24. September 2020

Arbeit für eine verspielte Zukunft

BILDUNG SCHWEIZ ist das Organ des LCH, der Dachorganisation der schweizerischen Lehrerverbände. Im Gegensatz zum Condorcet-Blog ist die Zeitschrift “Bildung Schweiz” der Digitalisierung des Unterrichts gegenüber sehr positiv eingestellt. Zumindest lassen dies die Mehrheit der Beiträge und die Auswahl der in ihr schreibenden Autorinnen und Autoren vermuten. Ein Beispiel dafür ist das “Interview” mit einer “spannenden Persönlichkeit” (Originalzitat), verbunden mit dem Versprechen, dieser auf den Zahn zu fühlen. Allerdings merkt man, dass die Eigenschaft, den Interviewpartnern auf den Zahn zu fühlen, nicht zu den Kernkompetenzen dieses Magazins gehört. Nando Stöcklin, wissenschaftlicher Mitarbeiter der PHBern im Fachbereich Digital Learning Base äussert sich euphorisch zu den Möglichkeiten digitaler Technik im Unterricht und sieht vor allem das “Spielpotential”. Im Interesse eines offenen Diskurses veröffentlichen wir diesen Beitrag und danken der Redaktion von “Bildung Schweiz” für die Erlaubnis dafür.

Lernen wird spielend leicht

BILDUNG SCHWEIZ:

Wie würden Sie die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Forschung zu Spiel und digitaler Transformation für Schule und Gesellschaft zusammenfassen?

Nando Stöcklin, PH Bern: Wir leisten Pionierarbeit

NANDO STÖCKLIN:

Spielen wurde im industrialisierten 20. Jahrhundert oftmals als unwichtig abgetan. Sätze  wie  «Erledige  zuerst  deine  Hausaufgaben,  bevor  du  spielen  gehst»  zeigen klar die Priorisierung.  In erster Linie ging es darum, Leistungsanforderungen von Erwachsenen zu genügen, erst dann durften Kinder sich dem widmen, was ihrem Innersten entsprang.  Diese  Leistungsorientierung dürfte mit der digitalen Transformation durch eine Orientierung am Spiel ersetzt werden. Algorithmen übernehmen immer mehr Routinetätigkeiten, also Tätigkeiten, die stark repetitiv sind. Werte wie Zuverlässigkeit, Disziplin, Fleiss und Ordnung verlieren an Bedeutung. Neu entstehende Jobs haben meistens hohe Anforderungen an  Kreativität,  Problemlösefähigkeiten und  Sozialkompetenzen. Das sind jene Nischen, in denen die Menschen den Computern noch überlegen sind. Diese Fähigkeiten werden beim Spielen perfekt gebildet. Dies ist einer von mehreren Gründen, weshalb Spielen zentral werden dürfte im 21. Jahrhundert.

Werte wie Zuverklässigkeit, Disziplin, Fleiss und Ordnung verlieren an Bedeutung.

Sie sagen jedoch nicht nur, dass spielerische Fähigkeiten wichtig sind, Sie gehen noch weiter und sagen «Spielen ist das Lernen und Arbeiten des 21. Jahrhunderts». Wie ist das zu verstehen?

Unter Spielen verstehe ich, selbstbestimmt Herausforderungen anzupacken, deren Ziel in der Herausforderung selbst liegt.  Solche Tätigkeiten passen exakt zu den jeweiligen Fähigkeiten der Kinder und der Erwachsenen. Kinder spielen mit grossem Eifer. Tätigkeiten, die auf Vorwissen und -können zugeschnitten und mit intensiven Emotionen ausgeübt werden, sind der  beste Nährboden für das Lernen. Spielen ist nichts anderes als Lernen. Im  21. Jahrhundert kann dieses Prinzip auch auf das  Erwerbsleben ausgedehnt werden: Wir können unsere Leidenschaft zum Beruf machen, unseren eigenen Job gestalten. Dank  dem Internet finden wir auch in Kleinstnischen Menschen, deren Probleme wir dank unserer Leidenschaft lösen können. Arbeiten fühlt sich so wie spielen an.

Lernen bewegt sich erfreulich in Richtung Spielen.

Ist die Schweizer Bildungslandschaft diesbezüglich Ihrer Einschätzung nach gut unterwegs?

 

Mit der Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 haben Schülerinnen und Schüler mehr Gelegenheit, ihre Einzigartigkeit einzubringen.

Mit der Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 haben Schülerinnen und  Schüler mehr Gelegenheit, ihre Einzigartigkeit einzubringen. Lernen bewegt sich so erfreulich weiter in Richtung Spielen. Insgesamt ist der Leistungsdruck auf Kinder aber nach wie vor recht hoch. Hier könnte sich die Schweiz stärker an Ländern wie Finnland mit weniger Unterrichtsstunden oder Neuseeland mit seinem schlanken Lehrplan orientieren. Mehr Zeit für freies, erwartungsloses Spielen würde die Kinder und Jugendlichen besser auf ihre Zukunft  vorbereiten.  Ausserdem  hätte es positive Auswirkungen auf ihr psychisches Wohlbefinden. An der PH Bern leistet der Fachbereich “Digital Learning Base” hierzu Pionierarbeit.  Er begleitet Dozierende auf ihrem Weg in die Digitalität. Dabei setzt der Fachbereich auf Ansätze, die auf Eigenmotivation basieren und es ermöglichen, auf Augenhöhe voneinander zu lernen.■

 

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1 Kommentar

  1. Herr Stöcklin verwickelt sich, wohl auch wegen der Kürze des Interviews, in manche Widersprüche beim Thema Spielen, Lernen und Arbeiten:

    1. Aussage: Spielen ist gleichbedeutend mit Lernen

    Noch heute ist Johan Huizingas Definition des Spiels in Homo ludens: Vom Ursprung der Kultur im Spiel, 1938 wegweisend:

    Spielen ist demnach eine Grundkategorie menschlichen Handelns, die den Ausgangspunkt und die Motivation für kulturelle, wissenschaftliche und soziale Leistungen der Menschheit bildet. Der homo ludens ist die Voraussetzung für den homo sapiens und den homo faber:

    «Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Andersseins‘ als das ‚gewöhnliche Leben‘.»

    Tatsächlich wird beim Spielen gelernt. Im frühen Kindesalter dient das Spiel
    in freier, unverzweckter Weise der Aneignung der Welt und dem Ausprobieren eigener kognitiver, motorischer und sozialer Fähigkeiten. Stöcklin hat allerdings systematisch schulisches Lernen im Sinn, wenn er Lehrplankompetenzen erwähnt. Damit überschätzt er das Spiel. Freies Spielen schafft die Grundlagen für schulisches Lernen, ist jedoch mit schulischem Lernen nicht gleichzusetzen.

    2. Aussage: Digitales Lernen ist spielerisches Lernen und beendet den Leistungsdruck
    Der Widerspruch liegt darin, dass Stöcklin einerseits zu Recht betont, dass freies Spielen zu Kreativität und Problemlösen anregt, dass er dies anderseits aber mit digitalen, vorstrukturierten Programmen erreichen will, bei denen freies Spiel wegen vorgegebenen Algorithmen gerade nicht möglich ist. Er bemerkt auch nicht, dass Kompetenzorientierung auf eng definierte, vorgegebene Ziele hinsteuert, was Freiheit stark einschränken muss. Ferner fehlt ein Hinweis auf kritische Studienbefunde, die analogem Spielen bessere Lerneffekte zuschreiben:

    «Die ausufernde Nutzung von elektronischen Medien halten Kinder vom Spielen ab und haben deshalb zur Folge, dass die Kinder eine verzögerte Sprachentwicklung zeigen. Ganz besonders auffällig ist dieser Effekt bei Kindern, die schulisch eher schwächer sind und zu Hause wenig Anregung erfahren (Ennenmoser 2003, zit. nach Markus Kübler Spielen und Lernen in Kindergarten und Primarschule 2012)

    3. Nando Stöcklin differenziert nicht zwischen den Altersstufen, innerhalb deren verschiedene Formen des Spiels auftreten: Vom funktionalen Spiel des jüngeren Kindes zum Symbolspiel älterer Kinder. Er unterscheidet auch nicht zwischen fantasievollem und rein repetitivem Spiel. Das alles scheint für den Lernerfolg keine Rolle zu spielen. Spielen scheint bei ihm ein magisches Allheilmittel, das nicht näher erläutert werden muss.

    4. Stöcklin schreibt den Mythos vom stressfreien, spielerisch leichten Lernen fort und überträgt ihn zusätzlich auf die künftige Berufsarbeit. Der Beruf sei für die kommenden Erwachsenen nur noch Spiel:
    Lernen im Sinn von «sich verstehend Wissen und Können aneignen» ist harte Arbeit. Um Verständnis muss mit anstrengendem Denken gerungen werden, Können muss geduldig und hartnäckig geübt werden. Frustrierende Rückschläge und Fehlleistungen gehören dazu. Der Computer mit seinem Programm-Schnick-Schnack nimmt niemandem diese Anstrengung ab. Das gleiche gilt für die Arbeitswelt. Selbst wenn jemand gerne tut, was ihm der Beruf abverlangt, er muss dennoch fremden Anforderungen genügen, er wird dennoch in seiner «spielerischen Freiheit» durch Anpassung an Vorgaben eingeschränkt.

    5. Den Tiefpunkt erreicht Stöcklin, wenn er behauptet, in Zukunft seien Fleiss, Zuverlässigkeit, Disziplin und Ordnung nicht mehr gefragt. Da wundert man sich, für welche Berufe und für welche Firmen Stöcklin die Jugendlichen vorbereiten will: Will er Lokführer ausbilden, die unzuverlässig sind? Will er die Patienten Ärzten anvertrauen, die in ihrer Praxis eine Sauordnung veranstalten? Will er Polizisten, die undiszipliniert dreinschlagen? Dümmer geht nimmer !

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