gelegt wurde, damit er durch Aufheben (levare) dasselbe als das seinige anerkenne und zur Erziehung übernehme. Die Quintessenz dieses theoretisch-pädagogischen Werkes, das in seiner skurrilen, verschnörkelten Weise nicht nur das Leben, sondern auch die Pädagogik in Dichtung verwandelt, bringt Jean Paul im Vorwort zur zweiten Auflage von 1811 mit folgenden Worten zum Ausdruck: “Leben belebt Leben, und Kinder erziehen besser zu Erziehern als alle Erzieher. Lange vor der ersten Levana waren überhaupt Kinder (d.h. also Erfahrungen) dessen Lehrer und die Bücher zuweilen die Repetenten.” * Condorcet-Autor Georg Geiger hat uns ein Essay zur Verfügung gestellt, das wir in drei Teilen publizieren,

Ist alles gut mit der Bildung? – Ein LinkedIn-Disput

Es ist Wahlkampf. Die Bildung spielt im Wahlkampf eine grössere Rolle als auch schon. Auch in den sozialen Medien gibt es einen Austausch, in den sich auch unser Condorcet-Autor Alain Pichard einbrachte. Ist mit der Schule alles in Ordnung (SP-Haltung) oder gibt es da doch einige Baustellen (Alain Pichard)? Wir bringen den Schlagabtausch zwischen Patricia Bernet und Alain Pichard in seiner vollen Länge!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert