25. September 2020

Zur Debatte um den Projektunterricht: Definitionsprobleme

Die Debatte unter den Condorcet-Autoren bezüglich des Projektunterrichts geht weiter. Felix Schmutz mahnt zu einer klareren Trennung zwischen Gruppen- und Projektarbeit. Und er widerspricht Alain Pichards Aussage, wonach man sich mit dem Projektunterricht eine bessere Selbstorganisation erwerben könne.

Ziel ist nicht mehr der Wissensaufbau.
Felix Schmutz, Baselland: Da wird etwas vermischt.

Es fragt sich, was man unter «Projektunterricht» genau verstehen will. In Alain Pichards Beitrag scheint sich die Grenze zwischen Gruppenarbeit und Projektunterricht zuweilen etwas zu verwischen: Was er in der geschilderten verunglückten Französischstunde praktiziert hat, war wohl eher eine Gruppenarbeit. Die Bezeichnung «projektorientiert» weist schon auf das Problem hin. Ohne die Umstände zu kennen, darf man annehmen, dass es um ein fachdidaktisches, von Lehrer Pichard vorgegebenes Ziel handelte, das die Klasse in Arbeitsgruppen erarbeiten oder üben sollte. Das aber ist kein «Projekt» und auch nicht «projektorientiert», sondern eine methodische Unterrichtsvariante, die je nach Ziel und Thema besser oder weniger gut geeignet ist, die Klasse zu aktivieren und den Lerneffekt zu stärken.

Pichard trennt nicht scharf zwischen den Zielen.

Pichard trennt nicht scharf zwischen den Zielen. Fachliches Lernen bedeutet, eine Sache aufbauend und systematisch vermittelt zu bekommen, zu verstehen, mit bereits Gelerntem zu verknüpfen, im Gedächtnis zu verankern und anzuwenden. Das braucht einen gut geführten Unterricht, der je nach Phase des Lernvorganges mit unterschiedlichen methodischen Verfahren erfolgen kann: Instruktion im Klassenverband, Einzelarbeit, Partner- und Gruppenarbeit, Einsatz unterschiedlicher Hilfsmittel. Gearbeitet wird stets an einem vorgegebenen fachlichen Ziel. In der Anwendungsphase kann das durchaus auch in ein eigentliches Projekt münden (siehe unten).

Die Denkfalle des Konstruktivismus

Die klassische Denkfalle

Pichard verfällt beim Thema Lernen in die beliebte Denkfalle, welche die Anhänger des Konstruktivismus aufgestellt haben. Das ist die Vorstellung, dass Schüler(innen) nicht durch Instruktion, sondern nur durch eigenes Erarbeiten lernen können. Die Falle besteht darin, dass Konstruktivisten mit der Ausschliesslichkeit argumentieren. In Wirklichkeit – und das zeigte der coronabedingte Fernunterricht sehr deutlich – gelingt Lernen am besten, wenn es im sozialen Raum UND in der individuellen Auseinandersetzung mit dem Stoff geschieht: Es braucht sowohl die Aussensteuerung der didaktischen Vermittlung, die Vertiefung im sozialen Zusammenhang als auch die individuelle Anstrengung, um sich einen Stoff zu eigen zu machen.

Die Erklärung, dass es an der fehlenden «Selbstorganisation» liege, ist zu einseitig.

Wenn das Lernen nicht gut gelingt, kann das an vielen Faktoren liegen.

Wenn das Lernen nicht gut gelingt, kann das an vielen Faktoren liegen: Schlechte Vermittlung, ungeschicktes Feedback, fehlende Eigenmotivation, zu hoher Schwierigkeitsgrad, mangelnde Ausdauer, etc. Die Erklärung, dass es an der fehlenden «Selbstorganisation» liege, ist zu einseitig. Der grösste Teil des Schulstoffes ist so anspruchsvoll, da in Jahrhunderten von den grossen Geistern der Menschheit entwickelt, dass er nicht von jedem Kind in «Selbstorganisation» neu entdeckt oder erarbeitet werden kann. Es braucht das Zusammenspiel zwischen aussengesteuerter Vermittlung und individueller Aneignung, wofür Selbstständigkeit eine natürliche Voraussetzung ist.

 Definition des Projektes

Was aber ist ein schulisches Projekt und was wird dabei gelernt? Die klassische Definition lautet: Ein Projekt ist ein von einer Lerngruppe (oder von einzelnen Lernenden) in Eigenregie durchgeführter vollständiger Arbeitsprozess an einem selbst gewählten Thema mit einem bestimmten Resultat.

Beim Projektunterricht wird keine Selbstorganisation gelernt.

Ein Projekt im genannten Sinn bedeutet von Anfang an nicht, dass es sich um eine methodische Variante handelt, mit der neuer Schulstoff gelernt werden soll. Vielmehr sollen bisher gelernter Schulstoff und bisher gelernte Arbeitstechniken selbstständig genutzt und angewendet werden, um eine bestimmte Arbeit zu planen, durchzuführen und ein gestecktes Ziel zu erreichen. Es wird auch nicht «Selbstorganisation» gelernt, denn diese muss beim Einstieg in ein «Projekt» schon so gut beherrscht sein, dass etwas Brauchbares zustande kommen kann. Der Architekt, der einen 200 Meter hohen Roche-Turm in Basel baut, kann sich auch nicht erst während des Bauprojektes in die Grundlagen der Statik einarbeiten.

Wer also Projektunterricht wirklich ernst nehmen will, muss die Lernenden mit den verschiedenen Phasen systematisch aufbauend vertraut machen:

– ein sinnvolles Thema wählen

– sich in der Gruppe absprechen

– ein Ziel setzen

– Arbeitsschritte planen, einen Zeitplan erstellen

– Informationen beschaffen und bearbeiten

– etc.

Zu oft werden Projekte zu chaotischen Veranstaltungen.

Verzichtet man auf diese didaktische Vorbereitung, werden Projekte zu chaotischen Veranstaltungen. Während einzelne Gruppen sich hervorragend selbst organisieren können, werden sich andere heillos zerstreiten, einige auch die Mitarbeit schlicht verweigern. Tonnenweise werden Wikipedia-Seiten ausgedruckt, Unverstandenes abgeschrieben. Als Resultat bleiben Unmengen an Abfall von nachgebauten Brücken, selbst genähten Kleidern, selbst gekochten kalabrischen Menüs, Ausstellungsplakaten mit Fussball- und Popstars übrig, welche die Container vor dem Schulhaus überquellen lassen.

Es sei denn, die Lehrperson deute ihre Beratungstätigkeit so um, dass sie die Arbeiten der Lernenden nach erfolgloser Intervention zu einem grossen Teil selbst übernimmt und in Nachtschichten die Projekte optimiert, damit sie allfällig eingeladenen Eltern oder Behördenmitgliedern doch noch etwas Vernünftiges präsentieren können. Dabei lügt sich die Lehrperson in die eigene Tasche, wenn sie meint, die Schüler(innen) hätten jetzt unheimlich viel gelernt.

An der Weiterbildungsschule Basel (7. bis 9. Schuljahr), die von 1997 bis 2016 existierte, waren Projektwochen von Anfang an eingeplant. Als sich herausstellte, dass viele Jugendliche und Lehrpersonen überfordert waren, wurde das Fach «Lernen am Projekt» eingeführt, in dem während zwei Semestern jeweils ein Nachmittag für das Vorbereiten der Projektwochen unter der Ägide von zwei Lehrkräften bestimmt war. So wurden die Lernenden schrittweise auf die Projektwochen vorbereitet, was zu einer deutlichen Verbesserung der Selbstorganisation führte.

Fazit: Auch Selbstorganisation muss und kann systematisch gelernt werden. Man erwirbt sie nicht nebenher bei Gruppenarbeiten oder Projekten, oder bei Veranstaltungen, die man für Projekte hält, die tatsächlich aber gar keine Projekte sind.

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