25. September 2020

Eine Geschichte für den Schulbeginn: Der Mönch Ahjan

Reden zum Schuljahresbeginn sind oft langweilig. Das muss nicht sein. Condorcet-Autor Alain Pichard wurde fündig, als er von seiner Frau die Rede einer Schulleiterin zugeschickt erhielt, die er hier seinen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung stellt. Also, wer Lust hat und wem die Geschichte gefällt, der kann ja seiner Klasse wieder einmal etwas vorlesen.

Nicht nur auf die falsch eingesetzten Steine schauen
Alain Pichard. Lehrer Sekundarstufe 1, Orpund (BE): Sich auch an den guten Dingen freuen.

Liebe Schülerinnen und Schüler

Zu Beginn möchte ich euch eine kleine Geschichte erzählen. In den Sommerferien bin ich immer auf der Suche nach einer neuen Geschichte. Dieses Mal traf ich auf eine, die ein Mönch aus einem buddhistischen Kloster geschrieben hat und die Karin Winkler, Rektorin des Eberhard Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart in ihrer Eröffnungsrede verwendet hat!

Was „Buddhismus“ ist, werdet ihr euch vielleicht nun fragen. Das ist eine Religion, die vor allem in Asien ausgeübt wird und deren Anhänger mit Frieden, Meditation und einfacher Lebensführung zu einem guten, d.h. erleuchteten Leben kommen möchten. Ihr Begründer Siddharta Gautama hat solche Erfahrungen in seinem Leben gemacht und weitergegeben; das war ungefähr schon vor 2500 Jahren.

Unser junger Mönch Ajahn lebt aber in neuerer Zeit. Er und die anderen Mönche hatten mit ihrem letzten Geld Land für ein Kloster gekauft und waren nun völlig pleite. Auf dem Grundstück stand kein einziges Haus, nicht einmal ein Schuppen, sie schliefen unter freiem Himmel. Klar war aber, dass die armen Mönche auf Dauer ein Dach über dem Kopf brauchen. Nur konnten sie sich keine Bauarbeiter leisten – nur mit Mühe konnten sie überhaupt das Material kaufen. Also mussten sie lernen, wie man ein Fundament legt, mauert, ein Dach zimmert, verputzt – eben alles, was zu so einem Hausbau gehört. Uns mag das vielleicht gar nicht so schwer erscheinen, eine Mauer zu bauen – man pappt etwas Mörtel auf einen Stein, setzt ihn an eine Stelle und klopft ihn dann ein bisschen fest, und das Ganze sollte dann noch möglichst gerade sein.

Das durfte wohl nicht wahr sein, zwei Backsteine störten das Regelmaß.

Unser Mönch aber hatte doch so seine Probleme, wenn er leicht auf eine Ecke schlug, um eine ebene Oberfläche zu erhalten, stieg die andere Ecke nach oben, und wenn diese festgeklopft war, tanzte der ganze Stein aus der Reihe und so fort. Also, man braucht eine ganze Menge Geld und Zeit, und unser Mönch gab sich große Mühe, jeden Backstein perfekt einzupassen, egal, wie lange es dauerte. Und tatsächlich, irgendwann war es dann so weit, die erste Backsteinmauer seines Lebens war fertig! Voll Stolz blickte er auf sein Werk – und dann plötzlich erschauerte er: Das durfte wohl nicht wahr sein, zwei Backsteine störten das Regelmaß. Alle anderen saßen schön und regelmäßig in der Mauer und diese zwei saßen schief – ein grauenvoller Anblick! Zwei Steine hatten nun die ganze Mauer verdorben. Was sollte er nun tun? Am liebsten hätte er die ganze Mauer niedergerissen, in die Luft gesprengt oder sonst was mit ihr gemacht. Ich glaube, ihr kennt so ein Gefühl! Er ging also zu seinem Abt und fragte, ob er die Mauer wieder niederreißen dürfe. „Nein“, erwiderte sein Abt (das ist sozusagen der Chef vom Kloster), „sie bleibt so stehen, wie sie ist!“

Auf die falschen Steine fixiert!

So blieb sie also stehen, und wenn der junge Mönch Besucher durch das neue Kloster führte, vermied er es stets, mit ihnen an der Mauer vorbeizugehen, weil er dachte, jeder würde ihn sofort auf dieses Stümperwerk ansprechen. Eines Tages verirrte sich aber doch ein Gast in diese Ecke des Klosters. „Das ist aber eine schöne Mauer“, bemerkte dieser nebenbei. „Mein Herr“, entgegnete Ajahn überrascht, „haben Sie Ihre Brille vergessen oder einen Sehfehler? Sehen Sie denn die schief eingesetzten Backsteine nicht, die die ganze Mauer verschandeln?“ Und was er jetzt sagte, veränderte Ajahns ganze Einstellung zu der Mauer, zu sich selbst und zu vielen Aspekten seines Lebens. „Ja“, sagte der Besucher, „ich sehe die beiden mangelhaft ausgerichteten Backsteine, aber ich sehe auch 998 gut eingesetzten Steine.“ Ajahn war überwältigt, zum ersten Mal seit Monaten sah er neben den beiden mangelhaften Steinen auch die anderen Backsteine. Ober- und unterhalb und links und rechts befanden sich wunderbar, perfekt eingesetzte Steine und ihre Zahl überwog die der beiden schlechten beim weitem. Bis dahin hatte er sich ausschließlich auf seine beiden Fehler konzentriert und war allem anderen gegenüber blind gewesen. Deshalb konnte er den Anblick der ganzen Mauer nicht ertragen und wollte ihn auch anderen Menschen nicht zumuten. Deshalb hatte er das ganze Werk vernichten wollen. Doch jetzt, als er die vielen ordentlichen Backsteine betrachtete, war die Mauer eigentlich überhaupt nicht mehr grauenvoll. Der Besucher hatte doch recht: Es war wirklich eine sehr schöne Mauer. Heute, zwanzig Jahre später, steht sie immer noch und Ajahn hat tatsächlich längst vergessen, an welcher Stelle die mangelhaften Backsteine stecken. Er kann sie mittlerweile gar nicht mehr sehen. (erzählt nach: Brahm, Ajahn: Die Kuh, die weinte. Buddhistische Geschichten über den Weg zum Glück, Lotos-Verlag 2006, S.21ff.)

So nützen der teuerste Schulranzen, der schnellste Computer, das stylischste Handy und die besten Füller und Farbstifte nichts, wenn man nie Lust hat, seine Hausaufgaben zu machen oder die Vokabeln zu lernen. Zum Lernen braucht man gar kein Geld und man kann sich später auch die teure Nachhilfe sparen.

Die wichtige Erkenntnis

Die Dinge selbst in die Hand nehmen

So einfach diese Begebenheit daherkommt, hat sie doch ganz viele kluge Erkenntnisse, die für Euch und für uns alle wichtig sind. Zum einen ist es ja schon ganz toll, dass man, wenn das Geld fehlt oder man einfach Lust dazu hat, Dinge selbst in die Hand nimmt und auch mit wenig Material, Vorwissen und Mitteln etwas baut oder es zumindest versucht. Dass man dazu etwas lernen muss, es Geduld und Übung braucht, ist eine Erkenntnis, die man in der Schule auch gut gebrauchen kann. So nützen der teuerste Schulranzen, der schnellste Computer, das stylischste Handy und die besten Füller und Farbstifte nichts, wenn man nie Lust hat, seine Hausaufgaben zu machen oder die Vokabeln zu lernen. Zum Lernen braucht man gar kein Geld und man kann sich später auch die teure Nachhilfe sparen. Toll ist auch, dass unser junger Mönch sich ganz auf sein Werk konzentriert und sich so viel Mühe gegeben hat. Für ihn verging die Zeit sicher wie im Fluge, weil er mit Hingabe und Liebe an seinem Werk gearbeitet hat. Die wichtigste Erkenntnis, nicht zuletzt für uns Lehrer und auch für Eltern, ist aber, dass wir nicht immer nur auf die Fehler und die Dinge, die nicht klappen, fixiert sein sollten.

Aber lassen Sie und lasst uns doch auch ab und zu an die zwei schrägen Backsteine denken, die das Leben miteinander viel freundlicher und lebenswerter machen.

Wieviel Entmutigung geht davon aus, wenn wir immer nur gucken, was noch zu verbessern ist, aber nicht, was alles schon geleistet wurde. Es soll ja Menschen geben, die sich über eine Vier z.B. im Sport so aufregen, dass sie die vielen Sechser und Fünfer in allen anderen Fächern gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Oder wir haben einen Schultag – oder auch einen Stundenplan oder eine Klassengemeinschaft –, an dem 80% wunderbar klappt und wirklich Freude bereitet, doch beschäftigen wir uns aber oft nur mit den 20%, die nicht so gut gelungen sind oder die uns nicht passen. Natürlich streben wir auch nach Vollkommenheit und Perfektion und oft ergibt das besonders tolle Leistungen z.B. bei Konzerten oder Abiturprüfungen. Aber lassen Sie und lasst uns doch auch ab und zu an die zwei schrägen Backsteine denken, die das Leben miteinander viel freundlicher und lebenswerter machen. Ich wünsche euch so eine spannende und entspannte sowie schöne Schulzeit mit schönen Backsteinen, aber auch runzligen und geraden und schrägen und dazu noch viel Geduld und Liebe zur Sache, sodass euer Werk ein buntes und vielfältiges wird.

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