29. Oktober 2020

Gruppenarbeit und Projekte: Schwere Last auf jungen Schultern

Der Beitrag von Urs Kalberer wird sicher Reaktionen auslösen. Der Bündner Sekundarlehrer ist dabei, die heilige Kuh “Gruppenarbeit” und “Projektunterricht” zu “schlachten”. Die Redaktion ist der Meinung, dass der Autor durchaus bedenkenswerte Einwände formuliert. Aber urteilen Sie selber, liebe Leserinnen und Leser.

Urs Kalberer, Sekundarlehrer: Erklärt noch einmal seine Skepsis
Gruppenarbeit gehört zum Standardinstrumentarium jedes Lehrers, sie hat in der Ausbildung ihren festen Platz.

Gruppenarbeit gehört zum Standardinstrumentarium jedes Lehrers, sie hat in der Ausbildung ihren festen Platz. Viele Schultheoretiker neigen dazu, die direkte lehrergesteuerte Instruktion (Frontalunterricht) zu verpönen, deshalb gehören kollaborative Arbeitsformen wie Gruppenarbeit und Projekte seit Jahrzehnten zum Standard in der Lehrerbildung. Das wird oft damit legitimiert, dass dabei nicht nur der fachliche, sondern auch der zwischenmenschliche Aspekt abgedeckt wird. Gruppenarbeit hat demzufolge verschiedene Vorteile, sie

– verbessert und vertieft das Lernen

– entwickelt die sozialen Fähigkeiten

– entwickelt komplexe Lernstrategien

– ermöglicht selbständiges Lernen

– steigert die Teamfähigkeit

Da scheint man es offenbar mit einem didaktischen Breitband-Heilmittel zu tun zu haben. Soweit die Theorie. In der Praxis sehe und erlebe ich seit Jahren bei mir und bei engagierten Lehrerkollegen ein grosses Bemühen, Gruppenarbeit lernwirksam einzusetzen. Doch ganz so einfach ist dies nicht, offenbar machen die Lehrkräfte etwas falsch, denn an der Methode kann es ja nicht liegen (siehe oben). Es zeigen sich nämlich immer wieder dieselben Muster:

  • Inaktivität kann ein grosses Problem werden.

    Inaktivität. Man kann sich unter dem Nebel des kollaborativen Arbeitens gut verstecken. Die meisten Schüler geben das auch offen zu und freuen sich auf die nächste Gruppenarbeit, ganz nach dem Motto TEAM (Toll, ein anderer macht’s).

  • Ungleiche Arbeitsverteilung. Es ist schwierig, jedem Schüler eine äquivalente Rolle innerhalb der Gruppe zuzuordnen.
  • Präsentation. Niemand reisst sich darum, die Resultate der Klasse vorzustellen. Das führt gruppenintern zu einem Wettbewerb, wer das Thema am wenigsten durchschaut. Diese Person fällt dann logischerweise aus dem Rennen. Ein Phänomen, das ich selbst an unzähligen Lehrerweiterbildungen erlebt habe.
  • Unfaire Bewertung. Alle Teilnehmer der Gruppe erhalten dieselbe Note. Das ist höchst fragwürdig angesichts der unterschiedlichen Beiträge der einzelnen Gruppenmitglieder.

Zu diesen praktischen Erfahrungen kommt noch ein eklatanter Mangel an soliden wissenschaftlichen Studien, welche die vielen vorgebrachten Vorteile belegen könnten. Sind wir also einem weiteren pädagogischen Trend auf den Leim gekrochen?

Grenzen des Konstruktivismus

Lesen und schreiben lernt man nicht selbstentdeckend

Gruppenarbeit basiert auf einem lernpsychologischen und einem ökonomischen Fundament. Die Theorie des Konstruktivismus geht davon aus, dass es lohnender sei, wenn sich Schüler den Stoff möglichst selbst erarbeiten. Der Schüler soll sich vom Lehrer emanzipieren, der in die Rolle eines Beobachters und Lernbegleiters gedrängt wird. In dieser Funktion kann er aber nicht immer zum Vorteil des Lernens wirken. Das Alphabet und die Ziffern beispielsweise sind komplexe und abstrakte Erfindungen unserer Zivilisation. Lesen und schreiben lernt man nicht selbstentdeckend – sie müssen vermittelt werden durch bewussten, expliziten Unterricht. Dasselbe gilt für den Wissensaufbau in den Realienfächern. Hier zeigen sich die Grenzen des Konstruktivismus, einer Theorie des Lernens, die nicht automatisch auf das Lehren angewendet werden kann. Jeder Versuch, die Schüler Stoff selbständig mit kollaborativen Lernformen erarbeiten zu lassen ist nichts anderes als eine enorme Zeitverschwendung.

Wann machen Gruppenarbeiten trotzdem Sinn? Es gibt Schulsituationen, die darauf angelegt sind, gemeinsam gemeistert zu werden, wie z.B. Teamsport oder Gesang und Musik. Gruppenarbeit als Überführung des industriellen Konzepts der Arbeitsteilung zeigt sich auch an gemeinschaftlichen Aktivitäten wie dem Papiersammeln, wo meist in Gruppen ein bestimmtes Revier bearbeitet wird. Ausserdem ist es nach einer Phase von längerer Einzelarbeit motivierend, zu einer kurzen gemeinschaftlichen Tätigkeit zu wechseln. Am Ende einer Lerneinheit können Schülergruppen den Stoff repetieren und andere Positionen anhören und diskutieren. Innerhalb der Kleingruppe getrauen sie sich eher, Fragen zu stellen. Gruppenarbeit hat also durchaus seine Berechtigung an der Schule. Sie macht jedoch nur dann Sinn, wenn die Schüler Verantwortung für ihr Lernen übernehmen können und durch das besondere Lernarrangement nicht verleitet werden, die gestellte Aufgabe aus den Augen zu verlieren. Besonders für jüngere Schüler ist dies eine hohe Hürde, die bei häufiger Anwendung zur Bürde und Last wird. Gruppenarbeit sollte nicht die direkte Instruktion durch den Lehrer ersetzen, denn wir wissen, dass geführter, lehrerzentrierter Unterricht sich am vorteilhaftesten für den Lernprozess auswirkt. Handelt es sich also darum, Faktenwissen zu vermitteln – und davon gibt es ausreichend – braucht es einen Lehrer, der dieses Wissen kompetent vermitteln kann.

Um entsprechende Aufgaben erfolgreich lösen zu können, brauchen die Schüler viel Wissen und Können, das ihnen aber im Projekt nicht vermittelt wird.

Wissen als Voraussetzung

Teamwork auch in der Arbeitswelt gefragt.

In der heutigen Arbeitswelt wird viel in Teamarbeit erledigt. Um die Schüler fit für «das wirkliche Leben» zu machen, werden Gruppenarbeiten und Projekte in der Schule geübt. Damit sollen die Kinder und Jugendlichen schon früh aus der künstlich geschaffenen Schulsituation herausgeholt werden, um sie mit Problemen und Fragestellungen aus der realen Welt zu konfrontieren. Das Argument ist wohlbekannt aus der Diskussion rund um die Digitalisierung der Schule. Stichworte dieser Unterrichtsphilosophie sind: Lernerautonomie, selbstbestimmtes Lernen, selbstentdeckendes Lernen, schülerzentriertes Lernen, aber auch altersdurchmischtes Lernen.

Um entsprechende Aufgaben erfolgreich lösen zu können, brauchen die Schüler viel Wissen und Können, das ihnen aber im Projekt nicht vermittelt wird. Schulprojekte sind deshalb zutiefst ungerecht, da Schüler, welche am wenigsten schwach abschliessen, das nötige Hintergrundwissen notgedrungen anderswo (z.B. im Elternhaus) erworben haben. Es ist ein nobles Ziel, Schülern kritisches Denken und Zusammenarbeit beibringen zu wollen, doch die dazu angewendeten Methoden passen nicht. Der Weg zur Eigenständigkeit führt nicht über möglichst frühes eigenständiges Lernen. Damit Schüler selbständige Problemlöser werden, brauchen sie einen vom Lehrer klar geführten und strukturierten Unterricht. Höchste Zeit also, unsere Erwartungen an Gruppenarbeiten und Projekte zu überdenken.

Literatur:

Tom Bennett “Group Work for the Good”, American Federation of Teachers, 2015 https://www.aft.org/ae/spring2015/bennett

Daisy Christodoulou, «Seven Myths about Education”, Routledge, 2014

Urs Kalberer, 18. August 2020

 

 

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